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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-27 · Heft 11 (27.5.1921) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 11 (27.5.1921)
Date
1921-05-27
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 „Du Äst ja heute so schweigsam," sagte mein Mcmm,, als wir einige Tage später beim Abendbrot saßen. Er ist es halt gewöhnt, daß ich ihm immer etwas zu erzählen habe, wenn ich von meinen Einkäufen heimkomme. Man Hört ja jetzt immer etwas Neues und Erstaunliches in dev Stadt, wenn auch selten etwas Gutes. (Forts, folgt.) Iahr?rtt. uch in unserer Zeit, in der so mancherlei von unseren schönen altjüdischen Bräuchen abbröckelt, wenn auch die Jugend, was immer wieder betont werden muß, sich bemüht, hier Einhalt zu tun, in unserer Zeit also ist die Feier der Jahrzeit etwas, was auch noch Kreise, die, Gott sei es geklagt, weit vom religiösen Judentum abgerückt sind, doch halten. Und das Wort „Jahrzeit", aus dem „Jiddischen" stammend, hat internationale Bedeutung erlangt und wird überall verstanden, wo nur immer aus dem Erdball Juden wohnen. Welche Sitte könnte auch pietätvoller sein, als an dem Tage des Heimgangs eines teuren Verstorbenen seiner im Ge>bet zu gedenken und den Namen Gottes zu heiligen. — Für den also, den noch irgendwelche innere Bande mit dem Judentum verknüpfen, ist es selbstverständlich, daß er an dieser weihevollen Erinnerung hastet und all überall, wo er an diesem Gedenktage weilt, das Kaddischgebet im Kreise der Glaubensgenossen verrichtet! „Keinen Kaddisch wird man sagen", klagte einmal Heine, der trotz der Taufe innerlich Jude geblieben ist; er hinterließ keinen Sohn, der zu seinem Andenken dieses Gebet hätte verrichten können. Wieder war der Tag im Laufe des Jahres gekommen, an dem vor nunmehr schon langer Zeit mein Vater von uns genommen wurde. Ich befand mich gerade in einem Badeort an der schlesisch-böhmischen Grenze, und da in ihm nicht zehn erwachsene jüdische Männer vorhanden waren, so mußten wir in das benachbarte böhmische Städtchen gehen, um dort das Gebet zu verrichten. So wurde mir dieser Tag zu einem Erlebnis besonderer Art. Vor dem Weltkrieg bedeuteten Grenzen recht wenig, heute aber trennt eine solche von Grenzsteinen markierte Linie eine Welt von einer anderen! Wie lächerlich kommen einem manchmal diese Dinge vor, wenn aus beiden Seiten der Linie dieselben Menschen wohnen und die Länder unmerklich ineinander übergehen. Doch davon will ich heute nicht reden! Jetzt ist eine solche Linie ein fast unüberschreitbares Hindernis geworden, aber mit Ausweisen gut versehen, kamen wir hinüber. Mancherlei könnte ich von jenem kleinen böhmischen Städtchen erzählen, das reich ist an historischen Erinnerungen aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Gestalten wie Wallenstein, Oktavio Piccolomini tauchen aus und verschwinden. Der deutsche Krieg von 1866, Kriegerfriedhöfe mit zwecklos hingemordeten Menschen. — Doch nicht davon soll in diesem jüdischen Zusammenhang die Rede sein. In diesem Städtlein der Tschechoslowakei wohnen inmitten einer rein tschechischen Bevölkerung ein paar hundert jüdische Familien. Das Staatsgrundgesetz des neuen Staatswesens gab ihnen die Möglichkeit, für die jüdische Nationalität zu optieren, und die meisten von ihnen haben von diesem Recht Gebrauch gemacht. So ist ihre Lage keine schlechte, und sie haben das Gefühl, in einem freien Staatswesen zu leben, wenn es auch hier nicht an Reibungsflächen fehlen mag, wie es das Verhältnis einer Minorität zur Majorität immer mit sich bringen muß. Die politische Situation brachte ihnen das starke Betonen des Nationaljüdischen, während das Religiöse chres Lebens im Sinken begriffen ist. In religiöser Beziehung darf aus die Kinder kein Zwang ausgeübt werden, und schon in frühem Alter haben sie das Recht, sich freireligiös zu erklären, was aber kein Ausscheiden aus der jüdischen Nation zur Folge hat. Der Gedankeder nationalen Autonomie ist hier in guter Entwicklung begriffen. In ruhiger, stiller Gasse ist die Synagoge gelegen, unweit der Hauptstraße, auf der reges Leben herrscht; hier aber im Straßenwinkel ist es friedlich, still am Sabbatnachmittag, als wir unsere Schritte zum Gottesdienst lenkten. Ich habe schon in vielen Ländern der Welt in Synagogen gestanden, aber immer wieder hat mich bei solchen Gelegenheiten die Erkenntnis gepackt, welch gewaltiges einigendes Band wir in der hebräischen Gebeissprache besitzen, wie sie uns überall heimisch fühlen läßt und in uns die gleichen Schwingungen hervorruft! — Sind wir nicht durch die hebräische Gebetssprache in der Lage, überall dem Gottesdienst zu folgen? Von der tschechischen Predigt — seit Gründung der Tschechoslowakei muß in dieser Sprache gepredigt werden — verstand ich natürlich nichts —, aber altvertraut klangen die Gebete an mein Ohr. Was wären wir ohne die hebräische Sprache? Sie muß uns erhalten bleiben als unsterbliches Symbol unserer Gemeinsamkeit. Es war ein schlichter, einfacher Gottesdienst, kein Chor, keine Orgel, aber doch voll Wärme und Würde, die von Kantor und Rabbiner ausgingen. Selten habe ich eine so andachtsvolle Stunde verlebt als dort, und innerlich erschüttert verrichtete ich das Kaddischgebet. Dann noch ein Stündchen in dem gemütlichen Heim des Kantors. Wir hatten uns nie vorher gesehen, aber mit welch selbstverständlicher jüdischer Gastfreundschaft nahm er uns auf. — Aber wir konnten nicht allzu lange verweilen, wollten wir noch ungefährdet über die Grenze zurück, die zur bestimmten Stunde geschlossen wird. Der Abschied fiel uns schwer, aber innerlich bereichert und in dem Gefühl, einer Pflicht genügt zu haben, traten wir den Rückweg an. Der Sabbatsrieden war auch in unsere Herzen gezogen! Breslau. Dr. Willy Cohn. Litersrilchr Mitteilung. Die „Deutsche Literaturzeitung" kündigt ein neues Fundamentalwert der Talmudliteratur an. H. S. Kassovskh in Jerusalem gibt eine Konkordanz zur Mischna heraus, von der die ersten fünf Buchstaben des Alphabets in nahezu 600 Seiten jetzt vorliegen. Eine Konkordanz zum Talmud und zur Tosefta soll folgen. Interessenten wollen sich an Professor Ludwig Blau (Budapest, Vacirn 85) wenden. Sprrchssal. Sehr geehrte Schriftleitungr Bei der Agitation gegen unseren Verband, die von bestimmter Seite mit Nachdruck betrieben wird, steht die Behauptung im Vordergründe, daß wir auch „Dissidenten" in unseren Verband aufnähmen. Wir gestatten uns darauf hinzuweisen, daß zwar ursprünglich derartige Absichten bei uns bestanden, daß diese Absichten aber inzwischen aufgegeben worden sind und die veränderte Stellungnahme durch eine Satzungsänderung Ausdruck gesunden hat,, in der ausdrücklich bestimmt ist: Personen, die aus dem Judentum ausgeschieden sind (Dissidenten), werden, in unseren Verband nicht ausgenommen. Sie würden uns sehr verbinden, indem Sie dieses Schreiben mit möglichster Beschleunigung zur Kenntnis Ihrer Leser bringen würden. Berlin, den 11. Mai 1921. Hochachtungsvoll Verband nativnaldentscher Juden e. B. Dr. Naumann. Pros. Dr. Grnsberg.

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