Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Der neue Friedhof an der Ungerevftraße ist sein Werk. Für seine Verdienste um die Allgemeinheit wurde er mit Orden allsgezeichnet und lange Jahre verwaltete er das Amt eines Landrats im Kreise Oberbayern. Er ist kein Mann vieler Worte, sondern ein Mann der Tat. Wenn er spricht, dann sind es kernige, markige Worte. Als er m der letzten Sitzung des alten Verwaltungsausschusses Non seiner Stelle zurücktrat, sprach er zum Abschied kurze Worte, die es wert wären, in goldenen Buchstaben im Gemeindehaus sestgshalten zu 'werden. Er führte aus: „Mit der neuen Gemeindevertretung zieht ein neuer Geist in dieses Halts. Mögen die neuen zur Leitung der Gemeinde berufenen Männer nie den Geist vergessen, der in diesem Hause geherrscht hat, den Geist des Friedens und der Versöhnlichkeit." In diesen Worten spiegelt sich der Kern seines Wesens. Wenn beim Widerstreit der Meinungen die Geister auseinanderstießen, und wenn es denn doch immer wieder zu einer friedlichen Einigllng kam, so gebührt ihm hieran mit das Hauptverdienst. Er steht an der Schwelle des 80. Lebensjahres. Im 80. Psalm heißt es: „Des Menschen Leben währet 70 lind, wenn es hoch kommt, 80 Jahre und, wenn es köstlich gewesen, dann ist es Mühe lind Arbeit gewesen." Sein Leben .war und ist köstlich im Dienste der Allgemeinheit, im Dienste der Gemeinde, im Dienste der gemeindlichen Stiftungen, Anstalten llnd Vereine. Eine solche Arbeitskraft läßt.man nicht ungenützt, solange man sie noch nutzen kann. Von diesen Gedanken getragen, hat ihn denn auch trotz seiner Jahre, trotz seines Widerstreibens die Gemeinde wiederum in den Gemeindevorstand -'berufen. Möge er noch lailge hier zum Wöhle der Gemeinde wirken! * * * Lmil JFlantrr?um Gedächtnis. S.MOtr B i’ v 4 o r d Xu ö ii l> c u l> c r g. in 13. März ist Emil Flanter einem Schlaganfall erlegen. Mit ihm ist ein Mensch dechingegangeN, der ein impulsiver Lebensbcjaher war und sich durch eine -schäumende Lebensfreude auszeichuete. Eine glückliche Frohnatur, eine strahlende und fesselnde Erscheinring, besaß er ein sonniges Gemüt, ein heiteres Naturell, eine sprudelnde Laune. Die Erde war ihm kein Jammertal, und Lust und Freude bildeten sein Lebenselement. Flanter war deshalb nicht bloß in den bernfsgeuvssischeu Lehrerkreisen, sondern in allen Schichten der Berliner Gesellschaft beliebt und geachtet. Er war wie geschaffen, Frohsinn um sich zu verbreiten, und oft der Mittelpunkt von Familien- und anderen Zusammenkünften, die den Zweck hatten, des Tages Last und Mühen vergessen zu machen und Erholung zu spenden. Durch sein sympathisches Wesen wußte Flanter sich die Herzen im Sturm zu erobern, und dem Zauber seiner gewinnenden Erscheinung konnten auch die Abwartcnden, Zögernden und Zweifelnden nicht gut widerstehen. Aber die hellenische Sinnensrendigkeit und heitere Laune, die ihn so liebenswert machten, waren nur äußere Hüllen, die einen wertvollen Kern in sich bargen. Dieser Kern war sein Innenleben, und das war ernst, vom Schimmer des Idealen umflossen und von hohen jüdischen Gedanken erfüllt. Ein heißes jüdisches Herz pulsierte in seiner Brust. Religiöse und Erziehüngsprobleme, die ihn fortwährend beschäftigten, legen hierfür hinlängliches Zeugnis ab. Er war keiner Partei, keiner Sekte oder besonderen Richtung verschrieben, er war nicht einseitig und rannte nicht gegen Kleinlichkeiten au, aber er sah die Gefahr, die dem Judentum drohte, wenn nicht bald wärmere und kräftigere Blutströme durch seine Adern getrieben, würden. Darum war sein Religionsunterricht durchglüht von religiöser Wärme, jüdischem Empfinden und jener aus der Tiefe quellenden Inbrunst, die Hinzureißen und ermattete Herzen wieder zu erwecken vermag. Flanter erkannte früh den verwüstenden Schaden, der dem jüdischen Religionsunterricht aus der ausschließlichen Benutzung nichtjüdischer Vorbilder erwachsen mußte. Das Grasen lediglich in fremden Gärten konnte der jüdischen Eigenart nicht förderlich sein. Flanters Absicht ging deshalb dahin, den jüdischen Religionslehrer bei seiner Vorbereitung für den Unterricht mit jüdischem Geistesgut zu versorgen, um ihn der Notwendigkeit zu entheben, sich mit Haut und Haaren fremden Einflüssen ausznliefern. Diesem Zweck dient sein „Wegweiser für den jüdischen Religionsunterricht". Den äußeren Anstoß zur Begründung desselben gab ihm ein Vortrag, den der Schreiber dieser Zeilen 1895 in der damals eben entstandenen „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" gehalten hatte. Der Vortrag, der den Titel „Eine Lücke in der jüdischen Unterrichtsliteratur" führte, beklagte den Mangel an jüdischen Unterrichtswerken für die Hand des Lehrers und gab die Anregung zu baldiger Ausarbeitung von Musterbeispielen unter besonderer Verwertung des jüdischen Schrifttums. Die in Flanter entzündete Idee ließ ihn nicht ruhen und er faßte den Vorsatz, dem allzu fühlbaren Mangel abzuhelsen und ein neues Organ für praktische Pädagogik zu schaffen, das ein Sammelplatz für alle diejenigen werden sollte, die beratend, führend und richtungweisend vorangehen konnten. Vier Hefte dieses „Wegweiser" sind denn auch in zwangloser Folge erschienen. Sie enthalten, soweit es nicht überhaupt mustergültige Unterrichtsbeispiele sind, doch mindestens brauchbares Mittelgut. Sein flammender Eifer für die Sache faüd jedoch von keiner Seite eine nennenswerte Unterstützung. Der Verleger machte mit je dein Hefte größere Schwierigkeiten, und die Berufsgenossen, aus die er große Hoffnungen gesetzt hatte, ließen ihn ganz und gar im Stich. Mehr Erfolg blühte ihm auf einem anderen Arbeitsgebiet. Nicht bloß die Unterrichtsliteratur, die ja auch noch heute einer dürren Steppe gleicht, war vor einem Menschenalter völlig unangebaut, sondern auch der literarische Jugendacker war im innersten Umfange durchaus öde und leer. Während Wissenschaft und schöngeistiges Schrifttum sich mit mehr oder minder großem Erfolge um die Erwachsenen bemühte, blieb das aufnahmefähige Kindesalter vernachlässigt und unterernährt. Da ging Flanter rüstig ans Werk und widmete einen Teil seiner schriftstellerischen Schaffenskraft der jüdischen Jugend; man wird diese Arbeit nicht unterschätzen dürfen, und nur diejenigen werden einen zu strengen Maßstab an diese Leistungen anlegen, die die Klippen nicht kennen, mit denen jüdische Schriftleiter zu kämpfen haben. Er hat hier mit redlichem Fleiß Neuland urbar gemacht und war, fast ohne Mitarbeiter, dabei aus sich ganz allein angewiesen. Das konnte natürlicherweise nicht sehr lange dauern, da derartige Unternehmungen sich nicht selbst finanzieren können und demgemäß von dritter Seite Beihilfe und Zuschüsse verlangen, ohne die sie rettungslos untergehen müssen. Immerhin hat sich der „Israelitische Jugendfreund" eine ganze Reihe von Jahren behauptet. Während dieser Zeit verstand er es, eine größere, wenn auch noch lange keine seinen Bestand sichernde Anzahl von Lesern um sich zu scharen und mit guter, reiner, nahrhaften Kost zu versorgen. Diese Reihe stattlicher Bände könnten den eisernen Bestand jüdischer Jugendbüchereien bilden, wenn jene Jahrgänge noch erhältlich und nicht völlig vergriffen wären. So hat Flanter manches brachliegende Feld fast zuerst unter seinen Pflug genommen und Saaten ausgestveut, die allerdings noch weiterer Wege und Wartung bedürfen, Die