Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 9 (28.4.1921)
- Date
- 1921-04-28
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229491--76226-3288802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
105 Erläuterungen und Erweiterungen von seiner Hand und mit seiner Unterschrift versah. Solche Werke befinden sich sowohl in der Frankfurter Stadtbibliothek als auch in mehrfachem Privatbesitz. Schott erreichte nur das 61. Lebensjahr. Im Jahre 1868 wurde er von einem Herzleiden heimgesucht, wozu sich 1869 der Typhus gesellte. Er erlag seinem schweren Leiden am 23. Januar 1869. tief betrauert nicht nur von seinen nächsten Angehörigen, sondern auch von der weiteren Familie, der er stets als treuer Berater zur Seite gestanden hatte, von seinen Gemeinden und von allen denen, die den Segen seiner Wirksamkeit erfahren hatten. . Franksurt >a, M. Stella Rothschild. LrMnss Iugenddrsms „Die Juden". Von Dr. Willy Cohn (Breslau). ährend Lessings „Nathan der Weise" weltbekannt ist und als die große Verherrlichung der Toleranzidee gepriesen wird, ist das Jugenddrama Lessings „Die Juden" weit weniger berühmt, und doch verdient es dieses Werk näher betrachtet zu werden. Es entstand im Jahre 1749. in einer Zeit, als die Lage der Juden in Deutschland noch eine äußerst trübe war und sie eine völlig verachtete Menschenklasse bildeten. Brachte man bis dahin einen Juden auf die Bühne, so geschah das in einer mehr oder weniger herabsetzenden Art und Weise. Der Jude konnte noch froh sein, wenn er nur eine komische Rolle spielte, meist aber sagte man ihm die bösesten Dinge nach. In dieser Zeit bedeutete es eine literarische Tat. daß Gotthold Ephraim Lessing es wagte, für diese verspottete Menschenklasse einzutreten und sie in einer Weise bühnenfähig zu machen, daß ihre edlen Eigenschaften in den Vordergrund traten. Doch konnte er das Stück erst fünf Jahre später zum Druck geben, und es hat niemals in dem Sinne gewirkt, wie etwa seine Minna von Barnhelm, denn die Zeit >Äar für seine Ideen nicht reif, vielleicht ist sie es heute noch nicht. Es lohnt sich, den Gedankengang des Lessingschen Stückes an unseren Augen vorbeigleiten zu lassen. Ein Lustspiel in einem Akte, in dreiundzwanzig Austritten spielt sich rasch vor dem Zuschauer ab. Ein unbekannter Reisender hatte Gelegenheit, einen Baron und dessen Tochter vor verkleideten Banditen zu retten, die sie überfallen wollten. Und diese Banditen hatten sich die Maske von Juden zugelegt und ihre Gesichter mit langen, schwarzen Bärten unkenntlich gemacht. In Wirklichkeit hatte die Tat der Vogt des Barons mit seinen Helfers- Helsen ausgeführt und dem Reisenden war es ausgefallen, daß die Räuber trotz ihres jüdischen Aussehens die ordentliche Bauernsprache redeten. Martin Krumm — so heißt der Vogt — benutzt nun die Unterredung mit dem Reisenden, um auf die verdammten Juden alles Schlechte zu häufen und sagt zu ihm: „Ach! mein lieber Herr, wenn Sie wollen Glück und Segen in der Welt haben, so hüten Sie sich vor den Juden ärger als vor der Pest." Während Martin Krumm so mit dem Reisenden sich unterhält. benutzt er die Gelegenheit, ihm seine wertvolle Tabakdose zu stehlen, die dann im Verlaufe des Stückes noch eine mannigfaltige Rolle spielt, aus die wir aber hier nicht weiter eingehen wollen. Der Baron und das Fräulein sind dem Reisenden zu allergrößtem Danke verpflichtet und nötigen ihn. seine geplante Abreise aufzugeben und noch weiter bei ihnen zu verbleiben. Auch hier bildet der Haß gegen die Juden das hauptsächlichste Gesprächsthema, denn noch immer nimmt der Baron an. daß er von solchen überfallen worden ist. Sein Dank gegen den Reisenden wird noch größer, als dieser ihn auf die Unredlichkeit seines Vogtes hinweist und ihn veranlaßt. eine eingehende Untersuchung anzustellen. In seiner Gutmütigkeit wagt es der Reisende kaum, seinen vollen Verdacht dem Baron gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Er will nicht einen Menschen, selbst wenn dieser ein so schlechter Kerl wie Martin Krumm ist. ins Unglück bringen. Alles stellt sich so heraus, wie der Reisende vermutet hat. Der Baron weiß aus seiner tiefen Dankbarkeit heraus nicht, wie er sich dem unbekannten Reisenden gegenüber erkenntlich erzeigen soll und trägt ihm seine Tochter an. Noch aber kennt er nicht den Namen des Reisenden und als er ihn jetzt nach seiner Herkunft fragt, stellt es sich heraus, daß dieser ein Jude ist. Und nun hat auch die Dankbarkeit des Barons ein Ende. So weit kann er nicht gehen und einem Juden sein Kind geben. „So gibt es denn Fälle, wo uns der Himmel selbst verhindert, dankbar zu sein?" Und wenn er dem Reisenden auch sein ganzes Vermögen anbietet, das dieser aber ausschlägt, so bleibt doch in jenem ein Stachel zurück. „Zu aller Vergeltung", so sagt der Reisende, „bitte ich nichts, als daß sie künftig von meinem Volke etwas gelinder und weniger allgemein urteilen. Ich habe Mich nicht vor Ihnen verborgen, weil ich mich meiner Religion schäme. Nein, ich sah aber, daß Sie Neigung zu mir und Abneigung gegen meine Nation hatten. Und die Freundschaft eines Menschen, er sei. wer er wolle, ist mir allezeit unschätzbar gewesen." Der Baron muß sich seines Verhaltens dem Reisenden gegenüber schämen, aber er ist doch in den Vorurteilen seiner Zeit so befangen, daß er keinen Weg zu ihrer Ueberwindung findet. Der Diener des Reisenden. Christoph, der bisher von seinem Herrn nur Gutes erfahren hatte, aber nicht wußte, daß dieser ein Jude wäre, ist nun ganz außer sich: „Was? Sie sind ein Jude und haben das Herz gehabt, einen ehrlichen Christen in Ihre Dienste zu nehmen? Sie hätten mir dienen sollen! So wär' es nach der Bibel recht gewesen. Potz Stern! Sie haben in mir die ganze Christenheit beleidigt. — Drum habe ich nicht gewußt, warum der Herr aus der Reise kein Schweinefleisch essen wollte und sonst hundert Alfanzereien machte. Glauben Sie nur nicht, daß ich Sie länger begleiten werde! Verklagen will ich Sie noch dazu." Der Reisende nimmt ihm seine kleinliche Befangenheit keinen Augenblick übel und belohnt ihn gar noch für seine Dummheit. So mutz auch dieser Diener einsehen/daß es wohl auch Juden gibt, „die keine Juden sind". Das Stück klingt aus in gegenseitige Komplimente, die der Baron und der Reisende sich machen. Der Baron: Alles, was ich von Ihnen sehe, entzückt Mich. Kommen Sie. wir wollen Anstalt machen, daß die Schuldigen in sichere Verwahrung gebracht werden. Oh. wie achtlingswürdig wären die Juden, wenn Sie alle Ihnen glichen! Der Reisende: Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen " Will man dem Stück, dessen Inhalt wir im vorstehenden krrrz skizziert Haben, gerecht werden, so muß man sich in den Geist jener Zeit vertiefen. Man darf es jenem. jüdischen Reisenden nicht übelnehmen, daß er seinen Namen und seine Abkunft während seiner ganzen Reise sorgfältig selbst vor seinem Diener, verborgen hat. Aber wir stehen ja mit jenem Stück im 18. Jahrhundert, in einer Zeit, in der das Aufenthaltsrecht der Juden in den meisten Orten der größten Beschränkung unterlag. In manchen Städten, wie etwa in Nürnberg, durften sich Juden überhaupt nicht aufhalten. So war der jüdische Reisende gezwungen, wollte er zu seinem Ziele kommen, über seine Religion Stillschweigen zu bewahren. Auch hat der Held des Lessingschen Jugenddramas das Gettohafte nicht völlig abgeschüttelt, etwas Aengstliches liegt über seinem Wesen, doch auch dies ist nur im Geist jener Zeit zu werten. Lessing wollte ein Denidengdrama schreiben, das ist zweifellos, und der beste Beweis dafür ist die Tatsache, daß er sein