Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112 W e n n ihr seineErhaltung wollt, dann schließt e u ch u u gesäumt und ausnahmslos der Gesa m t - v r g a n i s a t i v n d e r d e u t s ch e n I u d e n a n. Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden. I. A.: Geh. Sanitütsrat Dr. S. Apfel, Vorsitzender. * Wir erhalten mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehenden Aufruf, dessen Beachtung wir den Lesern unseres Blattes aufs wärmste empfehlen. Es handelt sich um die Sicherung des Fortbestandes eines von einem großen deutschen Juden geschaffenen Knlturwerkes, das der deutschen Judenschaft zur Ehre gereicht: Im Jahre 1801 gründete Israel Jacobson in- Deesen am ^niV) die Erziehungsanstalt, die seinen Nainen trägt und weit über die Grenzen Deutschlands Hinnus begannt -und berühmt -gelvorden ist. Israel J-acobfon-, den die 3lefo>riln«ideen und!di>e Philosophte Moses Mendelssohns zu einem seiner begeistertsten Jünger gemacht hatten, verfolgte mit seiner Stift»mg -ein doppeltes Ziel: er wollte in* erster Linie begabten, aber mittellosen jüdischen Knaben die Möglichkeit verschaffen, sich neben der religiöschieb-räi scheu Bildung, auf die ihr Unterricht bis .dahin im allgemeinen beschränkt geblieben war, auch eine deutsche Allgemeinbildung anzueignien,, um dadurch eine bessere Stellung der heranwachseu>d-eu. Generat tun hu bürgerlichen Leben vorzuberoiteu; zweitens aber wollte er versuchen, die Scheidewand, durch welche Juden und Christen getrennt loa rein dadurch All beseitigen, daß er Knabenbeider Bekenntnisse 311 gemeinschaftlicher Erziehung vereinigte. Allerdings verhehlte sich Jacobson keineswegs), daß der beabstchtigte Einfluß auf das Lehen nur sehr langsam werde erreicht lverdeu.- können, da „die Welt, in welche die Zöglinge aus dem Jnstitlit übergingen, 311 wenig iinii.t dem humanen Geiste harmonierte, in dem sie erzogen würben - Aber 'seit nunmeh-r 120 Jahren hat die Stiftung, die sich in ihrer Entwicklung den Zeitverhiältnissen und den pädagogischeu Anforderungen und Bedürfnissen immer angepaßt l>at -- seit 1870 ist sie eine anerkannte Realschule und seit 1903 zugleich -ein Re'alprogyumastmn mit der Berechtigung zur Ausstellnug voll Zeug rissen für den -einjährig,- sreiw illigen Dienst gewesen — in immer größerem Alatzstabe, aber getreu den Absichten und Zielen Israel Jacobsons erfolgreich und segensreich gewirkt. Jacobson wählte für seine Anstalt die Stadt Seesen sowohl wegen ihrer gcsirnd-en Lage a-m, Fuße beri Har-zberge mit ihren herrlichen Tauuemvätdern, in deren ivürziger, .ozonreicher Lilft der jugendliche Körper zu gesunder und kräftiger Enitwicklung geideihen laun, als auch wegen ihrer Abgeschiedenheit, in der die Knaben, fern voll der überfeinerten Kultur größerer Städte), ohne Störunigen durch Ab-lentuug aller Art sich der. dtrbeit widmen können. Zu. deil zwölf armen jüdischen Knaben, nur denen die Anstalt eröffnet lvnrde, traten bald allch die Söhne wohlhabender jüdischer Ellern, die gegen ein Kostgeld der Wohltat der Erziehnntg in der Allstalt teilhaftig, wurden. Bald gewauM sie -einen so guten Ruf, daß bereits inl> Jahre 1808 auch wohlh,a'beilde christliche Familienväter nur die Aufnahme ihrer Kinder baten. Das entsprach ja durchaus dem deur Stifter vorschjw ebenden Ziele; er ging deOhaillb freudig darallf ein und bestimurte sofort, daß nunmehr auch einiige Freistellen stets mit Christen besetzt werden sollten. Auch dem Wlmsche Seesener Bürger, ihre Kinder an dem Unterricht in der Schule der Anstalt teitnehmen 311 lassen, entsprach er bereitwillig. Seitdem sind mm in der Anstalt Taufende von Knaben, jüdische und christliche, Söhne armer und reicher Eltern, Söhne von Arbeitern uub Landwirten, von Klein- und Großkaufleutem von Beamten, Gelehrten und Künstlern im Sinne Israel Jacobsons), im Geiste -edler Menschl ichtei t der sozialen und konfessionellen Be-rsöhmmA erzogen worden. Bis 31111111 Jahre 1901, als 'die Anstatt unter zahlreicher Beteiligung der eh>e.m>aligen Schüllerihr h>undertjührrges Jubiläum feierte, war die Schule von 4180 Knaben besucht worden, nämlich von 1872 Voll- und Halbsten sionä reu, 523 Freizögllingen und 1735 Stndtschüleru, von denen auch viele nur das halbe oder gar lein Schulgeld entrichteten. Von dieser zahlreichen. Schülerschaft finden wir heute in allen Gauen Deutschlands und weit über seine Grenzen hinaus in Oesterreich Ungarn, Holland, England,.Rußland, auf dem Balkan, in Noridunid S üdamerika, selbst in Australien alte Jacobifon-Schinler, welche, znm Teil in sehr an,gesehenen Lebensstellungen., die ihnen in der dlrista'lt -ei-ngepslanzten fyii,nprrem Grundsätze und Anschauung,en nach Kräften betäti-gen. Vlele Hunlderte 'ehemati'gev Frieischstler verdanken ihre gehobene Lebensstellung, und ihr LebeusgNck dem Werke Israel Jacobfons, das von seinen Söhnen und Enkeln in feinem Sinne fortgesührt woriden ist bis «auf; denh-eu.ti.gen Tag. Nun ist dieses schöne Werk infolge der Umwälzung, die in der Nachkriegszeit in den wirtschaftlichen.' Verhältnissen unseres Vaterlandes sich so Plötzlich vollzogen hat, vom Untergang bedroht. Die Kosten der HaushEnng, sind, wie allbekannt, spriunghaft g,e!wach.sen, das Kapital der Schule hat sich aber» nicht vermehrt, und die Pensionspreise Bönnien nicht ohne Gefahr für die Frequenz entsprechend erhöht werden. Die LehrergehWer mußten weit hinter der staatlichen Besoldun'gsordnung zurückbl,eiben, so daß geimäß § 147 der neuen« Reichs- Verfassung, der als Vorbedingung für die Genehmigung von Privatschulen die wirtschaftliche Sicherstellung der Lehrer fordert, die Stiftung entweder ihrer Auflösung öder der Verstaatlichung entgegengeht, wenn ihr nicht wirksame Hilfe zuteil wird. Die Verstaatlichuu'g würde bedeuten!, daß sie ihren Charakter verlöre, daß sie aushörte, eine humanitärie Bildungsstätte des sozialen Ausgleiches und der Versöhnung «der religiösen Bekenntnisse zu bilden, daß sie vielmehr eine Landstadtschule — eine von vielen — werden und damit ihren Anreiz .gerade aus jüdische Kreise einbüßenwürde. Eine solche Entwicklung der Dinge würde insbesondere die alten Schüler der Jacobson-Schule,, in deren Namen diese Schrift hinausgeht, mit tiefem Schmerz erfüllen. Wir a-lten Schüler wissen«, was wir -an der Anstalt gehabt haben-, und was wir ihr verdanken. Wir hängen mit unserem Herzen -an der Stätte unserer Jugendbildung, wir fühlen uns, Juden- und Christen, zufammengchörig als eine Gemeinschaft von G-esinn-ungsgenassen, und betrachten -es als unsere Pflicht, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um. di-e ilinzigarttge Sti-ftung Israel Jacobsons, die u«r«s znm Segen, geworden ist, auch späteren Generationen zu erhalten und sie, wenn irgend möglich, den heutigen Bedürfnissen entsprechend, zu einer Vollanstalt auszubauen. Wir sind aber auch der Ueberzeugung, daß die gesamte deutsche Judenh-ei>t, heute mehr -als ja das größte Interesse -an der Erhaltung der Jacobson-Schule hat, und d-aß auch Vorurteils freie, human «denkende christliche Kreise wünschen werden, daß sie in ihrer Eigenart erh!alten> bleibt. Zn -de-m d-oppe-lte-n Zweck, den si-e nach der Absicht dies -Stifters erfüllen sollte, d-e>m d-er Aus!b>i-ldung begabter Söhne unbemittelter Eltern -und beinn der Versöhnung der religiösen Bekenntniisse,, «dem sie in der V-er,gangjenh'e-it erjsolgreich, wie -)vir alten Schüler -a«m besten b-ezeug-en können, -gedient hat, -kommt -gerade heute noch ein drittes hinzu. Wöhl alle jüd-ischen 'Eltern, die einen Sohn oder eine Tochter in eine höhere Schule schicken, lvissen a>us Ersahru'i'ig, welchen Anfeindungen und Kr-änkungen ihve Ki-nldier von seiten ihrer christlichen Mitschüler — unter Duldung und nicht selten auch unter Mitwirkung ihrer Lehrer — heute au-sgesetzt -sind. Gerade in di-esen Tagen ist es im braunschwei-gischen Landtage unverhüllt ausgesprochen wo-rid-en., daß jüdi'sche Schjüler auf vi-elen -höheren Schüben Deuitschlands geradezu ein seelisches Martyriuim, dnrchzunmchen haben. Ala-nche -Eltern werden ans di-esem Grunde i>n -di-e Versuchung kommen, -ihre Söhne vorzeitig von der Schule so-r-tzunehmen — sehr zu deren Schaden —; denn wenn auch d-er Anreiz des Ber,echtigungsscheins zum Einjäh.rigi-Freiwilligeir-Di-enst fortgefallen ist, so behält doch -das Wort „Wissen ist Macht" auch heute noch seine volle Geltung, und b-er -d>en jetzigen .erischwerten Lebien-sb-ediingungen vi-dlleich.t noch mehr als früh-ev. Gibt es doch viele Fi-r,m,em vo>r allem Bank- und Exp'ortgeschiä'ste, die nur Lehrlinge mi-t mindestens Obersekunda reise etnstellen. Unter diesen Umständen d>ar!s 'die deutsche Judenheit nicht dulden, daß eine Anstalt, die eine Zu'sluchtsstätte -für ihre Kinder bildet,, wo diese in freu-ndschastli-chem Verkehr mit chri-ftlichen Alterslgenossen), sicher vor antisemitischen Kränkungen,, sich frei ent-salten können, der Not d-er Z>ei-t zn'.m, Opfe'r fällt. Sie ist heute in ihrer -emzi-g dasteh-end-en- Eigenart mehr -als je ein Bedürfnis,, -und wenn sie nicht da wäre, müßte sie geschaffen w>er!d>en. D-i-e Jaeobson-'Schule ist ein jüdi!sches Kultu.rwerlk, das besoN'd-ersin -unfer-en T-a-gen gleichzeitig ein Bollwierk des Ju.dent.ums gegen den Antisemitismus bildet. Dieses Bollwerk kamipflois aufzugeben und dem Staate auszulief-ern, wä-re eine Schmacki^^d-i-e gesamte deutsche Jud-enheilt.