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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-27 · Heft 11 (27.5.1921) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 11 (27.5.1921)
Date
1921-05-27
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 nicht erzogen und ausgebildet sind. Ihre Mittel schienen ihnen eine gewisse sorgenfreie Existenz zu verbürgen, im Nahmen einer bescheidenen Häuslichkeit, im möblierten Zimmer oder im Pensionat. Jetzt sind. Mieten, Bedienung, Pensions- und Zimmerpreise unerschwinglich hoch geworden. Infolgedessen reicht es nicht mehr für das Notwendigste. Der Vorrat an Wäsche und Kleidung ist mehr und mehr aufgebraucht. Die einigermaßen entbehrlichen Dinge, die das Leben schmückten und behaglich machten, sind verkauft, oft mit Ueberwindung der intimsten Pietät. Alle kleinen Bequemlichkeiten und Unterhaltungen müssen unterlassen werden und das Leben engt sich immer mehr in freudloser, verschämter Abschließung ein. Unterernährung, Sorge, Hoffnungslosigkeit, Verbitterung verleiden diesen Unglücklichen das Dasein. Durch die übliche organisierte und Vereinswohltätigkeit ist wegen der Unübersichtlichkeit und Vielgestaltigkeit der Umstände hier nicht einzugreifen; abgesehen davon, daß sie meist nicht' am Platze und erwünscht wäre. Durch eine Art der Selbsthilfe nur können diese Verhältnisse gebessert werden. In der Wohnungsfrage liegt zweifellos der schwierigste Teil des Problems und gleichzeitig der Schlüssel zu seiner Lösung: Schon durch das Zusammenlegen von Haushalten auf genossenschaftlicher Grundlage (nach Art dos Einfamilienhauses), durch Zusammenschluß von einzelnen Personen zu einer Gruppe könnte wesentlich billiger gewirtschaftet werden. Würden mehrere Einzelwohnungen zum Tausch gegen eine größere zusammenhängende angeboten werden, so würden dadurch mehr Räume frei, als verlangt werden, und es läge nur in der gemeinnützigen Bestimmung der Wohnungsämter, einen solchen Tausch zu vermitteln. Allerdings hat die Mehrzahl der Mtleidenden des Mittelstandes keine Wohnung aufzugeben und anzubieten. Sie wohnen möbliert oder in Pensionen. . Ein Eingehen auf alle diese und andere Widrigkeiten, welche außer den Wohnungssorgen die gebildeten Personen des Mittelstandes bedrücken> würde an dieser Stelle zu weit führen. Jedenfalls aber erkennen wir als Vertreterinnen des „Jüdischen Frauenbundes" es als unsere Pflicht, uns für die Notlage des Mittelstandes einzusetzen, um Wege zu öffnen und Hilfsmöglichkeiten zu schaffen. Die Ortsgruppe Berlin des Jüdischen Frauenbund es. * Stndentenehre. Das „B. T." veröffentlicht einen Prozeßbericht aus Gießen, der ein bezeichnendes Licht auf das Heldentum antisemitischer Couleur-Studenten wirst. An der Universität Gießen geben sich die deutschnationalen Verbindungen alle Mühe, ihren jüdischen Kommilitonen das Dasein zu verekeln. Bei der geringen Zahl der letzteren gehört natürlich ungeheurer Heldenmut dazu, diese bei jeder Gelegenheit zu hänseln. Setzt sich dann einer der Angegriffenen zur Wehr, dann verurteilen die Gerichte nicht etwa die Beleidiger, sondern den Juden, der seine Ehre verteidigt hat. Ein Student Falkenste in, der einer jüdischen Verbindung angehört hat, war von einem antisemitischen Studenten Otto Jung in öffentlichem Lokal wegen seines Glaubens gehänselt worden. Er forderte nach studentischer Sitte oder Unsitte den Beleidiger zum Zweikampf, dieser lehnte jedoch mit höhnischen Bemerkungen ab. Wir verurteilen das studentische Duellunwefen aus das schärfste, aber dieser Vorgang ist doch charakteristisch, weil von den Antisemiten den Juden stets der Vorwurf gemacht wird, daß sie feige wären und „kniffen". Als der Beleidigte keine Satisfaktion erhalten konnte, gab er seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht. Darauf verurteilte ihn das Schöffengericht Gießen wegen „hinterlistigen Ueberfalls" zu vier Wochen Gefängnis! Das Landgericht kam zu 'der Ueberzeugung, daß ein hinterlistiger Ueberfall nicht vorliege, erkannte aber wegen einfacher Körperverletzung auf 500 Mark Geldstrafe. Der beeidigte jüdische Student hat jahrelang im vordersten Schützengrabengelegen und zahllreiche Kriegsauszeichnungen erhalten. Dies war der „Dank des Vaterlandes". In einem Zweiten Fall hatten nicht weniger afs fünf Burschenschafter denselben Studenten Falkenstein, als -er sich in Begleitung einer Dame befand, erst öffentlich beleidigt und dann, als er sich zur Wehr setzte, so barbarisch mit Stöcken mißhandelt, daß ihm das Nasenbein zertrümmert wurde und >er schwere Verletzungen erhielt. Auch in diesem Fall hatte das Schöffengericht den angegriffenen jüdischen Studenten wegen „hinterlistigen Ueberfalls" zu 250 Mark Geldstrafe, die fünf Angreifer dagegen zum Teil zu geringeren Strafen verurteilt. Das Landgericht sprach als Berufungsinstanz Falkenstein frei. Man weiß in diesem Falle nicht, bemerkt der „Vorwärts" treffend, ob man mehr den Heldenmut der antisemitischen Jünglinge oder die richterliche Unbefangenheit des Schöffengerichts bewundern soll. * Das „Berliner Tageblatt" vom 21. Mai (Morgenausgabe) veröffentlicht folgende Zuschrift: Ein polnischer Meuchelmord« Erschießung eines als Geisel verschleppten S e kund a n e r s. Aus uubedingt zuverslläfsiger Quelle erfahre ich, daß der von den polnischen Insurgenten als Geisel verschleppte Oberfekundaner H a a s e, ein Sohn des Fabrikbesitzers Dr. F e l i x H a a s e in Rybnik, von den Polen im Walde von Korngratz erschossen worden ist. Er war geigen ein Lösegeld sreigelassen, später ab>er wieder festgienommen worden. Näh>ere Angaben über diesen ruchlosen.Mord sehbm noch. Die beiden Söhne des Herrn Dr. Hause 'hatten sich mit Aufopferung! und voller Begeisterung in den Dienst der heimatstreuen Oberschlefter gestellt. Sie waren deshalb -den dortigen Polen ein Dorn im Auge und schon länge mancher Unbill und polnischantisemitischer Anrempelei auiIM'etzt. Dieser schändliche Mord hat i,n Rybnik die größte Erregung hervorgernsen, zumal die hochan,gesehene Familie Haase schon feit vielen Generationen in Rybnik ansässig i>st. Der Großvater des jugendlichen Opfers -deutscher Vaterlandsliebe war Ehrenbürger der Stadt Rybnik. Unsere Leser dürfte es interessieren zu erfahren, daß die Familie Haase in Nybnik unserer Glaübensgemeiinschast cm* gehört. * | Alfred H. Fried. | Der bekannte Pazifist Alfred H. Fried ist in einem Sanatorium in Wien im Alter von 56 Jahren plötzlich verschieden. Mit Alfred Hermann Fried ist einer der Führer der Friedensbewegung in Deutschland dahingegangen. Am 11. November 1864 in Wien geboren, wandte er sich frühzeitig dem Schriftstellerberuf zu. Unter dem Eindruck der Bestrebungen Berta v. Suttners wurde er zum Pazifisten; 1892 gründete er die Deutsche Friedensgesellschaft. Seit dem Jahre 1899, dem Jahre der ersten Haager Friedenskonferenz, gab er die „Friedenswarte" heraus, die er währenddes Krieges aus Zensurgründen in Bern erscheinen lassen mußte. Die Reihe der Schriften, in denen er seine Ideen verficht, ist unabsehbar. Von bleibendem Wert ist sein „Handbuch der Friedensbewegung", das 1911 in zweiter Auflage erschien. In jenem Jahre wurde er mit dem Friedenspreis der Nobel-Stiftung ausgezeichnet. Sein vierbändiges Werk „Mein Kriegstagebuch" reicht vom 7.' August 1914 bis .zum 30. Juni 1919. Die letzten Jahre ließen auch in ihm Zweifel aufkommen, ob die Idee zu ihrer Durchsetzung nicht doch der Macht bedürfe, und ob bk bloße Proklamierung von Grundsätzen die realen Gegebenheiten umzustoßen vermöge. * Die Inden in Griechenland. Zu der Meldung über Ausschreitungen gegen die Juden in Saloniki wird der „Frankfurter Zeitung" von einer über die Verhältnisse Griechenlands wohl unterrichteten Persönlichkeit geschrieben: Bekanntlich sind von den (1914) 180 000 Einwohnern der Stadt die Hälfte spaniolische Juden. Sie sind in allen Berufen tätig. Man steht jüdische Lastträger, Bootsleute, Handwerker, die Mehrzahl jedoch sind Kaufleute; nach glaubwürdiger Schätzung befinden sich zwei Drittel der Geschäfte in ihren Händen. Ihre Sprache ist spaniolisch, d. h. sie haben ihre spanische Muttersprache, die sie im 15. Jahrhundert aus der Heimat mitbrachten, bewahrt; sie ist nur in geringem Maße weiterentwickelt und mit zahlreichen Lehn- und Fremdwörtern durchsetzt. Die im Handel Tätigen sprechen außerdem geläufig griechisch, türkisch und französisch. Letzteres erlernen sie in den Schulen der Alliance Israeli te, die sie bevorzugen.

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