Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1921)
- Date
- 1921-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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85. Jahrgang. Nr. 10 Berlin, 13. Mai 1921 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. AbonnementS'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 DT. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbinet De. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. * Nochmals: Tie große Täuschung. Von Vezirksvabbuner Dr.: Lß LHzjlNL ♦ B e ermann (Heilbronn). — W o ch e n s ch a u. — Michael Nußbaum (mit Bild). Von — Emil F lauter zum Gedächtnis. Von! Bernhard T r a u b e n b e r g. — Die Juden unter den Premhslhden. : Von Rabbiner Professor Tr. Schwartz (Prag). — Ausstellung- Pleßner— Steinhardt. Bon Dr. S. A s ch n e r (Berlin). — Feuill e ton: Frau ' Hanna Maier. [1. Fvrts.j Von s)lmia Gold s ch m i d t. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums".) Berlin, Lhck, Breslau, Forst i. Dessau, Frankfurt a. M. — . V o n N a h u n d F e r n. Muchmsls: Sir grohe Täuschung. Bon Bezirksrabbiuer Dr. Veermann (Heilbronn), oeben bringt die Deutsche Verlagsanstalt (Stuttgart- Berlin) von Delitzsch' Angriffsschrist gegen die Bibel „Die große Täuschung" den zweiten Teil auf den Büchermarkt. Auch hier naht der in seinem Fache — der Erschließung der assyrisch- : babylonischen Literaturschätze — -mit Recht hochgeschätzte Ver> : fasser in fragwürdiger Gestalt. Seine scharsgeschnittene Gelehrtenphysiognomie, die uns aus den Zeilen seines Kampfbuches in jener Leidenschaft entgegenschaut, die man als kuror theologicus, d. h. als rasenden Eifer der Gottesgelehrsamkeit gekennzeichnet hatgibt uns im Grunde genommen ein schweres psychologisches Rätsel auf. Da ist ein Forscher, der sein Leben lang religiöse Urkunden unter dem Gesichtswinkel des allmählichen Werdens und Wachsens der religiösen Vorstellungen und Triebkräfte gewürdigt hat; dieser Mann fällt der Bibel gegenüber in eine/längst überwundene Anschauungsweise, zurück, in die irrige Meinung Voltaires und des chm geistesverwandten „Aufkläricht": „Alles ist Priestertrug." Derselbe Wissenschastleir, der die Ergebnisse der modernen Bibelkritik, die ganz am Begriffe der Entwicklung, wie der Wein an dem Stabe, sich emporrankt, grundsätzlich sich zu ■ eigen gemacht hat, vermag es, wie ein dogmatisch befangener Orthodoxer, der seinem mechanischen Qffenbarungsglauben zuliebe alles religiöse Werden gleichsam auf eine Fläche projiziert, für die biblische Religion auf Seite 18 seiner Streitbrofchüre folgenden schier unglaublich. klingenden Satz zu schreiben: „Ebendeshailb, weil ich weder im Gottesbegriffe noch in der Geistesveranlagung Israels irgendeine Spur von Entwicklung zu erkennen vermag, weder vor der exilischen, tzoch nach der exilischen Zeit, noch sogar in der Gegenwart, muß ich den mir so vielfach gemachten Vorwurf, ich hätte keinen Sinn für geschichtliche Entwicklung, als haltlos zurückweisen." Ist dies nicht, wie wenn Delitzsch sagt: Wohl sieht die Religion , her israelitischen Nomaden und der hebräischen Bauern anders * aus als die Religion eines Deüterojesaias oder eines talmudischen Rabbis oder eines modern-jüdischen Reformpredigers. Ich, Delitzsch, habe aber den Mut, vor diesen Tatsachen meine Augen zu verschließen uüd kraft meiner Machtvollkommenheit zu erklären: Hier auf diesem Gebiete gibt's keine Entwicklung. Wer wagt mir da noch ein geschichtliches Verständnis abzusprechen? Nein, eine solche Bemerkung kann nicht mehr logisch, sie kann nur psychologisch gewürdigt werden als ein Symptom jener durch die Kriegserlebnisse bewirkten seelischen Störungen, zu deren Heilung gerade die Versenkung in jene Bibel beitragen könnte, aus der Fichte und andere Männer der Selbstbesinnung in den Jahren von Deutschlands Erniedrigung wie aus einem nie verfieglichen Kraftborn geschöpft haben und die Delitzsch in beklagenswerter Verblendung unserem unglücklichen Volke aus Schule, Kirche und Haus entziehen möchte. Gewiß könnte, wer nur das Vorwort zu Delitzsch' Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern lieft, denn diese bilden im wesentlichen den Inhalt der „Großen Täuschung" Teil II, meinen, seine neue Darbietung sei keine Fanfare mehr, sondern eine Schamade, denn Delitzsch weist den Vorwurf antisemitischer Gesinnung vulgo Judenhasses weit von sich. Ja, er habe sich sein Leben lang als das Gegenteil eines Judenfeindes erwiesen. Wir wollen ihm das gern glauben. Allein nicht seine Politische Meinung, sondern sein wissenschaftliches Urteil steht hier zur Debatte. Und in seiner starken Abneigung gegen die hebräische Bibel ist kein Wandel eingetreten. Freilich sachlich bringt Delitzsch nichts Neues von Wert herbei. Im Gegenteil im Grunde genommen argumentiert er keineswegs glücklich. Lächerlich mutet es an, wenn er auf Seite 7 die Eigenart der Schriftgelehrten, heidnischen Götternamen die Vokale des Wortes boscheth „Schande" unterzulegen, um so gegen die Abgötterei Einspruch zu erheben, „Täuschung" nennt, und ebenso ist es doch, um mit Delitzsch zu sprechen, S. 8 wenig belangreich, daß man dem vierbuchstabigen Gottesnamen Jhwh die Vokale des Wortes Adonaj (Herr) verlieh. Es lag darin mir das Streben, den Ausdruck: Ewiges Sein, womit das göttliche Wesen für die Menschenseele am angemessensten bezeichnet wird, möglichst vor jeder gedankenlosen Anwendung sicherzustellen. Mag sich Delitzsch gegen die Gleichsetzring dieses biblischen Gottesnamens mit dem Weltengott noch so wehren, die Bibel läßt keinen Zweifel darüber, daß die Welt eine Schöpfung dieses Offenbarungsgottes ist, von dessen Macht und Herrlichkeit Himmel und Erde voll sind (Ps. 19, Jes. 7). Unwahr ist, daß dieser Gott sich nur mit Israel kümmert, von den Heiden aber keine Notiz nimnrt. Die Völkertasel Gen. 10 und der Sündenrundgesang in Amvs 1 beweisen das Gegenteil. Die Rechtsbrüche der Heidenvölker. gegeneinander werden gebvandmarkt und die Rolle, welche die edlen Nichtisraeliten Noah, Malkisedek, Elieser, Jithro, die das Moseskind rettende ägyptische Königstochter und v. a. wie Hiob im hebräischen Schrifttum spielen, beweist das genugsam, daß auch die nichtjüdifchen Menschen in ihrer Güte' vorn „Heiligen Israels" gewürdigt werden. Delitzsch aber dekretiert S. 15: „Es bleibt dabei, daß Jaho lediglich Israels^Nationalgott ist, genau so wie nach alttestamentarischer Bezeugung Kcmvsch