Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 der Gott Moabs, Milkom der Gott Amons war." Nur müßte Delitzsch sich eigentlich beim Niederschreiben wundern, wie dieser Gott dann ausdrücklich Ewiger der Heerscharen, ei olsm (bei Deutervjesajas oft) Weltengott genannt werden konnte und warum d?r sittliche Eingottgkaube seinen Siegeslauf nicht von Moab und Amon, sondern von Jerusalem her angetreten hat. * * * Unglaublich ist, daß Delitzsch trotz Jeremias, dessen Lebenstragödie in feinem übernationalen Universalismus mitbegründet ist, S. 18 doch die völkische Beschränktheit der Propheten behauptet und sich im Zusammenhang damit die Ungeheuerlichkeit leistet, die Gottesidee der Propheten, die ihren klassischen Ausdruck in den: Satze gefunden hat: „heilig, heilig, heilig ist der Ewige der Heerscharen, voll sind alle Lande seiner Herrlichkeit" (Jes. 7, 3) und ,-der Ewige wird König über alle Lande, an jenem Tage ist der Ewige einzig und sein Name einzig" (Sech. 14, 9), engherzig und beschränkt zu nennen. S. 19 polemisiert er gegen die Versuche, die Universalität Jahos nachzuweisen. Er schreibt wörtlich: „Rabb. Dr. B e e r - mann (Heilbronn) schließt seine Entgegnung auf Teil I der „Großen Täuschung" mit Hinweis auf das mit Recht an den Pforten so vieler Synagogen prangende Wort (Jes. 56, 7): „Mein -Laus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker." Wie suchtDelitzsch nun dies abzuschwächen? Erzeigt, daß eine Bekehrung der Heiden vom Götzendienst zum Gottesdienst gemeint ist. Was vcrschlägt's? Heißt's aber nicht I. Könige 8, 41 ff.: „Wende dich auch ju dem Ausländer, der nicht von deinem Volke Israel ist und er kommt aus fernem Lande wegen deines Namens, denn man wird von deinem großen Namen und deiner gewaltigen Hand und deinem a-usgestreckten Arme sprechen und er kommt und betet in diesem Hause, so höre du im Himmel, der Stätte deines Sitzes, so tue, ganz nach dem, was zu dir ruft der Ausländer, damit erkennen alle Völker der Erde deinen Namen, -auf daß sie dich verehren wie dein Volk Israel." Worauf es einzig und allein ankommt, ist: Hier beten Juden, daß ihre Religion Gemeingrit der ganzen Menschheit werde; damit ist grundsätzlich die nationale Entschrünkung der Frömmigkeit erreicht. Wie kann mau sich, gegen solche Erkenntnis sperren? Doch Delitzsch wagt noch Kühneres. Nach ihm (S. 20) haben die Propheten die Völker mit kalter, rauher Hand zurückgestoßen. Nun lese man Jes. 15 die ergreifende Klage über Moabs herbes Geschick, das den Propheten aufs tiefste erschüttert und ihm Worte glutvollen Erbarmens mit dem unglücklichen Volke auf die Lippen legt. Aber freilich, wer wie unser Autor Jes. 2 mit dem wundervollen Bilde des allgemeinen Völkerfriedens und der Zuwendung der Nationen zu den ethischen Idealen Zions lesen kann und darin bloß einen Hnldigungszug der Völker nach Jerusalem sieht, der der jüdischen Nationaleitelkeit schmeichelt, der vermag auch wie Delitzsch Micha 4, 5: „fürwahr mögen alle Völker wallen, ein jedes im, Namen seines Gottes, lvir wallen im Namen des Ewigen, unseres Gottes für und für", übersehen, daß hier zum ersten Male in der Weltliteratur der Toleranzgedanke seine leuchtenden Augen ausschlägt. Was schreibt Delitzsch S. 20/21 zu alle dem? „Welcher ruhig Urteilende kann in diesen Worten etwas anderes erblicken als eine verletzend stolze Gleichgültigkeit Israels gegenüber dem Endgeschick aller nichtisraelitischen Völker." Delitzsch will nicht die Größe der Propheten sehen, darum erblickt er in ihrer scharfen Kritik des heidnischen Bilderdienstes nicht die sieghafte Gewalt der Geiftesreligion, sondern rechtet mit ihnen, als ob sie in nationaler Befangenheit sich nicht in die sinnbildliche Bedeutung der Götterbilder zu schicken gewußt hätten, wie wenn sie nie gegen die jüdische Darstellung Gottes in Bilderwerken voll Eifer ausgetreten wären, kann er nicht leugnen, daß die Propheten ihren Gott als sittliche Macht zur Geltüng brachten S. 36, so sind ihm die Juden so schlecht, daß die Propheten fo viel an ihnen rügen mußten, statt in ihnen das klassische Volk der Selbstkritik anzuerkennen, die den Rügeworten ihrer Gottesmänner einen Ehrenplatz in ihrem literarischen Ruhmestempel einräumen. Wie kann ein so bibelfester Philologe wie Delitzsch bei den Propheten den Hinweis auf den Treubruch und die verlogene Bündnispolitik der jüdisch-israelitischen Könige vermissen (S. 38)? Ist doch von Hosea, Jesaia, Jer. Ezechiel an vielen Stellen (vgl. Hos. 7, 12, Jer. 2,18, Jes. 30, Ez. 17) gegeißelt worden, daß man Bündnisse schließt und nicht hält, und daß man dem Könige Nebukadnezar den Treueid gebrochen hat. * * * Heine sagt einmal: „Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet. Der Gute findet hier sein Paradies, der Schlechte genießt schon hier seine Hölle." Wendet man diese Weisheit ins Literarische, dann muß man annehmen, daß Delitzsckp sonstige Geistesfülle vielleicht infolge des tiefen nationalen Schmerzes, zu dem er sich ans Seite 72 bekennt, ihn verließ, als er sich mühte, auch den Psalter als nicht originell, als sittlich wertlos, diesseitig gerichtet und religiös unbedeutsam hinzustellen. „Die Psalmen sind nicht originell." Die Sumerer (S. 37) hätten diese Frömmigkeit in weit vollkommenerer Weise ausgesprochen. Gegen die Mode, assyrisch-babylonische Psalmen heranzuziehen, um den Nimbus der jüdischen zu zerstören, wäre zu sagen: Erftere sind durchweg polytheistisch gestimmt: „O Gott, ob unbekannt oder bekannt, o Göttin, ob unbekannt oder bekannt — (also nur ja keinen anslassen) vergib mir meine Uebertretungen." Zum mindesten sollen niedere Götter dem höheren Gotte die Bitte vermitteln: Auf der Stele der Nabuaploiddin in Sippar ist der König in Anbetung vor dem Sonnengotte dargestellt. Hinter ihm steht eine Göttin, welche beide Hände zum Gotte hin erhöben hält und das Gebet des Königs übermittelt. Oder ein Kalksteinreltef im Berliner Museum, auf der ein König von seinem Schntzgotte zum Obergotte geführt wird. Das ist auch die Stimmung der babylonischen Psalmen. Im biblischen Psalter hält die Seele unmittelbar mit Gott Zwiesprache (73, 23 ss.) „Ich bleibe ständig bei dir, du erfassest mich bei meinen Rechten. Mit deinem Rate leitest du mich und hernach nimmst du mich in Ehren heim. Wenn ich dich nur im Himmel habe, neben dir begehre ich nichts auf Erden." Wohl kommen Rufe, wie „Vergib mir meine Missetat", auch in Babels Hymnen vor. Doch in der Regel geht's um irdische Güter und um die sichtbaren Aeußerungen der Frömmigkeit, den Opferdienst, denen gegenüber das Rein-Sittliche zurücksteht. Nein sollen aber die biblischen Psalmen sittlich wertlos sein. Man denke an Ps. 15. Hier wird gefragt, wer Gastrecht und Heimat bei Gott hat. Und wie lautet die Antwort: Wes Wandel, Werk und Wort von Gradheit, Güte, Wahrheit ist, so daß er frei bleibt von Znngensünde, Wehtat und Beschimpfung des Nächsten und was verwerflich ist, verachtet, dagegen ehret, wer Gott fürchtet, dein Eide treu, von Habsucht frei lebt, der hat Halt und Dauer. Oder ist's sittlich wertlos, wenn Ps. 87 zeigt, wie auch die Heiden Kinder Gottes werden, die nach und nach in die Stammrolle der Juden eingeschrieben werden und Bürgerrecht in Zion empfangen, so daß Fürsten und Gemeine bei Gott heimisch werden. Ist das nicht ebenso groß gedacht als das Pauluswort: Hier ist nicht Grieche, noch Jude: