Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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118 alle feine jüdischen Untertanen von Kopf bis Fuß ausplündern. Auch der zweite Kreuzzug brachte eine Verfolgung, in der gegen 150 Juden erschlagen wurden. Ephraim den Jakob aus Bonn, der den Kreuzzug als Knabe miterlebte, widmete den böhmischen Märtyrern ein besonderes Klagelied. Je mehr bas Christentum sich ausbreitete und je größer der Einfluß der Kirche aus die Staatsverwaltung wurde, um so rascher folgen einander die rechtlichen Beschränkungen der Juden, die bis dahin nur ausnahmsweise geübt worden waren. (Schbuß folgt.) Nusltrllung sslehner-Strinharrtt. Von Tr. 2. A s ch n c r (Berlin). einrich Laube bemerkte einmal in seinen „Erinnerungen" (Werke, herausgegeben von Houben VIII, 414) über den jüdischen Geist, „der Jude werde im althebräischen Widertvillen gegen Gottesbilder nicht leicht ein besonderer Bildhauer werden", fügt aber gleich darauf wohlweislich hinzu: „aber auch dieses Vorurteil erlebt jetzt manche Ueberraschung". In der Tat muß man gestehen, wenn man Pleßners Plastiken im Logenhaus betrachtet, daß dem Juden plastisches Ingenium vollauf beschieden ist. Pleßner hat sich aus kleinsten Anfängen wacker emporgearbeitet und mit der Not des Künstlertums gerungen, wie inir je einer; aber es hat ihn schließlich auch gesegnet., Die Akademie mit Herter, Breuer, der Rom- Preis 1901/02, der befruchtende Einfluß Paul Meherheims (Tierstudien) haben ihn gebildet und reifen lassen. Und alle drei lassen sich in seinem Oeuvre noch heute als Dominanten Nachweisen. Die Akademie gab ihm das Maßvolle und Gediegene. Von modernen und allzu modernen Kunststücken hat er sich ferngehalten. Neuheiten und gesuchte Originalität um jeden Preis verschmäht er. Gründlichste, saubere Technik ist das Kennzeichen. Von Meyerheim stammt eine warme Vorliebe für die Tierwelt, namentlich in Kleinplastiken und Brunnenfiguren, wo er mit Gauls edlem Realismus sich berührt. Rom endlich, das keinem rechtschaffenen Künstler fehlen darf, trug einen holden Schimmer antiker und Renaissanceschönheit in sein Werk. Das Jüdische dieses Künstlers möchte in seiner Verstandesschärfen, impressionistischen Wahrheitsliebe zu suchen sein, die der Erscheinung tapfer zu Leibe geht und alles Falsche, Gemachte, Kitschige, Süßliche pcrhvrresziert. Pleßner ist Realist wie Liebermann, ein Liebermann der Plastik. Er will die Dinge, er saugt sich an ihnen fest, erfüllt sich mit ihnen oder verwandelt sich in sie. Selbst in Rom bleibt er Realist, und wenn er dort, vom 0eniu8 loci getrieben, die Schönheit nackter Körper in sich aufnimmt, so ist es doch nicht aus einem impulsiven, formalen Stilgefühl heraus, das die Objekte in eine andere, erhöhte Welt erhebt und im Sturm der Vision aus ihrem Wirklichkeitsboden reißt, sondern; auch dort bleibt er positiv und sachlich. Es ist bezeichnend, daß er in Italien in den Bannkreis gerade Donatellos tritt, des gewaltigen Wahrheitssuchers, der wie ein Wüstenprediger des Wahren mit glühenden Augen und verwirrtem Bart einsam und fremd in einer ganz anders gerichteten Generation stand, die an den üppig besetzten Tafeln formaler Stilschönheit schmauste. Pleßners Schöpfungen sind Kleinplastiken, Brunnen, Genres, dann eine Reihe Porträtbüsten, zuletzt Akte, vorwiegend der römischen Zeit. Der ausgestellte Brunnen ist wirklich reizend und ganz monumental gedacht. Er war ursprünglich für den Jüdischen Kinderhort bestimmt. Daher das schöne Motiv, daß aus hohem Postament ein frisch ausgesaßtes Kindchen mit einem Vogelnest sitzt, während den Brunnenrand unten allerlei Schildkröten beleben. Das Ganze zierlich, anmutig, edel und sein disponiert und im besten Sinne monumental. Die KleinPlastKen bringen vornehmlich Tiere, meist drollig und Putzig spielende Aeffchen, unter denen sich ein Schimpanse, der sich ernst und mürrisch im Spiegel betrachtet (1910), mit gutem Humor und lebenswahrer Haltung besonders hervortut. Daneben findet man eine Reihe zum Teil ganz famosen Arbeiter- und Bauerngenres. Bei den Bauern oft herzhafter Humor in Taschners Art, bei den Arbeitern mehr Meuniers Pathetische Wucht. Hier gelingt ihm das Herausholen von Trotz, und Kraft, tragischer Wildheit. Man bedauert nur das kleine Format. Dergleichen verträgt eher überlebensgroße Monumentalität. Ganz hervorragend der „Hüttenarbeiter" mit der Zange, womit er den Eisenblock aufheben will. Man kennt das Motiv aus Menzels „Eisenwalzwerk" in der Gemäldegalerie. Ein Uebergang zu den Akten stellt das Rompreisrielies „Heimkehr von der Ernte" dar, das in Vollrelief mehrere nackte Feldarbeiter im rüstigen Zuge darstellt, mir aber mißlungen erscheint, trotz der Richtigkeit der Zeichnung und Komposition, da es keinen Liniensluß, kein Zusammengliedern, keine Einheit aufweist und zwischen Realismus und Idealismus unsicher schwankt. Daß er aber den Aufbau nackter Gestalten sehr wohl beherrscht, zeigt sein „Sitzendes Mädchen", wo der Gegensatz der überschneidenden Arme und der im Gegensinn wirkenden Beine, namentlich des mit kräftig vorstotzendem Knie energisch gespannten rechten Stützbeins, beachtlich ist, ebenso die schräg nach hinten gewandten zierlichen Schultern und das schräg nach vorn gerichtete Haupt mit dem medeenhaft sinnenden, ernsten, melancholischen Ausdruck. In Rom hat er mit den „Bettelweibern" ff, die an Barlach erinnern in ihrem fast expressionistischen Ausdruck hilflos-stupiden Greisentums, noch einmal den alten Ton angeschlagen. Sonst aber, ist es die italische Welt, der er sich dort verschreibt. Ein mädchenhafter italienischer Knabe erinnert ihn an Donatellos David und wird von ihm mit einem reizenden, verträumten Halbprofil, die Arme aus dem Rücken verschränkt, leider nicht in Vollplastik festgehalten; es ist dieselbe träumerische, sehnsüchtige Kopfneigung, die uns am Antinous oder Narzissus so wunderbar ergreift. Ein wild blickender Bauernbursch liefert ihm eine markante Büste. So könnte Katilina geblickt haben oder Marius. Es ist derselbe verwegene Blick, dasselbe Stechende, Gewaltsame, Drohende um Stirn und Mund. Ganz Donatello ist wieder die kleine Standfigur des gelockten Jünglings, der sich nach dem Kamps entgürtet. Die Wendung des prachtvollen Lockenkopfes nach der linken Hüfte, das graziöse Herumgreisen der Rechten dorthin vorn über den Leib, der Linken leicht gebeugt nach unten, um den Gurt zu lösen, und wie sich diese Bewegung auf die Beine überträgt (Standbein links, leicht nach außen gebeugtes rechtes Spielbein), sind höchst liebreizend und ganz italienisch empfunden. Besonders schön der wechselseitige Kontrapost der Arme und Beine: linker Arm, rechtes Spielbein entsprechen sich. Als Porträtplastiker steht Pleßner am höchsten. Hier ähnelt er Liebermann am meisten. Man müßte alle Porträts durchspvechen, weil sie alle Schärfe, Prägnanz, Wahrheit, Charakteristik ausweisen und sichere, unbestechliche Beobachtungsgabe. Am markantesten sind wohl Oskar Tietz (1909) mit frappanter Note des Witzigen, Geistreichen, Intelligenten, Rassigen; Louis Sachs (1907), schon in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", April 1914, veröffentlicht, stiller, imposanter, gehaltener; das Porträt des alten Vaters kurz vor dessen Ableben, ein müdes, gefurchtes, inhaltsreiches Greisen- Die Gruppe war anfangs in Bronze ausgesührt, wo sie noch nicht scharf genug wirkt, später in Holz, wo der Ausdruck scharf kantig und grätig heraussprmgl.