Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 9 (28.4.1921)
- Date
- 1921-04-28
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 So sehr er für die Erhaltung und das wahre Wesen der israelitischen Religion bei jedem Anlaß eintrat, bekämpfte er in gleichem Maße den Aberglauben und verscheuchte manche alt eingerosteten Mißbräuche, die mit der Religion nichts gemein haben, so das Anhesten von hebräischen Gebeten an die Wände und Vorhänge im Zimmer von Wöchnerinnen, die den Zweck haben sollten, Frau und Kind vor dem Eindringen böser Geister zu bewahren. Sowohl im eigenen Hause als beim Schulunterricht achtete Schott streng auf reine deutsche Sprache, auf gut gewählte Ausdrücke und Vermeidung von trivialen Redensarten, so daß Leute, die die Gemeinde Randegg kennen, behaupten, daß heute noch Spuren der Schottschen Lehr- und Bildungsweise dort zu erkennen seien- Nebst dem Unterricht lag Schott die Armenpflege am meisten am Herzen. Trotz seiner bescheidenen Mittel trug er persönlich zur Unterstützung der Notleidenden bei. Aber er wirkte «auch in der Gemeinde kräftig daraus hin, gründete Vereine zur Beschaffung von Heizmaterial, für Teuerungsbeisteuer und verwendete sich im stillen für verschämte Arme. Auch gelang es ihm durch das Ansehen, in dem er bei den Beamten stand, manche Strafe von Angeschuldigten abzuwenden. Kranken und Bedürftigen war Schott stets als tröstender Freund zur Seite gestanden; er wurde manchesmal zu Kranken gerufen, als wenn er der Arzt wäre, da er stets dem Patienten und seiner Umgebung Beruhigung einflößte. Im Jahre 1844 besuchte Schott die Rabb i n er Versammlung in Braunschweig, 1845 die in Frankfurt a. Main. Er sprach hier öfters, war für fortschrittliche Einrichtungen in der Synagoge, aber nur für solche, welche aufklärend auf die Gemeinde wirken und manche alt hergebrachten Mißbräuche beseitigen sollten. Als aber Anträge gestellt wurden, welche den Kern des Judentums geschädigt hätten, verließ Schott die Frankfurter Rabbinerversammlung. Das wurde ihm sowohl wie Rabbiner Dr. Frankl aus Breslau, der aus gleichen Gründen die Versammlung verließ, sehr übel genommen; desto freudiger begrüßte die Gemeinde Randegg diesen Schritt. Bei seiner Rückkehr zog ihm die israelitische Jugend Randeggs mehrere Stunden weit entfernt entgegen und begleitete ihn nach der von ihr festlich geschmückten Rabbinatswohnung. 1849 wurde Schott die Mitverwaltung des Bezirksrabbinats Gailingen übertragen und wirkte er in den fünf Gemeinden, die es umfaßte, in gleicher Weise wie in Randegg. Er förderte auch hier sowohl das jüdische Wissen als auch die Wohltätigkeitsanstalten jeder Richtung. 1855 wurde Schott an das Bezirksrabbinat Bühl berufen. Mehrere Mitglieder der Gemeinde hatten ihn predigen gehört und wünschten ihn zum Seelsorger zu haben. Obwohl diese Veränderung keine materielle Verbesserung bedeutete, da die zwölf kleinen Gemeinden des Rabbinats Bühl nicht so viel Mitglieder zählten wie die sechs größeren des Rabbinats Randegg- Gailingen, nahm Schott diesen Ruf an, um dem Mittelpunkt der jüdischen Angelegenheiten, der Landeshauptstadt Karlsruhe, näher zu sein. Hiermit trat eine Veränderung von Schotts Führung des Gottesdienstes ein. Bühls jüdische Einwohner strebten zum größten Teil eine Reform desselben an. Schott führte das Mannheimer Gebetbuch' von Präger ein, bei dessen Druck er als Mitglied der badischen Rabbinerkonferenz verschiedene hebräische Gebetstücke einfügte, die weggelassen worden waren. Auch eine neue Synagogenordnung führte er ein, da der Gottesdienst sehr wenig besucht und die Ordnung durchaus im Zerfall war. Schott führte, nicht als Ersatz für hebräische, sondern als anregenden Zusatz, auch deutsche Gesänge ein. Durch diese Hebung des Gottesdienstes füllte sich allsabbatlich die Synagoge mit sämtlichen Gemeindemitgliedern, so daß christliche Einwohner Bühls Schott befragten, welchen Zauber er ausübe, da nun alle Israeliten in die Synagoge gingen, die man früher nie hingehen sah. Wer nicht nur modern Gesinnte sprach dieser Gottesdienst an, sondern orthodoxe Fremde, die ihn auf der Durchreise besuchten, waren begeistert von der Ordnung, der Andacht und dem echt-religiösen Geiste, der dem Gottesdienste innewohnte. Oft kamen Vorstände und Vorbeter von kleinen Gemeinden, die zur Einführung eines neugeordneten Gottesdienstes Studien machten, da bisher die Meinung bestanden haste, da>ß eine Verbesserung des Gottesdienstes in kleinen Gemeinden nur unter Aufgabe des bisherigen Ritus möglich fei. Aber bald überzeugte man sich, daß sich dies sehr wohl miteinander vereinen lasse. Schotts Predigten machten immer einen tiefen Eindruck. Er besaß eine starke Stimme, eine klare Aussprache, redete eine reine und gewählte Sprache und doch faßlich und allgömeinverständlich für Geist und Gemüt. Nach jeder seiner Reden hörte man in allen seinen Gemeinden den Ausspruch- So schön hat der Herr Rabbiner noch nie gepredigt wie heute. — Er sprach immer frei, im letzten Dezennium schrieb er nur den Text und einige Notizen auf. Auch im benachbarten Baden-Baden, wo damals noch keine jüdische Gemeinde war, wurde durch Schotts Bemühungen den jüdischen Badegästen ein würdiger Betsaal hergestellt und ein regelrechter Gottesdienst abgehalten. Schott war sowohl mit orthodoxen wie mit linksstehenden Rabbinern und Gelehrten nah befreundet, ohne sich von seinem eigenen Standpunkt irgendwie zu 'entfernen. Das Rabbinat Bühl bestand, wie bemerkt, aus zwölf kleinen Gemeinden, wovon jede einen Religionslehrer angestellt hatte, der zugleich Vorbeter und Schächter war; diese Lehrer hatten eine sehr unangenehme Stellung, da die Vorsteher der Gemeinden in jenen eine Art von Bedienten sahen, die ihnen in allem zu Willen sein sollten. Auch der Wandertisch war noch gebräuchlich. Schott schaffte nach und nach alle diese veralteten Mißbräuche ab, wodurch die Lehrer zu einer würdigen Stellung kamen. Sie verehrten ihn und sahen zu ihm aus wie Kinder zu ihrem Vater. Man kann das Resultat von Schotts Tätigkeit und seiner Gesinnung nicht besser in kurzen Worten darstellen, als es Rabbiner Millstätter aus Karlsruhe, Schotts Freund, in der Rede an dessen letzter Ruhestätte tat. Seine Ziele waren: Berusstreuer Wandel, Erforschung der Heiligen Schrift und ihrer Kommentare, Belehrung sowohl der Jugend als auch der ganzen Gemeinde. Resultate seines Forschergeistes sind in vielen hebräischen Werken zu finden, indem er solche mit Anmerkungen, mit Leopold Schott geb. 1807, gest. 23. Januar 1869.