Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 auch in Pribram und vermutlich in Leitmeritz. Die Greuel der Kreuzzüge haben die Zahl der Juden in Böhmen arg herabgemindert; in der zweiten Halste des zwölften Jahrhunderts sollen im ganzen 106 Juden in Böhmen gelebt haben. Mit der Verringerung der Seelenzahl trat auch eine Verarmung der böhmischen Juden ein. Cosmas, der im Jahre 1125 verstorbene erste böhmische Chronist, hielt sie noch für sehr reich. Zum Jahre 1090 läßt er die mährische Fürstin Hilburga die Aufmerksamkeit ihres Schwagers, des böhmischen Königs Wratislaw, auf die großen Reichtümer der Juden und der Kaufleute verschiedener Nationen in Prag und Whsehrad lenken. An ihnen könne er sich besser bereichern als durch einen Krieg gegen seinen Bruder Konrad in Mähren. Nicht einmal bei dem Brande der Stadt Troja, so übertreibt unser Chronist in seiner parteiischen Weise — er war Dekan der Prager Kirche —, wurde solche reiche Beute gemacht, wie bei der im Jahre 1068 von dem frommen Bretislaw II. ungeordneten Plünderung der Juden. Er läßt sie über 4000 Mark Silber aufbringen, um den im Jahre 1124 in Ungnade gefallenen Jakob zu befreien. Was sagt die nebelhafte Vorstellung, die ein weltfremder christlicher Priester von dem Reichtum der Juden hatte, wenn die Mitgift einer böhmischen Königstochter, die mit dem Erben der deutschen Kaiserkrone verlobt war, aber durch die Intrigen ihres Oheims, des Babenbergers Leopold VI., den Verlobten an ihre Base verlieren mußte, im ganzen 15 000 Mark betrug? Mehr konnte Ottokar I. seiner Tochter Agnes nicht mitgeben, und mußte er die Hilfe seines Schwagers von Bayern anrufen, der ihm 15 000 Mark borgte. Daß im Jahre 1107 die Pallien der Prager Kirche bei den Regensburger und nicht bei den Prager Juden versetzt wurden, ist ein Beleg dafür, wie tief der schäbige Rest, der nach dem ersten Kreuzzuge im Lande verblieben war, wirtschaftlich gesunken sein mußte. Gewiß, in Rußland, Polen und Ungarn war die Armut drückender: den meisten Gemeinden fehlte es wegen ihrer Armut an Talmudgelehrten. Das Amt des Vorbeters, Lehrers und Rabbiners war in einer Hand. Einzelne mochten durch ihren Reichtum hervorgeragt und vorgeschobene Posten bei Hose eingenommen haben, wenn sie vom alten Väterglauben abgefallen waren; alle Juden konnte nur der für reich halten, der sie durch die Brille der Mißgunst und des anerzogenen Hasses betrachtete. ■ Mit den im 11. Jahrhundert eingewanderten Deutschen, die am Poric in Prag ihre eigene Gemeinde mit einer Kirche, der Peterskirche, besaßen und in der „Deutschen Gasse" wohnten, beherrschten die Juden den Handel. Der Geldverkehr, der Handel mit Sklaven und mit den im Lande reichlich gefundenen Metallen lag in ihren Händen. In Eule gab es eine Goldwäfcherei, in Mies, dem alten und jetzt wieder so benannten Stribro, befanden sich Silbergruben, in Pribram und Kuttenberg Erzbergwerke. Aus dem landesherrlichen Verbot, das den Juden den Aufenthalt in der Nähe der Bergstädte verstattete, folgern wir, gleichwie aus der Untersagung der Mainzer Rabbinersynode, mit Hostien zu handeln, daß die Juden jeden Geschäftszweig kannten und mit ihrer Erfindungsgabe der einheimischen Bevölkerung überlegen waren. Während ihre Landesgenossen in engen und ursprünglichen Verhältnissen dahinbrüteten, trugen sie spitze Hüte, Schwert und Schild, ihre Frauen am Sabbat Ohrringe. Der Wetteifer mit dem deutschen Handelsmann bestimmte die Juden, die deutsche Sprache zu gebrauchen, was in unserer Periode noch keine Provokation bedeutete. Zwei Gelehrte, der Verfasser des Gutachtenwerkes „Or Sarua" und der Verfasser des Machsorkommentars „Arugat ha Bösem" verwenden zwar auch slawische Ausdrücke zur Erklärung mancher Begriffe. Es wäre ein Trugschluß, wollten wir daraus auf die Beherrschung der slawischen Sprache seitens der Autoren und deren Leser einen Schluß ziehen. In den vier Foliobänden des „Or Sarua" gibt es etwa ein Dutzend slawischer Worterläuterungen, darunter Ausdrücke aus dem alltäglichen Gebrauche, wie jahoda — Erdbeere, bavlna Baumwolle, koetiny Blumen, motyka — Haue, lopata — Schaufel. Eine recht dürftige eopia verborum, wenn das Werk für die in slawischen Ländern lebenden Juden geschrieben wurde. Den Zentralpunkt des geistigen Lebens bildete die Religion. Die Treue und Anhänglichkeit für den altüberlieferten Väterglauben war bei groß und klein, bei reich und arm etwas Natürliches und Gegebenes. Nur drei Namen treuloser Juden hat die Geschichte erhalten: Jakob und Stephan in Böhmen, Podiba in Mähren. Jakob aber kehrte reuevoll zum Judentum zurück und büßte den Mannhaften Entschluß, die heiligen Reliquien der Kirchs, die er unter dem Zwang der Kreuzzügler in sein Haus gebracht haben dürste, wieder zu entfernen, mit dem Verlust seiner ganzen reichm Habe. Von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit und von der Verehrung für die Großen und Vornehmen der Gemeinde zeugt das hohe Lösegeld, das die Juden zur Befreiung Jakobs ausbrach-ten. Die Religionswissenschaft fand eine vornehme Pflegestätte in der Prager Gemeinde, deren Lehrer Weltruf hatten. Die bekanntesten und glänzendsten Namen sind: R. Elieser b. Isaak. Er war ein Schüler des R. Tam, unter dessen Leitung er Tossasvt verfaßte. R. Mose b. Jakob; er wrrb in den Tossasot an zwei Stellen genannt. R. Abraham b. Asriel, bet Verfasser des bereits erwähnten Machsorkommentars „Arugat ha Bösem" und Lehrer des R. Isaak b. Mose, dessen Werk „Or Sarua" von hoher kulturhistorischer Bedeutung ist. Dieser lebte als Kind in Sachsen oder Meißen, als Jüngling in Böhmen, später in Deutschland und Frankreich, zuletzt in Wien. Er kam auch nach Ungarn, wo er Ofen; und Gran, besuchte. Aus Neutra wandte man sich in einer eherechtlichen Frage an ihn. Auch wurde er bestagt, ob ein Wann, der unversehens ein Kind erschlagen hatte, als Vorbeter angestellt werden darf; wenn der Vater d:s toten Kindes dagegen protestiert. Die Anstellung des Vorbeters konnte nämlich nach anderen Gutachten selbst ein einzelner verhindern, weil die Wahl einstimmig zu erfolgen hatte. In den Spendenbei der ThoravE lefung sieht er nichts Unrechtes, obschon sein Vater sie " für unstatthaft hielt. Das Recht des Aushchens der Thorarolle aus der Bundeslade kaufte am Sabbat ein angesehenes Mitglied der Gemeinde und übergab die Thora dem Vorbeter, der damals nur die zwei Sätze vortrug: und inrr 12'.*6x Nach 12',1^82 yx sprachen nur Waisen das Kaddisch, während in Frankreich hierauf nicht geachtet wurde. In den rheinländischen Gemeinden wurde die Predigt am Sabbatnachmittag nach dem Mincha abgehalten. Am Sabbat nach dem Gottesdienste besucht man die Kranken und Leidtragenden. Am Rüsttage des New jahrsfestes ißt man den Kopf eines Widders in Honig. Freitag abends wurden die Trauungen abgehalten und an der Hochzeitstafel aus den Gesangbüchern Lieder vorgetragen. Die Synagogendiener und die Kinder riefen es laut aus, daß man die Sabbatlichter anzünden möge. Welch profundes Wissen unser Meister besaß und von jedem, der in jener Zeit eine religiöse Entscheidung zu treffen hatte, vorausgesetzt wurde, das beweist am besten die Tatsache, daß es einen Schulchan Aruch noch nicht gab, daß die Codices des Alfasi und Maimonides unserem Or Sarua nur zmn Teil bekannt waren, daß er darum das ganze werte Meer des Talmud souverän beherrschen mußte. Möge in der neuen Aera der slawischen Herrschaft der Hüter Israels mit uns sein, wie er mit unseren Vätern gewesen, aus daß die Lehre nicht weicht aus unserem Munde und aus dem unserer Kinder und Kindeskinder bis in alle Ewigkeit!