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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-13 · Heft 10 (13.5.1921) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 10 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 „Diesseits gerichtet sind die Psalmen." Man vergegenwärtige sich Ps. 16, den ich überschreibe Jenseits der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit: Der Beter gehört augenscheinlich zu den vor Antiochus Religionsversolgung-en Flüchtenden. Trotzdem fühlt er sich sicher und glücklich, denn sein Burgherr Gott ist auch sein höchstes Glück. Er hat sich für die Märtyrerpartei gegen die Fremdennmbuhler entschieden und der Griechengötter Nam>m kommt nicht über seine Lippen. Hingegen ist Gott sein Reichtum, seine Erquickung und seine Ewigkeit. Mein Acker ist die Zeit, sagt Goethe. Unser Dichter meint, mein Acker ist die Ewigkeit. So Hab' ichden größten Schatz, ruft er wie Walter von der Vogelweide, als er sein Lchnsgut empfängt, dichtet: Ich ha'n min Lehn. Gott ist sein Gut, mit chm steht er in Liedesverkehr, er ist sein Rater und Tröster. Gott hat er vor Augen, drum gewinjnt er Freude und Triumph über Todesschvecken. Aus der Gottesgemeinschast kann ihn keine Gewalt reißen. Man sieht, wie auch der Tod ihn nicht von Gott lösen kann. Es ist, wie wenn sich uns die Lebenswurzel der 11 nster'blichkeitshosfnung bloUegt und die Psalmen sollen diesseitig gerichtet uwd religiös unbedeutend sein! Geflissentlich nehme ich, um letztere Behauptung Delitzsch' zu widerlegen, zwei ganz schlichte anspruchlose Liedlein der Sammlung (Ps. 8 u. 23). In Ps. 8 steht ein! Nomade unterm Sternhimmel, empfindet, wie winzig der Mensch im Weltall ist, und doch wie wunderbar ausgezeichnet durch die Denk- und Sprechgade und durch die Königsgewalt seines Kulturlebens. „Daß ein Mensch du nur bist, der Gedanke beuge das Haupt dir, doch daß ein Mensch du bist, richte dich mächtig empor!" Daneben das kindliche Vertrauen auf Gottes Führung und Fügung, das das Lied vom treuen Hirt und guten Wirt atmet, der seinen Freund mit Güte und Huld wie mit schützenden Gdleitsmannen umgibt, bis daß er heimkchren darf ins Haus des Ewigen für die Dauer der Zeiten. * Mit Lessing fühle ich mich versucht, auszurüfen: „Was soll ich von einer so klaren Sache viel Worte Machen?" Ich will mich vielmehr sogleich ganz kurz zu dem Haupttrunrpf unseres Bibelbesöhders wenden. Christentum und Judentum sind toto genere geschieden. Jesus war höchstens (S. 59) jüdischer Proselyt. In keinem Falle Vollblutjude. Freilich sagt das Neue Testament ausdrücklich, er stammt von David ab. Oder ist das Neue Testament etwa auch eine große Täuschung? Fast scheint es, daß Delitzsch jener Kritik beipflichtet, die aus der Prophetenstelle Micha 5 Jesus Geburtsort in Bethlehem und, weil man seine Abkunft aus dem verachteten Nazareth nicht leugnen konnte, die Zensusgeschichte erfunden sein läßt. Und in der Tat hält neuerdings der Bremer Pastor und Monist Stendel in verschiedenen Städten Vorträge über das Neue Testament und die große Täuschung, wo ganz nach Delitzsch'' Methode die Bibelkritik dazu dienen muß, die neutestamentlichen Schriften al§ trügerisch aufzuweisen. Doch mag es anderer Gelegenheit Vorbehalten sein, zu zeigen, wie Delitzsch auch das Neue Testament vergewaltigt und gegen die christlichen Zeugnisse das Christentum vom Judentum lösen will. Gerade als ich Delitzsch' Schmähschr ift gegen di e Bibel empfing, las ich, wie sich Max Dauthendey, ein seinsinniger Moderner, zur Bibel gestellt hat. In Java einsam zurückgeworfen auf sich selbst, gewinnt er das Buch der Bücher lieb. In seiner Bibel findet sich eine eigenhändige Aufzeichnung von ihm mit folgendem erschütternd schlichten Bekenntnisse des Künstlers: „Heute morgen, als ich die Psalmen gelesen hatte, geschah mir eine Erkenntnis: Ich erkannte, daß es einen persönlichen Gott gibt. Welche herrliche Zielsicherheit ist heute in mein Herz eingezogen!" Mochrnlchsu. Berlin, 9. Mai. er P r o v i n z i al v e r band rheinischer Synagoge n g e m e in d e n versendet an die Synagogengemeinden im Rheinland folgendes Rundschreiben: Gegen die am 23. Januar d. I. endlich zur Verwirklichung gewordene Neuorganisation des deutschen Judentums wendet sich in feindseliger Weise ein irreführendes Flugblatt des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands, Sitz Halberstadt. Im Interesse der Wahrheit und des Friedens hält sich der Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden verpflichtet, ausklärend an die Gemeinden unserer Provinz heranzutreten, um zu verhüten, daß das heißersehnte grundlegende Werk der Gesamtorganisation der deutschen Juden schon im Keime zerstört wird. „Was war bisher?" „Was soll jetzt werden?" fragen die Gegner der Einh-eit des deutschen Judentums und geben daraus die Antwort, daß es sich darum handle, die privatrechtliche Institution des D. I. G. B. in. eine öffentlich-rechtliche zu verwandeln. .Es handelt sich um andere, größere Dinge. Es handelt sich darum, daß der unglückseligen Zerrissenheit des deutschen Judentums ein Ende gemacht wird, daß wir als eine geschlossen e, A ch t u n g gebiet endeEin heit auftreten und die großen gemeinsamen Aufgaben, die die schwere Zukunft dem deutschen Judentum bringen wird, mit vereinten Kräften zu lösen imstande sind. Nur bei einem solchen Zusammenschluß können wir im Namen des deutschen Judentmus sprechen und handeln, und nur dann wird man unseren berechtigten Forderungen Gehör schenken. „Welche Folgen hat die geplante Umwandlung des T. I. G. B. für die Zukunft dev einzelnen Shnagogengemeinden?" fragen die Gegner der Einheit des deutschen Judentuims und antworten darauf mit kleinlichen finanziellen Bedenken und drohen mit Steuerlasten und Abgaben für die Gesamtorganisation. Wir fragen: Können solche rein materielle Bedenken ausschlaggebend sein, wenn es sich um ein hohes und ideales Sief, um die ganze Zukunft des deutschen Judentums handelt? Wir erwarten von der Umwandlung eine Hebung und Stärkung der einzelnen Synagogengemeinden, und durch die Tatsache, einem großen Ganzen anzugehören, ihren religiösen A u s s ch w u n g. Bezüglich der materiellen Seite sind wir gewiß, daß sich ein gesunder Ausgleich zwischen den Grvßgemeinden und den leistungsschwachen kleinen Gemeinden ermöglichen lassen wird, denn die ganze Organisation liegt nach dieser Seite hin nicht sowohl im Interesse der Großgemeinden als ausschließlich in dem der kleinen Gemeinden. „Welche Entschliesznng erheischt die Selbstevhaltnngspflicht von den gesetzestveuen Synagogengemeinden?" fragen die Gegner der Einheit des deutschen Judenstums und antworten darauf: Bleibt der Gesamtorganisation fern, tretet sofort dem Bund gesetzestreuer Gemeinden bei. Zur Spaltung rufen sie auf in einer Stunde, deren Gebot die Einigkeit ist wie nie zuvor. Es ist nicht wahr, daß die religiöse Pflicht es gebietet, der Gesamtorganisation sernzubleiben. Es ist nicht wahr, daß alle Forderungen der Orthodoxie nicht berücksichtigt oder abgelehnt worden sind. In dem einen strittigen Punkt des Frauenwahlrechts in den Bundestag treten ebenso große Autoritäten dafür wie dagegen ein. Unberührt bleibt jedenfalls, wie in jedem anderen Betracht, so auch in diesem die Autonomie der Einzelgemeinde, die ihr Wahlrecht völlig nach ihrem Ermessen gestalten kann, denn der grundlegende Gedanke der Verfassung der Gesamtorganisation ist: „Alle Richtungen des Gesamtjudentums sollen unter dem weiten Dache des Bundes eine Heimat finden, jede die bedingungslose Sicherheit finden, daß sie sich frei und unbeeinträchtigt, ohne Reibungen und ohne die Notwendigkeit hemmender Rücksichtnahme, geschützt gegen jede Majorisieruug und jeden Eingriff von außen her, nach ihren eigenen Gesetzen und Notwendigkeiten entwickeln kann." D a r u m ihr jüdischen G e m e i n d e n des Rheinlandes! Wollt ihr den Zerfall des d e u t s ch e n I u d e n t u m 8 o d e r s e i n e E r h a l t u n g?

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