Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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J25 Die Stellung der Juden unter türkischem Regime war seit der gastfreundlichen Aufnahme im 15. Jahrhundert stets günstiger als die der anderen, christlichen, Fremdvölker der Türkei. Sie haben, als sie griechische Untertanen wurden, wenig gewonnen. Griechenland hat auf dem alten Landesterritorium, aus dem Peloponnes, in Athen und dem übrigen Mittelgriechenland, so gut wie gar keine jüdischen Einwohner, nur in den seit 1881 nach und nach von der Türkei erworbenen Landesteilen gibt es jüdische Gemeinden, die stärkste in Saloniki, andere zum Teil auch recht zahlreiche in Volo, Korfu, Jannina, Arta usw. Die Juden leben streng abgesondert von ihren christlichen Mitbürgern, Mischehen kommen nicht vor. Ihre Namengebung ist der griechischen nicht angeglichen, in der äußeren Lebensführung 'befleißigen sie sich, soweit sie Geld haben, einer starken Europaimitation, oft eines wenig geschmackvollen Luxusses. Sie genießen volles Bürgerrecht, dienen rn der Armee, bringen es auch hie und da züm Reserveoffizier, aktive jüdische Offiziere gibt es im griechischen Heere nicht. Politisch sind sie nicht fest orientiert; einen eigenen jüdischen Kandidaten für das Parlament hatte nur Saloniki aufgestellt. Schädlich für sie war es, daß einer der wenigen sozialistischen stark oppositionellen Abgeordneten des vorigen Parlaments, Kuriel, ein Jude war. Ein irgendwie politisch gefärbter Antisemitismus existiert in Griechenland nicht, ebensowenig irgendein ethisches Vorurteil gegen sie, im Gegenteil: die kleinen jüdischen Geldwechsler sind wegen ihrer besonderen Zuverlässigkeit geachtet. Wohl aber hegen die Griechen ein instinktives Fremdgefühl gegen sie. Auf der anderen Seite sind die Juden in der jüngeren Generation geschlossen zionistisch gesinnt: davon zeugt in Saloniki eine Max-Nordau-Straße; oft sieht man das Bild Herzls in Häusern oder als Kravattennadel getragen. Jedenfalls kann man das jetzt plötzlich aufgetauchte Gerücht eines Ritualmordes in Saloniki und seine bedauerlichen Folgeerscheinungen in keiner Weise als Symptom einer wirklichen antisemitischen Bewegung auffassen; es ist lediglich eine Kundgebung eines irgendwie mißleiteten Pöbels und die scharfe Kritik des Ministerpräsidenten Gunaris an den Demonstranten entspricht durchaus dem Empfinden der griechischen Allgemeinheit. * Aus Paris wird geschrieben: Edmund Fle ge lh e ime r, ein Schweizer Bürger und bekannt unter dem Pseudonym Edmond Fleg, ist in Anerkennung feiner Verdienste um die französische Literatur zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Flegelheimer, der sowohl ein ausgezeichneter Dichter wie Dramatiker ist, hat auch mehrere Dichtungen jüdischen Inhalts unter dem Titel „Leoute Israel!" (Höre Israel!) verfaßt. Großen Erfolg hatte in der letzten Saison sein Schauspiel „Ba Maison du Bon dieu" (Das Haus des (guten) lieben Gottes). Die Vertreter 'dreier Glaubensbekenntnisse, ein jüdischer, ein katholischer und ein protestantischer Geistlicher, werden durch den Krieg vereinigt und finden sich im gemeinsamen Streben, das Los der Bedrückten und Mühseligen zu lindern, als Brüder wahren Menschentums. — Aber nicht nur auf der Welt der Bretter, sondern auch in der realen Welt scheint langsam etwas wie Menschheitsliebe zu erwachen. So zeigt Albert Thomas, der Direktor des Arbeitbureaus des Völkerbundes, reges Interesse für das Problem der jüdischen Flüchtlinge aus Rußland, die sich jetzt in Konstantinopel aufhalten. Er hofft, mit Hilfe der Alliance Israelite ihnen Beistand leisten zu können. In nächster Zeit sollen 200 jüdische Waisenkinder aus der Ukraine in Palästina unter der Obhut des jüdischen Nationalrats unter gebracht werden. Weitere 200 Waisen sollen aus Kowno nach Konstantinopel überführt werden. * Erklärung der Zionistischen Exekutive. Die Zionistische Exekutive ersucht um Veröffentlichung folgender Erklärung: Die letzten Berichte wegen der antijüdischen Unruhen in Jaffa bezeugen, daß die Unruhen nach dem 2. Mai sich nicht wieder erneuerten. An anderen Orten des Landes herrscht Ruhe. Die palästinensische Regierung bemüht sich, Beruhigung eintreten zu lassen und Leben und Vermögen zu beschützen. Keine Meldung, weder eine offizielle noch irgendwelche andere weist auf irgendeinen Zusammenhang hin Zwischen diesen Vorfällen und dem Wirken von Kommunisten,' die nur sehr gering an Zahl sind. Die Kommunisten verfolgen die Politik, mit den Arabern in Freundschaft zu leben, und es ist klar, daß diese nicht die Araber überfallen konnten. Es ist gut möglichdaß die antijüdischen Agitatoren die Gelegenheit benutzt haben, die Juden zu überfallen. Dies ist um so mehr wahrscheinlich, wenn man die energische antijüdische Propaganda, die seit mehreren Monaten geführt wird, in Betracht zieht. Das Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation fordert von jedem Zionisten, jetzt Ruhe zu bewahren. Die britische Regierung und die öffentliche Meinung werden sich keineswegs durch Gewalttaten oder Unruhen beeinflussen lassen. Der High Commissioner besitzt das vollste Vertrauen des ganzen jüdischen Volkes und aller friedlichen Elemente in Palästina. Die zionistische Bewegung steht fest. Der Verlust teuerer jüdischer Leben wird beim ganzen Judentum Sympathiegesühle erwecken. Unsere Herzen sind voll des Schmerzes für die Opfer der Ueberfälle, aber das Unglück wird noch die Entschlossenheit des jüdischen Volkes, sein nationales Heim in Palästina wieder aufzubauen, verstärken. Jeder Zionist und jeder Jude muß begreifen, daß diese Geschehnisse nicht vorgekommen wären, wenn es möglich gewesen wäre, Zehntausende von Juden, die draußen harren, ins Land zu bringen. Das einzige, was sie hindert, nach Palästina zu gelangen, ist der Mangel genügender Mittel, die das jüdische Volk der Zionistischen Organisation noch nicht zur Verfügung gestellt hat. Die Antwort des jüdischen Volkes auf die Vorfälle in Jaffa muß die sofortige Sammlung genügender Summen für eine große Einwanderung und für Mittel zur Verhinderung, von Unruhen sein. Die Treue zur zionistischen Bewegung wird nur auf diese und auf keine andere Weise bewiesen. Sich verspäten, heißt unsere Brüder verraten, die für unser Ideal in Palästina kämpfen. Die Verantwortung für die nächste Zukunft liegt auf den lokalen Organisationen. Die Exekutive richtet diese Warnung an alle Föderationen und verlangt Glauben und Vertrauen zur zionistischen Bewegung, absolute Ruhe und sofortige energische Arbeit. J. P. Z. # Aus und übet Palästina. Nach einem Telegramm Samuels werden die Schuldigen an den Ausschreitungen demnächst vor ein Ausnahmegericht gestellt werden. Mit der Untersuchung wurde der Justizsekretär Be nt wich betraut. Bei der Beerdigung der 32 jüdischen Opfer in Jaffa ruhte der Verkehr in der ganzen Stadt. Die Judenheit Jaffas war vollzählig vertreten und alle Läden waren geschlossen. Infolge der unruhigen Verhältnisse und des Mangels an Beschäftigung in Palästina hat die Palästinensische Regierung ein t e m - poräres Verbot der Einwanderung nach Palästina erlassen. Die Zionistischen Landesorganisationen haben gegen diese Verordnung Protest erhoben. Wie „Daily Telegraph" mitteilt, hat sich Kolonialminister Churchill dahin entschieden, daß die in seinen Bereich fallende Verwaltung des Mandatsgebietes Palästinain der bisherigen Weise weitergeführt wird. Es soll besonderer Wert auf den Ausbau -des Hafens von Haifa gelegt werden; die Stadt soll der Ausgangspunkt eines Automobilnetzes und einer Eisenbahn nach Mesopotamien werden, auch sollen hier die Rohrleitungen für das mesopotamische Naphtha münden. Die Hedschasbahn wird einer besonderen Kommission unter Führung eines englischen Fachmanns unterstellt. Palästina soll zu Verteidigungszwecken eine eigene Truppe erhalten, je zur Hälfte aus Juden und Arabern bestehend. Das Ostj-ordanland soll ein unabhängiger Staat werden und vorläufig unter Führung des Emir Abdullaheines Bruders des Emir Fai'sul, stehen, toex von britischen Beratern unterstützt werden wird. (Emir Faisul soll das Haupt der mesopotamischen Regierung werden.) Die Heiligen Stätten Palästinas werden unter den Schutz einer aus Vertretern aller drei Religionen gebildeten Kommission gestellt, an deren Spitze eine englische Persönlichkeit treten wird. Der Staatssekretär für Indien, Mo-ntagu, erklärte einer nach London gekommenen indisch^mohammedani scheu Delegation, daß kein Grund vorliege, sich wegen der geistlichen Interessen der Mohammedaner Palästinas zu beunruhigen. Der Friedensvertrag mit der