Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 und es ist mehr die empfundene Verkennung, dis schmerzliche Zurücksetzung als die erduldeten Entbehrungen, was dem Leide seine Tiefe, feine Tragik gibt. Etwa 70 Männer gruppieren sich um die Tische. Es sind viele interessante Künstlergesichter und Charakterköpfe darunter. Man sieht Haare in allen Farben und — viele Vakanzen, die niemehr besetzt werden, oder, um höflich zu bleiben, Denkerstirnen, die sich über einen großen Teil des Schädels aüsdehnen. Oben sitzen die Veteranen des Kantorats, in deren Herzen es aber noch hell und jugendlich klingt. Daneben abgestust — hier geht alles nach Skala und Tonleiter — vollendete Kantoren, die am Zenith ihres Wirkens stehen, und Aufstrebende und Werdende. Männer allen Alters und allen Temperaments, Großstädter und Provinzler, und zwischendurch die bekannten Gestalten der Berliner Gesangsmeister. Ernst, aber nicht verzagt ist ihr Gesichtsausdruck; sie sind kampflustig und entschlossen, sich ihr Recht zu erringen. Die Sitzung wird durch Gesang eingeleitet. Als Huldigung für den unsterblichen Meister singen die Berliner Kantoren Lewandowskhs Socharti loch. Herr Oberkantor Pinchassow i tz ist der Chason und die anderen bilden den Chor. Selten hat das deutsche Judentum einen Chor von solcher^Kraft und Pracht gesehen. Und der seelenvolle Gesang erklingt in wunderbarer Schönheit und bringt Stimmung. Die Glocke des Präsidenten ertönt. Es kommt Leben und Bewegung in die Reihen. Der Meister der Eleganz, der stets liebenswürdige und stets arböitssreudige Berliner Obevkantor D a v i d s o h n eröffnet die Versammlung mit einer warmen Begrüßung und einem ernsten Hinweis auf die Bedeutung der zu beratenden Fragen. Als erste Geduldsprobe muß die Versammlung die ewig übliche und ewig schöne Begrüßungs- Parade über sich ergehen lassen. Ganz wie in den „alten, guten Zeiten" bei den Alioth wird jeder Offizielle und Offiziöse mit Namen und Morenu ausgerufen, und jeder macht seinen Mischeberach und bekommt seinen Mischebevach. Und es wird viel dabei „geschnoddert", — herrliche, schöne Worte. Nur steht die Valuta dieser Sympathigkunldgebungen noch niedriger als die Polnische. Selbstredend bilden Rabbiner und Kantoren, Vorstand und Gemeinde ein messianisches Friedensidyll, und alles ist vom hohen Ideale begeistert, daS Möglichste für den wichtigen Kantorenstand zu tun. Nur ist die Wirklichkeit noch fern von diesem Ideal; es ist eben ein Ideal. Und nun ist man gestärkt und die eigentliche Arbeit beginnt, und andere Bilder werben ausgerollt: bittere Not, Verkümmerung aller Rechte und antijüd li s ch e s Empfinden. Gewiß nicht überall, — es gibt auch in dieser Wüste Oasen — aber der wahrlich nicht goldene Faden, der sich durch alle Klagen zieht, ist der, daß ohne schweren Kampf nichts erreicht wird, daß alles aus wirtschaftlichem und sozialem Gebiete mühsam in zielbewußtem Kampfe abgerungen werden muß. Ein Referat nach dem anderen wird gehalten, Redeschlachten werden geliefert und immer wieder ist der Schrei nach Besserung, die Erkenntnis, daß der ganze Stand langsam aber sicher abstirbt, wenn keime Hilfe geschaffen wird. Ein trauriges Zukunftsbild! Man kann sich einen Gottesdienst ohne Rabbiner wohl denken, sogar ohne Parneß, aber ohne Vorbeter? Nein, das ist auch in unserer republikanischen und revolutionären Welt nicht möglich Und immer breiter fließt der Redestrom, der nur mühsam vom Vorsitzenden eingedämmt wird, und immer größer wird die Kampfeslust. Man weiß, daß man nicht allein!in seiner Not dasteht, daß der Schmerz von allen empfunden und geteilt wird, und daraus quillt neuer Mut und neue Kraft. Dabei bleibt die Harmonie der Versammlung ungestört, und selten vernimmt man einen Mißton, selten kommt eine Entgleisung vor. Es scheint, daß die Harmonie der Not die höchste fft. Erst in der vierten Nachmittagsstunde wird die Verhandlung abgebrochen und die opferfreudigen Berliner Kollegen laden die auswärtigen zu einem schlichten, gediegenen Essen ein, das in bester Laune und gewürzt von Humor und Witz verläuft. Es geschieht dann etwas Fürchterliches, ein Attentat aus die geheiligte Tradition der Assimilation. Das Schir hamaaloth vor dem Tischgebet wird mit der zionistischen Melodie der „Hatikwa" gesungen. Baruch meschneh ittim! Das hätte vor zehn Jahren in Berlin geschehen sollen! Die Gemeindegewaltigen hätten sich vor Schreck be-magen-davidet. Ja, der Zionismus ist wie der Sozialismus hoffähig geworden. Das hat die böse Revolution bewirkt. Die Nachmittagstagung setzt ein wenig schläsrig und müde ein. Geisättigte Existenzen kämpfen nicht gern. Allmählich aber kommt doch wieder Wärme in die Reihen. Die Wünsche kristallisieren sich zu einem starken W >i l l e n und er wird in praktische Formen gegossen. Man will sich mit den Organisationen der anderen jüdischen Beamten vereinigen, um mehr Rückgrat zu haben, und man will die Gemeinden zwingen, d em Kanto r die Stellung' zu geben, die ihm g e b ü h r t. Es werden rationelle Beschlüsse gefaßt, und man geht von der Versammlung mit dem Bewußtsein, die Solidarität gestärkt und die Würde des Judentums gewahrt zu haben. Eine recht gemütliche Geselligkeit folgt am Abend als Lohn der schweren Tagesarbeit. Die Berliner Kollegen bieten ihre vollendeten musikalischen Gaben, die mit herzlicher Dankbarkeit entgegengenommen werden, und man verweilt im anregenden Kreise bis zur Polizeistunde. So verlief der Dag in fruchtbarer Arbeit und seltener Harmonie und hinterließ die Erinnerung an nützliche, schöne Stunden, die noch lange in der Seele nachklingen und die Schaffensfreude beleben. Die Juden unter den KrrmyMdrn. Von Rabbiner Professor Dr. Schwach (Prag). (Schluß.) m. Jahre 1124 wurde den Christen unter Androhung schwerer Strafen verboten, bei den Juden zu dienen. Der Gedanke von der Kammerknechtschaft der Juden war .den böhmischen Fürsten noch nicht geläufig. Im Stift Rohradin (Mähren) wurde das Privilegium Prcmhfl Ottokars H. vom Jahre 1268 ausgesunden. Es ist eine Nachbildung des Privilegiums, das Friedrich II. im Jahre 1238 den deutschen Juden gewährte und in dem die Theorie von der Kammerknechtschaft der Juden zum Gesetz erhoben wurde. Dieser Schutzbries weckte den Widerspruch der böhmischen Großen, für die es nach dem verbrieften Rechte der Juden nichts mehr zu holen gab aus den Taschen der jüdischen Opfer. Der größte Premhflide aber, der auch hier den größten Staufenkaiser sich zum Vorbilde genommen hatte, setzte sich damit ein bleibendes Denkmal in den dankbaren Herzen unserer Altvorderen. Das Privileg Ottokars sollte ein Schutz sein gegen die Gefahren, mit denen das seit dem neunten Jahrhundert in Böhmen eingeführte Christentum für die Juden verbunden war und die während der Kreuzzüge das Judentum an seiner Wurzel bedroht hatten. Der Schutzbrief des Größten seines Stammes war berufen, die Schäden zu heilen, ihre Wiederholung zu verhüten und die äußeren Verhältnisse der böhmischen Juden- Heit zu festigen. An der Sonne der königlichen Huld reiften auch die inneren Verhältnisse unserer Vorfahren unter dem sanften Joche der Prernhslidenherrschaft. In den zwei Burgflecken, Prag und Wysehrad, lebten die Juden seit unvordenklichen Zeiten und blldeten dort unter der Führung ihrer Aeltesten eine geschlossene Gemeinschaft. Sie unterstanden nicht der Gerichtsbarkeit des Stadtrichters, sondern der des Judenrichters. Jüdische Niederlassungen gab es