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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 Namentlich bedürfen wir der Hilfe des Auslandes, weil selbst namhafte Leistungen inländischer Förderer angesichts der geringen Kaufkraft unseres Geldes unerheblich bleiben müssen. Die „Woja" hat ihren Sitz in Wien II, Obere Donaustraße 65. Geldzahlungen für sie können für Rechnung der Allgemeinen Depositenbank, Wien, auf Konto „Woja", Wirtschafts-Organisation Jüdischer Angestellter, durch die Deutsche Bank in Berlin geleistet werden. An der Spitze der „Woja" stehen Rabbiner Dr. M. Rosenmann als Präsident, Oberrevident Karl Blume und Schulrat Professor Dr. Adolf Weiß als Vizepräsidenten, die Herren Gustav Rapaport, Beamter des American Joint Distribution Committee, und Dr. N. Glücklich als Schriftführer und Rechnungsrat Hugo Robitschek als Kassierer. Die Seele dieser neugegründeten Organisation ist ihr Präsident, Herr Rabbiner Dr. M. Rosenmann, der in selbstlosester und opferwilligster Weise, lediglich von dem Wunsche beseelt, etwas der Allgemeinheit Nützliches zu schaffen, sich all den vielen Arbeiten der Vereinsgründung und Vereinsleitung mit beispielgebender Bereitwilligkeit widmet. Dr. Rosenmänn, auch den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" als Schriftsteller rühmlich bekannt, ist nunmehr im Begriffe, einen großen und ansehnlichen Verein für jüdische Geschichte und Literatur zu begründen, über welchen demnächst wird berichtet werden können. s. Le?irks- und Mnkeren?rabbiner Leopold Schott?u SandkM-Sühl (Laden). Ein Lebens- und Charakterbild, ein Denkmal kindlicher Liebe. ehr als fünfzig Jahre sind verflossen, seit der Träger dieses Namens und dieses Amtes das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte. Doch lebt und wirkt sein Andenken noch fort, nicht nur in seinen Nachkommen, sondern auch in denen seiner Zeitgenossen und Schüler. Leopold Schott war zu Randegg, einem freundlichen Dorf an der badisch-schweizerischen Grenze, im Jahre 1807 geboren. Sowohl sein Vater Aron Schott als auch sein Großvater Masche waren bekannt als Männer von Geist und Charakter und ebensosehr als tüchtige Schristgelehrte. Bald erkannten sie in dem Knaben den regen, wissensdurstigen Geist, und früh wurde er, wie es damals Sitte war, von ihnen in die Tore der Talmudweisheit eingeführt. Infolge des Fleißes und der raschen Fortschritte, die Schotl machte, bestimmte man ihn zum Rabbinerberuf. Zur Betätigung dieses Vorhabens wurde Schott nach Hechingen gebracht, wo von der vornehmen und wohltätigen Frau Kaulla, der StamMutter der Stuttgarter Familie dieses Namens, in ihrem Hause eine Hochschule des Talmudstudiums, Jeschiba, errichtet worden war. Schott | erwarb durch sein freundliches, offenes Wesen sehr bald das Wohlgefallen der Hechinger jüdischen Gemeindemitglieder und gründete Freundschaften, die ihn durchs Leben begleiteten. Nach vierjährigem Talmudstudium ging Schott nach Karlsruhe; er besuchte dort ebensolange das Lyzeum. Hieraus läßt sich der weitschauende Geist von Schott's Vater erkennen, der mit der Zeit Schritt hielt und wohl einsah, daß es nicht mehr genüge, ein tüchtiger Talmudist zu sein, sondern daß auch die Grundlagen einer weltlichen Bildung erworben werden müßten. Wer die religiöse Wissenschaft wurde darum nicht vernachlässigt, sondern mit Eifer und Liebe fortgesetzt. Schott pflegte das Talmudstudium sowie alle jüdischen Wissenschaften bei Rabbiner Ascher Löw, dem Rabbiner von Karlsruhe, nach dessen Ablöben bei seinem Nachfolger Rabbiner Elias Willstätter und dem Privatgelehrten Rabbi Seligmann Reis. Nach Absolvierung des Lyztzums bezog Schott 1829 die Universität Heidelberg als einer der ersten badischen Rabbiner, der in dieser Weise dem Fortschritt der Zeit Rechnung trug. Schott pflegte seine Berufsstudien bei Rabbiner Fürst, und dies war wohl damals in Heidelberg die einzige Gelegenheit hierzu. Ferner betrieb er an der Universität Bibelexegese und Rhetorik und in weltlichen Wissenschaften alte und neue Sprachen und Mathematik. Nach beendetem Studium wünschten Schotts Eltern dringend, daß er die verwaiste Rabbinerstelle in Randegg annahm, obwohl er vorerst nur als Rabbinatsverweser mit halbem Gehalt angestellt wurde. Die zweite Hälfte fiel der Witwe des verstorbenen Rabbiners Seligmann Bloch zu. Man denke sich das halbe Gehalt einer Keinen Landgemeinde! Dazu kam die Besoldung für den Religionsunterricht. Trotz alledem hatte Schott den Mut zu heiraten. Er war von frühester Kindheit von seiner Großmutter, der frommen Hanne, für eine Kusine bestimmt worden. Diese war die Tochter des wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmten Rabbiners Maier Randegger, der in ferner Jugend nach Triest ausgewandert war. Schott und seine Frau waren mit dem Bewußtsein von Großmutters Bestimmung groß geworden, und die .Vereinigung der gleichgesinnten Seelen und Geister war eine möglichst glückliche. Sara unterstützte ihren Gatten sowohl durch Erteilung von Unterricht an junge Mädchen als durch weise Sparsamkeit und durch ihr edles Beispiel weiblicher Würde. So wirkten beide für die Erziehung und Veredelung der Jugend von Randegg. Das Ehepaar Rabbiner Schott bekam im Laufe der Zeit fünf Kinder, von denen ein Knabe und zwei Mädchen am Leben blieben. Sie wurden mit unendlicher Liebe und Zärtlichkeit, aber, wenn es nötig war, auch mit konsequenter Strenge erzogen. Gehorsam, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit waren die Grundlagen der Erziehung. Dieselben Prinzipien verfolgte Schott auch beim Unterricht in der Religionsschule und erreichte glänzende Erfolge damit. Die Schüler hingen mit Liebe und Verehrung an ihm und lauschten begierig seinem anregenden Unterricht. Schott betrieb den Unterricht nicht nur mit Liebe zur Wissenschaft, sondern auch mit innigem Verständnis für die jungen Gemüter. Er entdeckte in jedem seiner Schüler die vorhandenen Naturanlagen und förderte sie derart, daß er einigen Jünglingen zum Universitätsstudium verhaft. Andere wurden durch einen erweiterten Unterricht seinerseits und durch seine Empfehlung an berufene Lehrkräfte zu Lehrern ausgebildet. Aber auch das Handwerk, das bisher bei den Juden noch wenig vertreten war, führte sich durch seine öftere Aufforderung hierzu in seiner Gemeinde ein, und tüchtige Goldarbeiter und Schreiner gingen aus ihr hervor. Schott gehörte zu den ersten Rabbinern Badens, der die Konfirmation einführte. Der Konfirmationsunterricht bestand aus einem von ihm in deutscher Sprache zusammengestellten Lehrgang über unsere religiösen und menschlichen Pflichten und endigte in einer öffentlichen Prüfung dieser Kenntnisse in der Synagoge. So neu diese Sache war, so schnell führte sie sich ein und war für die Schüler und ihre Eltern, sowie für die ganze Gemeinde jedes Jahr ein wahres Fest. Selbst die Beamten und Bauern des Orts nahmen Teil daran, und zahlreiche Glaubensgenossen der Nachbargemeinde Gailingen kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, obwohl die Einführung der deutschen Sprache in die Synagoge Gegner hatte. Aber die überzeugende Wärme, von der der Vorgang durchweht war, verscheuchte alle Bedenken. Außerdem gab Schott in den Winterabenden seinen erwachsenen Schülern einen höheren Religionsunterricht, in dem er sie mit der Uebersetzung der Psalmen, der Sprüche Salomonis und der Mischna vertraut machte.

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