Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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131 JFrau Hanna Maier. (2. Forts.) Von Anna G old sch mi M. n Wort und Miene sind sie ganz Teilnahme und I Besorgnis. Der Alte wiederum, noch ein Teil unsicherer, noch ein Teil schwerfälliger nach dem Schreck, tut, als sei nichts gewesen und sucht nur immer lachend seine Frau zu beruhigen. Mein Gott, ist sie denn beinahe gestürzt oder er? Eine Begebenheit macht der Mann mit ihr! Etwas empört sich in mir gegen den Kultus, den der Alte mit seiner zweiten Frau treibt. Wir Frauen nehmen immer Partei für die erste, für die, die chr alles dem Manne gab, alles mit ihm trug, sich so ganz eins mit ihm fühlte und dann doch so völlig, so treulos vergessen wird. Jakob Maier soll mit seinem ernsten unscheinbaren Jettchen ebenfalls sehr glücklich gelebt haben. Und nun freut er sich an einer zweiten Frau und einer zweiten Jugend und genießt das alles, von keiner Reue gequält, im vollen, friedlichen Bewußsein seines Rechtes. Wir sehen uns selber in der Ersten bedroht und sind eifersüchtig auf die Zweite. So könnte es uns doch auch gehen. So schwer, so mühselig schwer haben es sich die Alten gemacht, daß man noch heute mit Bewunderung davon erzählt, und nun, nachdem das Haus in Glanz und Glück dasteht, nachdem alle Kämpfe durchgekämpst sind, da kommt die Zweite und genießt die Früchte von dem, was andere gesät haben, genießt sie in der Vollkraft der Jahre. Ich wuindere mich, «daß ihrer Schwägerin Amalie nie diese Gedanken zu kommen scheinen, sie, die Unzugängliche, Urteilsstrenge., verkehrt schwesterlich mit der viel Jüngeren und Schöneren, die so gedankenlos selbstverständlich Reichtum und Ansehenundalles, was sie, die Aeltere, so.sauer mit erwerben hals, hinnimmt. Frau Hanna fand nichts zu tun vor, als sich schmücken und beschenken zu lassen und Herrn Rudis Sohnesgalanterien — wirklich, Sohnes —? — pfui, da bin ich ja schon wieder da. Warum denke ich nur immer — und kann den Gedanken nicht los werden — daß in Frau Maiers Leben etwas Schiefes sein muß? Sie sicht wahrhaftig nicht leichtfertig aus. Was also will ich von ihr? Warum gehen ihr meine Gedanken so suchend., so mißtrauisch nach? Ich bin doch nicht — .etwa —, aber nein, neidisch kann ich doch wohl nicht sein. Ein Nerzpelz, und was noch so daran herumhängt, macht doch nicht glücklich, und ehe ich einen so alten Mann hätte. — „Gestern in der Loge hörte ich", — ach so, mein Mann. Ich war so ganz Hier Maiers gewesen, daß ich vergessen hatte, wo und mit wem ich ging, „daß Frau Louis Maier den Vorsitz im Frauenverein niedergelegt hat. Sie hat es mit ihrem Alter erklärt und der durch den Krieg verdoppelten Arbeitslast." „So? Und wer ist chre Nachfolgerin?" Ich habe es gedankenlos, nur um mein Zuhören zu bekunden, gesagt, ich interessiere mich nicht sehr für Gemeindeangelegenheiten. „Frau Jakob Maier." „Die? Wie kommt denn die dazu? Ist der Posten erblich bei den Maiers? Es gibt so viele altangesessene Damen hier, die jahrzehntelang in der Sache arbeiten, die hätten doch wohl mchr Ansprüche darauf als Frau Maier, die erst ein paar Jahre hier wohnt. Der Reichtum allein, und daß chr Mann Vorsteher ist." — „Liebes Kind, wenn du etwas gegen die Wahl eittzüwenden hast, hättest du gestern in die Versammlung gehen und es Vorbringen sollen. Du hattest so gut eine Stimme wie jedes andere Mitglied, jetzt aber —" . „Wie jedes andere Mitglied," brumme ich ärgerlich vor mich hin, „aber Frau Hanna Maier wird natürlich Vorsitzende." Da lacht mein Mann laut und belustigt auf. „Aber, Kind, sollen sie vielleicht dich zur Vorsitzenden wählen? Tu tust doch nichts für die Sache, während Frau Hanna Maier" — und sein Gesicht wurde ganz ernst und respektvoll — „Frau Louis hat in ihrer Fluchtrede öffentlich bekundet, daß sie eigentlich schon lange nur dem Namen nach Vorsitzende sei, während ihr ihre Schwägerin alle Arbeit abnehme." „Wenn sie sich nur untereinander hevauSstreichen können, die Maiers!" Mein Mann sieht mich etwas ratlos an 'bei diesem sehr persönlichen und nicht sehr sinnreichen Ausspruch. „Sie soll wirklich unermüdlich sein im Arbeiten," sagt er ernst. „Die Damen gestern vom Schwesternbund sprachen mit großer Achtung davon." „Gott, mit etwas muß sie doch schließlich die Zeit totschlagen," sagte ich achselzuckend. „So etwas bringt ja auch Unterhaltung und Ehre, und im Haushalt hat so eine reiche Frau doch nichts zu tun, während unsereins seit dem Kriege —" „Ja, Frauchen," sagt er gutmütig und klopft mir vergnügt die Hand, „seit dem Kriege hast du für so etwas alles keine Zeit mehr. Hast im Frieden zwar auch nichts dafür getan, aber immerhin —. Und außerdem," sein. Ton wird wieder ernst, „so wir mach oben kommen, gib mir was zu essen, ich habe Hunger." „Na, eben," sage ich noch immer leise verstimmt vor mich hin, „seit dem Kriege hast du ewig Hunger." Und wir aßen zu Mittag, und mein Mann wunderte sich, daß ich „ja heute so still" sei, und da merkte ich, daß meine Gedanken noch immer der neuen Vorsitzenden des Israelitischen Frauenvereins nachgingen. Und sie saugten sich dort fest und berauschten sich an dem großen Glanz und Reichtum und spürten neugierig nach der inneren Oede, nach dem Stückchen Dörrland, mit der die äußere goldige Fülle erkauft sein mußte. Frau Hanna war vor ihrer zweiten Ehe die Witwe eines Hochschulprofessors, mit dem sie in sehr glücklicher Ehe gelebt haben soll, gewesen. Die Kinderlose sollte nach seinem Tode mit den Zinsen ihres kleinen Vermögens und ihrer Pension ein vollkommen sorgloses Auskommen gehabt haben. Da sah man mal wieder, wie Glanz und Reichtum doch lockt, und wie viel schlaue Berechnung sich.hinter solchem Träumerblick, der über die WirAichkeit hinwegzuträumen und wie in eine höhere, bestere Welt zu gleiten schien, barg. Ich glaube, dieser sonderbare Kinderblick, der mir so unberührt schien vom Alltag des Lebens, war es, der mich so wusreizte, mehr noch als der elegante Nerzpelz. Ich hatte einen Neid auf jemand, der heute, wo man sich vor den Läden herumstoßen lassen und vor den Marktständen begraben lasten muß für sein vieles Geld, wo man so unendlich wach sein muß, daß man sich nachts alle Minuten Notizen macht: „Morgen um neun Uhr Butter! Mittwoch ein viertel Pfund Grieß," wenn man nicht gerade mal schläft und Albdrücken bekommt aus Angst, man kommt zu spät und in der Fleischhalle ist alles schon ausverkauft, — ich hatte einen Neid auf jemand, der so-feiertäglich träumen konnte. Ach ja, reich sein und eine langgeschulte Köchin haben, die einem das alles abnahm, war doch schön und bequem. Oft spielte ich mit dem Gedanken, — Gott, man hat doch manchmal so verdrehte Ideen, — ob ich Wohl, ich will mal sagen, — ich wäre frei gewesen, — und der alte Maier hätte mich gewollt, ob ich wohl--— Wenn ich an sein vieles Geld dachte, sagte ich mit aufwallendem Herzen „ja". Führte mich aber meine Phantasie etwas näher in das Eheleben mit meinem greisen Pseudofreier, dann sagte ich: „ach nee, doch lieber nicht!"