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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-13 · Heft 10 (13.5.1921) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 10 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 jüdischen Logen haben die Idee aufgegriffen und d ie durch das Eingehen von Flanters „Jugendfreund" gerissene Lücke wieder zu schließen gesucht. Der Krieg hat mit feiner gepanzerten Faust freilich auch diese schönen Keime, die noch in der Entwicklung waren, vernichtet, und wie aus vielen, vielen anderen Gebieten wird man auch hier wieder von vorne beginnen müssen, wenn auch die Logen unter der Fülle von Wiederäufbaüarbeiten bis jetzt dazu nicht die Zeit und die dazu erforderlichen Mittel gefunden haben. Ganz unvertreten ist diese Literaturgattung auch in der Gegenwart nicht. Aber noch sind die neuen Kräfte nicht ans Licht getreten, um das weiter auszu'bauen, wozu Flanier so reiche Anregung gegeben hat. Wenn dann das jüdische Schrifttum für das Kindesalter neue Blüten treibt, wivd man einen seiner unermüdlichsten Förderer nicht vergessen dürfen. Viele von denen aber, die mit dem „Jugendfreund" jung gewesen und aus ihm ihre Nahrung gesogen haben, werden sich des einst so geschätzten „Onkel Emil" gern und mit wehmütiger Dankbarkeit erinnern. Die Juden unter den Kremylliden. Von Rabbiner Professor Dr. S ch w a r tz (Prag), er unglückselige Weltkrieg hat auch in die Speichen der Geschichte eingegriffen. Mit einenr gewaltigen Ruck hat er das Rad um 600 Jahre zurückgedreht. Wir stehen wieder unter slawischer Herrschaft. Am 4. August 130«; siel Wenzel HI., der letzte seines Stammes, durch den Mordstahl, der gar manchen der 37 Premysliden aus dem Leben geholt hatte. Den böhmischen Thron bestiegen Könige aus verschiedenen Häusern: die Luxemburger, die Arpaden und die Habsburger. Am 28. Oktober 1918 stürzte der Thron mitsamt dem Fürsten, und zur Herrschaft gelangte — das Volk. Was Nur von dieser Herrschaft zu erwarten haben, das ist uns noch verborgen und steht bei Gott. Was uns über die Slawenherrschast in längst vergangenen Tagen bekannt ist, das sei hier zur Erstarkung des Glaubens an den Hüter Israels in einem kleinen Ausschnitt wiedergegeben. Zunächst etwas über die äußeren Verhältnisse der Juden in Böhmen vor tausend Jahren und dann das Wissenswerteste über die inneren Verhältnisse unserer Vorfahren aus alter Zeit. Der Heimatschein der Juden in Böhmen ist geschichtlich beglaubigt. Der jüdische Weltreisende Ibrahim Jbn Jakub schildert dem arabischen Schriftsteller Al-Bekri (965) seine Wanderung durch Böhmen: „Prag ist erbaut von Stein und Kalk und der größte Markt in den Slawenländern. Russen und Slawen kommen dahin von der Stadt Krakau mit ihren Waren und Muselmänner, Juden und Türken (Ungarn) aus dem türkischen Gebiet mit Waren und Mithkats (byzantinischen Münzen) und tauschen dafür Sklaven und Biberfelle und anderes Pelzwerk ein. Dieses Land ist von allen Ländern des Nordens das beste und an allen Lebensmisteln reichste. Für einen Pfennig kauft man so viel Weizen, daß ein Mann einen ganzen Monat davon leben kann, und um dasselbe Geld so viel Gerste, als man braucht, um ein Pferd einen Monat lang zu füttern. Zehn Hühner gelten gemeiniglich einen Pfennig. In der Stadt Prag macht man Sättel, Zäume und Schilde, welche in diesen Ländern gebrmrcht werden. Auch verfertigt man im Lande Böhmen leichte Tücher aus einenr sehr seinen Gewebe nach Art der Schleier, die man doch zu nichts verwendet, die aber einen unabänderlichen Preis haben: je zehn Stück kosten nämlich einen Pfennig, und so mag man sie in Handel und Verkehr statt des Geldes verwenden und füllt mit ihnen die Kästen." Glückliches Land! Es muß die Juden mächtig angezogen haben, so daß Tomek, der Geschichtsschreiber der Stadt Prag, behauptet, sie seieir bereits aus dem Römerreiche mit anderen Kausleuten zu den Markomannen Böhmens gekommen und also länger im Lande als die Tschechen und die nachmals eingewanderten Deutschen. Benjamin aus Tudela meldet: „Die Juden nennen ihr Heimatland .Kanaan', weil das Volk seine Kinder zu Sklaven verkauft." Vielleicht wiegt die Aussage eines christlichen Augenzeugen schwerer. Der Prager Bischof Adalbert, der in seinem sittlichen Unmut zu wiederholten Malen sein Amt verlassen hat und in der Fremde gestorben ist, verteidigte sein Verhalten vor Papst Johann XVI.: „Meine Herde will mich nicht hören, mein Wort haftet nicht in den Herzen, die unter der Herrschäft finsterer Gewalten stehen; Böhmen ist ein Land, wo Körperkraft für Recht und das Vergnügen statt des Gesetzes herrscht." Diese Jeremiade des heiligen Gottesmannes erinnert uns an den Propheten, dessen trauriges Schicksal dem des Bischofs Adalbert gleicht. Welche Tragik liegt nicht in den Worten des weichherzigsten aller Gottesboten: „Ach, vaß ich doch eine Herberge in der Wüste bekäme! Ich würde mein Volk verlassen und für immer.von ihm gehen; denn sie alle sind Verbrecher, eine treulose Bande." (Jer. 9, 1.) Die sittliche Minderwertigkeit des Volkes und auch der Edlen der Nation, die alle Brüder des Bischofs Adalbert ausgerottet hatten, konnte indes keinen schädigenden Einfluß auf die äußeren Verhältnisse der Juden in diesem Zeiträume üben, weil die Rechtslage der Juden, wenn von einer solchen vor tausend Jahren überhaupt gesprochen werden kann, einzig und allein von dem Herzog und später von dem König des Landes bestimmt wurde und in steter Abhängigkeit von den Interessen der Regierenden blieb. Böhmen, das damals mit Mähren, wo ein Mitglied des böhmischen Herrscherhauses die Verwaltung innehatte, das großmährische Reich bildete, war im Grunde kein selbständiges Staatswesen, sondern ein Lehen des deutschen Kaisers. Thronwirren, Erbstreitigkeiten, Familienzwist und Parteihader verursachten dem Regenten des öfteren Verlegenheiten, zuweilen gar bedrohliche Situationen, aus denen er sich nur mit Geld, und nicht mit wenigem, loskaufen konnte. Die Habsucht der Regierenden, nicht nur in Böhmen, war sprichwörtlich; in Böhmen auch noch die Treulosigkeit. Als Premhsl'Ottokar I. unter dein Drucke der Kurie seine Schwenkung von Philipp zu Otto IV., die zwei Gegenkaiser in Deutschland, vollzogen hatte, hieß es: „Tschechische Treue, keine Treue." Aber die Juden, deren Schutz km Interesse des Herrschers und seiner Finanzen gelegen war, hatten über ihr Schicksal nicht sonderlich zu klagen, wenn sie anders den Geldanzapfungen, die unter Swatvplnk am ungeheuerlichsten waren, genügten. Am Hof Wladislaw II. spielte ein jüdischer Finanzmann, nachdem er das Christentum angenommen hatte, eine allererste Rolle. Als er tolerantere Zeiten abwartete und in den Schoß des alten Väterglaübens zurückkehrte, wurde er mit Todesstrafe belegt. Seine treuen Glaubensgenossen lösten den einst vielgefürchteten und nun in Ungnade gefallenen Jakob mit einer hohen Summe Geldes aus. . Erst mit den Kreuzzügen verschlimmerte sich die Lage der Juden. 1096 kamen die wilden Horden ins Land und wurden, wie am Rhein, so auch an der Moldau eine Plage für die jüdische Gemeinschaft. Sie raubten und plünderten, sengten und brandschatzten und zwangen den Geängstigten den christlichen Glauben aus. Bretislaw II., ein frommer Fürst, dessen Testament von christlicher Demut trieft, weilte außer Landes — er führte Krieg mit Polen — und konnte seine Juden nicht schützen. Als er heimkehrte und vernahm, daß manche Juden nach Polen answandern und ihre Habe dorthin retten wollten, ließ er

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