Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Ostjudenfragen im sächsischen Landtag. Aus Dresden wird gemeldet: Im sächsischen Landtag fand eine Interpellation über die Ausweisungsverfügungen gegen Ausländer statt, in deren Verlauf der Minister des Innern Liplnski das Bestehen einer Ostj-udengefahr betonte und versicherte, daß die sächsische Regierung alles täte, uni die Gefahren dieser Einwanderung zu verhüten. Abgeordneter Fel lisch erwiderte dem Minister, daß diese Ausweisragen jeder menschlichen Gerechtigkeit zuwi verlausen. Die Ostjuden sind während des Krieges von der alten Negierung in das Land berufen worden; die Ausweisungen stellen den Dank des Vaterlandes für fleißige Arbeiter dar". Bemerkenswert ist, Laß Abgeordneter F e l l i s ch kurze Zeit daraus zum sächsischen WirtschiaftÄminister ernannt wurde. Ferner wird aus Dresden gemeldet: ,,Jn dem Preußischen Orte Papitz in der Nähe von Dresden erschien kürzlich ein Trupp Schutzpolizei, nahm etwa zwanzig sich hier aushaltende Ausländer. Ostjuden, seist und schaffte sie nach dem Sammellager Quedlinburg." Wie die „Po'l.-Parl. Nachr." aus iparlamentarrschen! Kreisen erfahren, liegt dem Preußischen Staatsministerium eine D e n ks ch r i s t vor über die Erfassung der in Preußen lebenden Ausländer. Es soll, da die Zähl der Ausländer ständiig wächst, einmal Klarheit geschaffen werten, wie viele Ausländer sich in Preußen aufhalten und auf' Grund welcher Legitimation sie die Aufentha.ltsberechti.gung genießen. - * Zur Lage der Juden in Ungarn. Auch in den letzten Wochen sind Juden in den Straßen Budapests unter dem Schutze der Dunkelheit systematisch attackiert worden, wobei eine Reihe von ernsten, Verw«undungen vorgekommen sind. Besonders arg ist es während der Ostertage zu gegangen., Uno die Ausschreiiiungen wüste Formen annahnren und. zahlreiche JMie-n durch Messersti.che verwundet wurden. Daneben .geht natürlich die Eutrechtung der Juden planvoll weiter. Jüdische Geschäfts lüden werden, 'angefordert, Trafik- und Kinolizenzen werden den Juden entzogen, jüdische Aerzte einen: Rechtfertigunasverf.ah'ren unterworfen. J. P. Z. # | Joseph Reinach. | Im Alter von 65 Jahren ist in Paris der bekannte französische Politiker und Publizist Joseph Rein ach gestorben. Er wurde 1856 in Paris geboren und .gehörte der bekannten Familie Reinach an, welche von Frankfurt a. M. nach Paris eingewandert war. In frühen Jahren wandte sich Reinach der Politik zu und wurde -einer der 'eifrigsten Anhänger Gambettas, der ihn auch zu seinem Kabinetts ches ernannte. Als konservativer Republikaner gehörte er einige Zeit der Patriotenliga an; er schied jedoch aus, als ihr Führer Däroulode sich zu den Royalisten und Antisemiten gesellte. Reinachs Politik war stets durch die Gegnerschaft gegen die Richtung Boulangers gekennzeichnet, der er auch als Publizist unentwegt Ausdruck verlieh. Er wurde wiederholt als Deputierter in die Kammer gewählt und hat eine Reihe historischer, literarischer und politischer Werke herausgegeben. Er war einer der ersten Vorkämpfer für Drehfus' Unschuld rat die Geschichte dieses Prozesses, welcher er sechs Bände widmete, hat in ihm einen Historiker gefunden. Reinach war gleich seinem Bruder, dem bekannten Gelehrten Salomon Reinach, ein Gegner des Zionismus., nahm aber ebenso wie dieser an sonstigen Bestrebungen zur Hebung des Judentums regen Anteil. * Wir erhalten vom Z e n t r a l b u r e a u für jüdische A u s w a ü d e r u n g s a n g >e l e g e n h e i t e n (Hilfsverein der Deutschen Juden) die folgende Mitteilung: „Das amerikanische Generalkonsulat in Montreal (Kanada) ließ der Jewtsh Immigrant Aid Society of Ganiada m Montreal eine Erklärung folgenden Inhalts zugehen: Zahlreiche Emigranten aus Rußland und den baltischen Provinzen, die amerikanische Visa in dem Lande, dorr dem.aus sie ihre Reise äntreten, nicht erlangen konnten, fahren über Deutschland nach Canada, um nach -den Vereinigten Staaten zu gelangen. Das Gneerälkonsulat erklärt demgegenüber, daß es seinerseits das amerikanische Visum ausnahmslos allen E m i g r a nt e n v e r w e i g ern w i r!b, die es verabsäumt haben, sich dasselbe bei dem zuständigen amerikanischen Konsulatsbeaimten in dem Lande zu beschaffen, von dem sie ihre Reise antre'ten, und es lehnt jede Verantwortung für die Folgen der Unterlassung, ab." Wir warnen daher Emigranten auf das dringendste vor dem Antritt der Reise ohne das Visum des amerikanischen Vertreters des Ausreiselandes. * Die amerikanische Einwanderungsbill angenommen. Washington, 3. Mai. (Reuter.) Der Senat hat mit allen gegen eine Stimme die Einwanderungsbill angenommen, die die Zulassung von Ausländern in die Vereinigten Staaten aus drei Prozent der im Jahre 1910 in den Vereinigten Staaten wohnhaft gewesenen Ausländer jeder Nationalität b e s ch r'ä n k t. * Aus und über Palästina. Sir H e r b e r t Sa m u e l s, der Oberkommissar von Palästina, stattete in Begleitung des Colonel Lawrence und anderer hoher Beamten dem Emir Abdullah einen Besuch in seinem Lager ab, wo er von den Beduinen mit großer Begeisterung und mit orientalischem Pomp empfangen wurde. In einer Ansprache, der Tausende von Beduinen beiwohnten, sagte Samuel, daß die englische Negierung stets bemüht sein werde, mit den Beduinen des Ostjordanlandes in Frieden und Freundschaft zu leben, damit nicht Transjordanien zu einem Herde der Feindseligkeit und des Hasses gegen England und Frankreich werde. England werde auch dein Emir Abdullah Aeroplane und sonstige technische Hilfsmittel bereitstellen, um ihn vor den Ueberfällen der räuberischen Wüstenbeduinen zu sichern. Im März 1921 kamen 950 neue Einwanderer nach Palästina, darunter 300 aus Anatolien und Persien. Bon diesen neuen Ankömnilingen haben sich 60 Familien zu gemeinsamer Ansiedelung auf dem Lande zusammengetan. Das Einwanderungsdepartement der Zionistischen Kommission ist bemüht, die Einwanderer verschiedene Handwerke lernen zu lassen, wie Bauen, Weben usw. Es bemüht sich ferner, die Einwanderer in Gegenden unterzubringen, wo die jüdische Bevölkerung noch gering ist, so zum Beispiel in Berseba, Gaza, Akka, Tamallah, Ludd usw. Biele Einwanderer werden jetzt bei den Eisenbahnen beschäftigt. Unter dem Vorsitz des Herrn Boris Goldberg hat ein zweites Komitee jetzt mit dem Bau eines neuen jüdischen Viertels in Haifa begonnen, welches den Namen „Hadar-Karmel" (Karmel-Pracht) tragen soll. Es wird aus 50 aus dem Boden des Karmel erbauten Häusern bestehen, die das Eigentum der Palästina Development Co. sind. Es ist dies der erste Schritt, um Wohnungen für die ständig wachsende jüdische Bevölkerung Haifas zu schassen. Das Landwirtschaftsdepartement der palästinensischen Regierung ist in letzter Zeit bemüht, Mittel zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion zu beschaffen. Im März d. I. veranstaltete die Regierung bei Haifa eine Ausstellung von Dampspslügen und Traktoren, um der ackerbautreibenden Bevölkerung den Gebrauch dieser Maschinen vorzusühren. Fast alle großen Firmen Amerikas und Englands waren vertreten. Jeder Traktor umpflügte eine Fläche von 3000 Quadratmetern. Eine größere Anzahl von Landwirten waren anwesend, die zum erstenmal den Gebrauch landwirtschaftlicher Maschinen sahen. Ende März brachte die „Kairo" die für die Baumaterialiensabrik „Silikat" in Tel Awiw bei Jaffa bestimmten deutschen Maschinen nach Palästina. Die ^Löschung konnte in Jaffa, wo keine Kräne vor-