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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 wieder den bewunderungswürdigen Aufstieg der deutschen Reichshauptstadt mit wärmstem Interesse verfolgen, allerdings mit dem wehmütigen Gefühle, daß wir mit der Entwicklung dieses erst viel später zur geistigen Blüte gelaugten Zentrums in keiner Weise Schritt zu halten vermögen. Wohl hat der verhängnisvolle Weltkrieg und sein unglücklicher Ausgang diesen Aufstieg für unabsehbare Zeit .gehemmt, ja zurückgcworsen, wohl machen sich auch in Berlin die furchtbaren Folgen dieser Weltkatastvophe auf allöni Gebieten des öffentlichen Lebens, dem wirtschaftlichen, sozialen und geistigen, in erschreckendem Maße fühlbar, aber um die Zukunft der deutschen Metropole braucht uns nicht bange zu fein, denn über allen Haß der feindlichen Mächte und über alle Störung, die von extremen Rechts- und Linksparteien ausgehen, schreitet der deutsche Geist der Ordnung und dev Besonnenheit uneingeschüchtert an sein Werk des Wiederaufbaues und an die wirtschaftliche und geistige Arbeit. Das gleiche Gefühl der Wehmut beschleicht uns, wenn wir auf die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in Berlin und in Wien blicken, die allerdings jetzt schon einen solchen Höhenabstand aufweisen, daß sie kaum mehr miteinander verglichen werden können. Dort ohne jede Schwierigkeit, sogar von der Regierung gefördert, der heilsame Zusammenschluß der gesamten Judenschaft Deutschlands zu einer mit vollster Autorität auSgeftatteten Gesamtorganisation, die hier seit Dezenten vergebens angestrebt wurde und immer an persönlichen Ouisquilien scheiterte, die Verständigung zwischen den Vertretern der orthodox und der liberal orientierten, der Religions- und der Nationaljuden, die in sachlicher, leidenschaftsloser, urbaner Form über die strittigen Fragen des Ritus und der Vertretung in den Gemeindeanstalten sich würdig auseinandersetzen, die Behandlung der Gemeindeangelegenheiten vor dem Lichte der Oüssentlichkeit, die tadellose und einwandfreie Funktion aller Gemeindeinstitute, bie beständige Fürsorge der Gemeinde für ihre unter der wirtschaftlichen Not leidenden Beamten und Lehrer. Hier ist nun leider ein weniger freundliches Bild. Allerdings ist der Niedergang, ja, der Verfall der Wiener Gemeinde und ihrer Einrichtungen und Institute zum größten Teil aus dem unsäglich traurigen Schicksale zu erklären, welches dem kümmerlichen Reste des alten Oesterreichs durch den Friedensschluß von St.-Germain bereitet wurde, aus der Abtrennung der Gebiete, deren zahlreiche, intellektuell hochstehende und wohlhabende jüdische Bevölkerung bisher nach Wien gravitierte und die kräftige Wurzel bildete, aus welcher das jüdische Gemeinwesen in Wien seine besten Kräfte sog, sowie aus der völligen Entwertung der Valuta, welche die einst so blühenden Gemeiinideanstalten zur äußersten Verkümmerung führte, ja ihre Erhaltung fast unmöglich macht, und aus der Verelendung unseres Mittelstandes, der bisher den gesunden Kern der jüdischen Bevölkerung bildete. Allein all diese an sich so schwer wiegenden Ursachen müßten dennoch nicht einen so trostlosen Zustand der Gemeinde lbewirken, wenn wir Männer hätten, die, die Notwendigkeiten der Zeit verstehend, mit Energie und Organisationstalent ausgerüstet, frei von der unser ganzes öffentliches Leben vergiftenden Demagogie und gestützt auf das Vertrauen allev, die das Wohl der Judenheit und den Bestand des Judentums wollen, nach dem Rechten zu sehen geneigt wären. Wäre dies der Fall, so müßte es nicht geschehenj, daß zwischen der Majorität der Gemeindevertretung und der zionistischen Minderheit so erbitterte Kämpfe stattfinden, die jede gesunde Verwaltung der Gemeinde unmöglich machen und jede Verständigung ausschließen. Sonst müßte es nicht geschehen, daß sich die Verhandlungen des GemeiNdevovftandes durchaus kontrollos mit Ausschluß jeder Oeffentlichkeit abspielen. Es könnte sonst auch nicht geschehen, daß die Gemeindevertretung eine solche Geringschätzung des Religionsunterrichts, für welchen zu sorgen ja ihre allererste Aufgabe ist, an den Tag legt, daß sie die Religionslehrerv die doch nur in ihrer äußersten Not und Bedrängnis zu dem wirtschaftlichen Auskunftsmittel des Streiks gegriffen haben, nun schon 2'Ai Monate streiken läßt (Der Streik ist inzwischen beigelegt. Die Red.), ohne zu bedenken, daß sie damit den ■' Religionsunterricht und feine Notwendigkeit entwurzelt und untergräbt; und es könnte auch nicht geschehen, daß die Majorität des Gemeindevorstandes durch ihre Haftung in der Ostjudenfrage, anstatt diesen vom Schicksal so schwer betroffenen und heimatlos gewordenen Brüdern nach besten Kräften beizustehen, den schikanösen und gehässigen Maßregeln der in der Regierung vertretenen jndenfeindlichen Parteien noch einen Schein von Berechtigung an die Hand gibt. Allerdings drängt hier die wirtschaftliche Not alle anderen Fragen in den Hintergrund. Es ist die Not derjenigen, die, auf feste Bezüge angewiesen, nicht imstande sind, ihr Einkommen mit den Preisen der für die Haushaltung unentbehrlichen Bedarfsgegenstände in Einklang zu bringen. Es ist dies das große Heer der Angestellten, die einen sehr ausschlaggebenden Teil der gesamten jüdischen Bevölkerung bilden. Um sich von der durch die katastrophale Entwertung unserer Valuta verursachten Notlage dieser Kreise (Staatsbeamte, Lehrer aller Schulkategorien, Beamte der Kultusgemeinde, Angestellte in Handels- und Industriebetrieben) eine Vorstellung zu machen, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Bezüge der kleinen Angestellten, etwa 20 Prozent, durchschnittlich 1200 bis 2500 Kronen monatlich betragen, das ist zum Beispiel kaum 2 bis 4 Dollar bzw. 10 bis 20 Schillings oder in Reichsmark 80 bis 160; die mittleren, ungefähr 45 Prozent, haben ein monatliches Einkommen bis zu 4000 Kronen — 260 Mark, die höheren Handelsangestellten, etwa 25 Prozent, ein Einkommen bis 6000 Kronen — 400 Mark monatlich, während die Preise der Lebensmittel sich auf der Weltparität bewegen, die der Bekleidungsartikel darüber weit hinausgehen. Wenn man bedenkt, daß ein Laib Brot 15 Kronen, ein Kilogramm Kartoffeln 12 Kronen, ein Ei 16 Kronen, ein Kilogramm Mehl 70 Kronen, ein Kilogramm Fleisch 240 Kronen, das gleiche Quantum Fett 300 Kronen und Zucker 160 Kronen kostet, daß man für einen Anzug 20 000 bis 30 000 Kronen, für ein Paar Schuhe 2000 bis 3000 Kronen,- für ein Hemd 600 bis 840 Kronen bezahlen muß, ist es nicht schwer einzusehen, daß viele Tausende jüdischer Angestellter geradezu dem Hunger und der Verzweiflung preisgegeben sind. Kommt ja doch der Preis eines Anzuges dem durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Angestellten gleich! Und da nur die allerwenigsten Angestellten sich während des Krieges Kleider, Wäsche und Schuhe anschafsen konnten, besitzen nur einzelne noch eine tadellose Bekleidung, eine Tatsache, die im Falle der Stellenlosigkeit sicherlich der Erlangung einer neuen Stelle hinderlich sein müßte. Da nun die „Allgemeine Zeitung des Judentums" mit ihren Lesern an allen die Lage der Juden berührenden Ereignissen warmen Anteil nimmt, so wird sie auch gewiß mit Bereitwilligkeit zur öffentlichen Kenntnis bringen, daß sich vor einigen Wochen eine neue „Wirtschafts-Organisation Jüdischer Angestellter, genannt „Woja", gebildet hat, die sich die Aufgabe stellt, eine Warenabgabestelle zu errichten, welche Artikel des täglichen Bedarfes und der Belleidung zu wohlfeilen Preisen abgeben soll. Wohl soll diese Organisation, da sie auf der Erkenntnis beruht, daß eine erfolgreiche Hilfstätigkeit für den bezeichneten Gesellschaftskreis weniger einen charitativen als einen sozialen Charakter tragen muß, auf dem Grundsatz der Selbsthilfe aufgebaut sein, doch die allerersten Mittel, die, um eine umfangreiche und ausgiebige Tätigkeit ins Werk schön zu können, sehr beträchtliche sein müssen, können nur durch die Hilfe hochherziger Menschen ausgebracht werden.

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