Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229491--76227-3288803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

106 Stück „Die Juden", nicht „Der Jude" nannte. Er wollte mit seinem Stück dem deutschen gebildeten Publikum zeigen, daß es sich eine völlig verkehrte Vorstellung von den Juden machte, die mitten unter ihnen lebten und die sie doch nicht kannten. Er selbst hatte ja Gelegenheit, besonders durch feinen Verkehr mit MosesMendelssohn, sich eine andere Vorstellung von diesem verachteten Volke zu machen, und er hat später bekannMch seinem unvergeßlichen Freunde in „Nathan dem Weifen" ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Ueber diesem größeren Werk hat man das kleinere Jugendlustspiel, das eigentlich doch mehr ein Trauerspiel ist, fast völlig vergessen. Aber wir schulden dem mutigen Vorkämpfer des Toleranzgedankens gerade für dieses Werk unseren besonderen Dank; denn es fällt so völlig aus dem Rahmen jener Zeit, wie jedem sofort klar wird, der sich mit ihr nur ein wenig näher beschäftigt. Und wenn wir am Schluß noch den Geist Lcssings dem Friedrichs des Großen gegenübersehen wollen, so müssen wir daran erinnern, daß in derselben Zeit, in der ein Lessing „Die Juden" schrieb, Friedrich der Große seine jüdischen Untertanen zu drückendsten Zwangsankäufen von Porzellan aus seiner Berliner Manufaktur nötigte, um ihren Geldbeutel für seinen Staat nutzbar zu machen. sfrsu hsnna Maier. Von Anna Goldfchmidt. 3ch hätte doch auch anders rum gehen können. — Unsinn! Gerade nicht! Der Weg an der Synagoge vorbei ist näher, und heutzutage, wo wir Hausfrauen so viel Zeit verlaufen müssen, um nur das Nötigste zur Sättigung der Familie-- Himmel, kommt mir der Satz bekannt vor! Alle Gespräche, alle Klagen, alle Witze, alle Rezepte, — erst gestern im Kränzchen wieder — drehen sich um das eine Thema, das mir auf einmal doch so schreckhaft banal, so werktäglich vorkommt, da mir Frau Hanna Maier in ihrem schönen Nerzpelz, das Gebetbuch in der Hand, begegnete und meinen kurzen Gruß — ich ärgere mich zu sehr, daß er etwas verlegen aussiel — höflich, mit leicht verwundertem Aufblick auf meine Markttasche erwiderte. Daß ich den Kopf nunmehr mit überzeugungstreuem Ruck erst recht in die Höhe warf, sah sie nicht mehr. Erst grade! Was geht es Frau Hanna Maier an, ob ich Sonnabends auf den Wochenmarkt gehe oder nicht? Die schwerreiche Frau wird die Sorge nicht haben, wie sie ihre Familie satt kriegt. Mit sehr vielem Geld läßt sich noch immer gut leben, auch in Kriegszeiten. Die Verhältnisse sind eben verschieden. Der eine geht im schweren Nerzmantel, der andere im Werktagskleid, das Marktnetz am Arm, und jagt sich ab, um die besten und billigsten Quellen -, na, so ist es nun doch nicht. Schließlich, wenn ich auch keinen Nerzmantel habe, festtäglicher als ick; heute gehe, könnte ich mich schon kleiden, und verhungern täten wir ja auch nicht, wenn ich mir heute nicht das Marktnetz an den Arm gehängt und den Frommen der Gemeinde ein Aergernis gegeben hätte, so daß Frau Hanna Maier in ihrer Sabbatfeier — Aber was geht mich denn eigentlich Frau Hanna Maiers Sabbatfeier an? Wenn unsere Richtung dach eine so ganz andere ist? Hat sie oder hat ihr Gatte, unser Gemeindevorsteher, mir Vorschriften zu machen? Aber so sind die Orthodoxen! Alles wollen sie beherrschen, alle sollen nach ihrer Fasson leben. Und damit hatte ich die Längsseite des mächtigen Baues abgeschritten und bog um die Ecke, wobei mein Blick noch einmal Frau Maiers hohe Gestalt umfaßte, ehe sie in das Mitteltor schritt. Ich sah den >gemessenen Gang, der etwas Weihevoll-Ruhiges, Friedvolles hatte, und aus einmal war es mir klar, daß das Feiertägliche, was mir an ihr ausgefallen war, nicht an ihrem Nerzmantel gelegen hatte, sondern daß in ihrer Haltung, ihrem Blick etwas Feiertägliches, Gehobenes war, das mir den Unterschied mit meinem werktätigen Aeußern, meinen alltagsmäßigen Gedanken peinlichst fühlbar machte. Ich schämte mich ein wenig vor der innerlich und äußerlich Festgekleideten, und — das verzeiht man so leicht keinem. Ich konnte Frau Maier von dem Augenblick an nicht mehr leiden. Vielleicht hatte ich sie nie leiden können. Ms ich nun auch noch sah, wie Viehhändler Levi, ein ziemlich untergeordnetes Mitglied unserer Gemeinde, den Hut beinahe erschreckt vor Respeckt vor ihr herunterriß und in der Hand behielt wie vor einer Fürstin, und als ich gar ihren zerstreut kühlen Blick, der solche auffallende Huldigung gleichsam wie etwas Selbstverständliches hinnahm, gewahrte, wurde meine Abneigung noch größer. Mich grüßte der Viehhändler dann auch, und in meinem Gegengruß zeigte ich ihm recht deutlich, wie ich darüber dachte, daß er die Frau des Vorstehers so grüßte und mich nur so. Ich bin deshalb noch lange nicht weniger als die, und wenn ihr Mann auch zehnmal so viel Geld hat als meiner. Dafür ist meine Ehe aber auch wie sie sein soll, während Frau Maier-ja, was ist denn eigentlich mit Frau Maier? Sie sagen doch, daß alles bei Maiers wunderschön sei, und daß der alte Mann seine schöne, viel jüngere Frau vergöttere und mit Geschenken und Schmucksachen überhäufe. Aber ist das etwas fürs Herz? Ich sah den nächsten Sonnabend alle Maiers zusammen aus der Synagoge kommen. Ich war ordentlich sroh — zu dumm ist man doch manchmal —, daß mein Gatte und ich heute mehr dem Sonnabend entsprechend gekleidet waren, so sehr ich auch zu Hause über den Anlaß dazu räsoniert hatte. Wir hatten einen lästigen Besuch machen, zu einer Barmizwah gratulieren müssen. Ich sah heute viel sicherer auf Frau Hanna, die zwischen der festtäglich gekleideten Gesellschaft sich wieder heraushob als etwas besonders Festtägliches. An Frische und Stattlichkeit überragte sie die Ihren auffallend, auch den jüngeren, eleganten Stiefsohn. Ihr Gatte, Stadtrat Jakob Maier, den sie untergefaßt hatte, mochte wohl ein Kopf kleiner sein als sie. „Es ist nicht kleidsam, solche schöne, große Frau zu haben," flüsterte ich meinem Mann ins Ohr, „du warst vorsichtiger in deiner Wahl." Nie kam mir der alte Mann — mein Gott, er war ja auch ein Siebziger, und sie hatte die vierzig wohl kaum überschritten — so greisenhaft, so verfallen vor, wie seit er die schöne, blühende Frau am Arm führte. Und allein hatte man ihn seit seiner Wiederverheiratung wohl kaum einmal gesehen. Sein Bruder, Herr Louis Maier, und dessen Frau Amalie Paßten besser zu ihm. Alles alte von einem langen und arbeitsreichen Leben verbrauchte Leute, die das Dasein nie leicht genommen hatten. Frau Amalie trug einen ebensolchen Nerzmantel wie ihre Schwägerin, doch — wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Ein vertrocknetes Graurenettchen auf goldener Fruchtschale! — sie versank förmlich in der kostbaren Umhüllung. Ob die alte Generation von ihrem Geld, was man so sagte, Vergnügen hatte, wußte man nicht. Sie lebten ernst, streng orthodox und übten eine ständige, tiefgründige Wohltätigkeit. Nie hatten sich die Maiers Genüge getan, gedankenlos mit Geld auszuhelfen, immer gaben sie noch ihre schwere, bedachte und für den Empfänger nicht immer bequeme Fürsorge hinzu. Herr Maier hatte noch für keinen Knaben das Schulgeld bezahlt, ohne mit dem Lehxer dauernd in Fühlung zu bleiben und sich nach des Schützlings Fleiß zu erkundigen, und Frau

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.