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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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deutschgesinnte Juden gibt es zweifellos — auf den nationalen Flügel Einfluß gewinnen. Dem muß entgegengetreten werden; der Jude darf grundsätzlich in deutschen Fragen nicht mitzuredenhaben. Immer wieder aber muß betont werden: Die Lehren der Vererbung zeigen, daß die Grundzüge blutssremder Rassen sich nicht verwischen lassen, daß sie immer wieder Hervorbrechen, sei es auch in einer späteren Geschlechterfolge. Ein „Aufgehen des Judentums im Deutschtum", von der Dr. Naumann träumt, ist eine Unmöglichkeit. Weil wir erkannt haben, daß das Judentum eine Gefahr für das deutsche Volkstum ist, lehnen wir die Vermischung mit ihm ab und wollen es ausscheiden. Darum ist für uns der Zionismus die gegebene Form der Weiterentwicklung des Judentums." Besondere Beachtung verdienen die Bemerkungen, die die linksstehende „Freiheit" dieser Neugründung widmet: „Jeder anständige Mensch wendet sich mit Abscheu von dem widerwärtigen und geistig tiefstehen'dim Treiben ab, das die Antisemiten entsaften. Wer buch nur eine Ahnung von.Rassenbiologie hat, wird in der deutschvölkischen Bewegung mühelos die kulturelle wie naturwissenschaftliche Rückständigkeit erkennen. Um so eigenartiger mutet es an, daß dieser bornierte Nationalismus noch Unterstützung findet bei den — Juden. Nicht bei allen; aber es gibt nun schon zwei Organisationen, die sich in byzantinischer, kriechender Weise den rassereinen germanischen Nationalisten anzubiedern versuchen. Neben dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist nun noch der „Verband nationaldeutscher Juden" gegründet worden. Die nationalistische Bewegung, darauf muß Zimmer wieder hingewiesen werden, ist auch der Arbeiterschaft gefährlich, weil der Indifferente dm nationalen Phrasen, die an das Denken im Gegmsatz zur sozialistischen Erkenntnis gar keine Anforderungen stellen, leicht unterliegt. Die obenstchende Mitteilung der nationalistischen Judenbewegung zeigt, daß die Rassenfrage nichts mit dem Klassenkamps im ökonomischen Sinne zu tun hat, entgegen der albernen deutschvölkischen Hetze gegen alles „Jüdisch-sozialistische". Solche Gründungen bieten Gelegenheit, darüber Aufklärung zu schassen. Die Stellungnahme der beiden extremen politischen Blätter zu dem neu begründeten Verband nationaldeutscher Juden erinnert uns an die bekannte talmudische Fabel von dem Manne mit den zwei Frauen, einer alten und einer jungen. Die eine riß ihm die noch schwarzen, die andere die bereits grauen Haupthaare aus, so daß er bald mit einem ganz Wahlen Kopf umherlaufen mußte. # Man schreibt uns: Die seit 1880 bestehende Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter «den russischen Juden, kurz genannt „Ort", wurdedlnrch die ökonomischen und sozialen Erschütterungen, die der Krieg und die Revolution über die Juden dies ehemaligen russischen Reiches heraufbeschworen haben, vor gewaltige Aufgaben gestellt, zu gleicher Zeit ab>er in ihrer Tätigkeit gehemmt durch die in organisatorischer und finanzieller Hinsicht unsichere Lage. Um diesem abzuhelsen, einen Kontakt mit den lokalen Komitees in dien sogenannten Randstaatm herzustellen und die enormen Mittel, die zu>r Versorgung der jüdischen Handwerker, Bauern und Landarbeiter mit Rohstoffen, Werkzeugen unidi Maschinen notwendig sind, auszubringen, wurde Ende 1919 durch das Petrograder Zentralkomitee der „Ort"- eine besondere Dellgation, bestehlend aus dem gewesenen zweiten Vorsitzenden L. M. Bramison und dem Bevollmächtigten D. W. Lwowitsch, ins Ausland gesandt, um die dortigen jüdischen zentralen und lokalen Organisationen mit den Ausgaltien der „Ort" vertraut zu machen und zur Mitarbeit heranzuziehen. Aus Veranlassung dieser Delegation hin haben sich in London, Paris mnti> zuletzt in Berlin Zweiaiorganisationen gebildet, die die Ausgaben der „Ort" zu fördern suchen. Die Berliner Organisation ist unter dem Rainen „Verein „Ort", Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden des früheren russischen Reiches,, Abteilung Deutschland! E. V." ins Vereinsregister eingetragen. Mitglieder des Vereins können Personen beiderlei Geschlechts ohne Unterschied der Staatsangchörigkeit werden. Die Ausgaben des Vereins sind von der Mitgliederversammlung folgendermaßen formuliert worden: 1. Der Verein soll di>e Lage und die Bedürfnisse des Handwerks unibi der Landwirtschaft unter der 100 -- jüdischen Bevölkerung ans dem Gebiete des früheren russischen Reiches studieren; 2. Instrukteure für Lehirwerkstätten- und lanidwirkschastliche Genossenschaften entsenden und solche nötigenfalls hier in Deutschland ausbi'llden lassen; 3. populäre Schiristen zur Einführung in neue Handwerksberufe sowie über Landwirtschaft und Bodenkultur herausgeben, nötigenfalls Preisausschreiben für ähnliche Schriften veranstalten; 4. den jüdischen Handwerkern, Produktivgenossenschaften und Landarbeitern aus dem Gebiete des früheren russischen Reiches beim Einkauf von Maschinen, Werkzeugen, Düngemitteln behilflich sein bzw. auf Abzahlung zur Verfügung stellen. Der Vorstand des Vereins besteht aus folgenden Herren: Vorsitzender: Jacob F r u m k i n (Rechtsanwalt); Kassenwart: Dr. Moses Schwarz; Schristfühirer: Aron Singalowski (Jurist); Beisitzer: S. Gurewitsch (Ingenieur). Das Bureau befindet sich Charlottenburg, Bleibtreu^- straße 34/35; Telephon Steinplatz 9857. Ende dieses Monats wird eine vom „Ort" veranstaltete öffentliche Versammlung stattfinden, auf der Herr Rechtsanwalt Bram s on., tter extra zu diesem Zwecke von Paris hierher kommt, einen Vortrags halten wird. # Italien* Ern e st >o> Nathan, der frühere Bürgermeister von Nom, ist im 76. Lebensjahre verschieden. Er wurde 1845 in England als Sohn eines englischen Vaters und einer italienischen Mutter geboren. Von dieser, einer Frau von außerordentlicher Energie, erbte er seine republikanischen Sympathien. Das Haus dieser geistig hochstehenden Frau, die das Original der Theodora in Disraelis „Lothar" gewesen sein soll, war ein Mittelpunkt all derer, die sich für Italiens Einheit und Freiheit zu begeistern verstanden. Ernesto zählte erst 13 Jahre, als seine Eltern ihren Wohnsitz nach Italien verlegten. Hier studierte er als Jüngling einige Zeit an der Universität Pisa, jedoch nahm er erst seit 1870 seinen ständigen Aufenthalt ans der penninischen Halbinsel, wo er dann auch naturalisiert wurde. Der Verblichene, der über bedeutende finanzielle Mittel verfügt hatte, widmete sich größtenteils sozialen und ökonomischen Problemen und hat als Mitglied verschiedener Behörden und Wohlfahrtskommissionen sowie als Großmeister der italienischen Freimaurer viele Reformen von weittragender und segensreicher Bedeutung eingeführt. Als er im Jahre 1907 nach dem Wahlsiege der antiklerikalen Partei zum Bürgermeister gewählt wurde, hatte seine Wahl, wie zu erwarten war, einen großen Sturm seitens des Vatikans hervorgerusen. Während der sechs Jahre, die er seines Amtes als Bürgermeister waltete, hatte es nicht an mancherlei Zwischenfällen und harten Kämpfen mit zahlreichen Gegnern gefehlt. Wenn Ernesto Nathan auch ein Mann von höchster Lauterkeit des Charakters war und ihn bei allen Unternehmungen auch nur stets die edelsten Motive beseelt hatten, so war er doch denen, die in Rom nicht nur eine moderne Hauptstadt, sondern „die ewige Stadt" erblickten, eine zu sachliche und nüchtern praktische Natur, als daß sie mit ihm hätten sympathisieren können. Der Dahingeschiedene, ein geborener Jude, hatte sich stets als solcher bewährt und für das Geschick seiner Glaubensgenossen immer lebhaftes und tätiges Interesse bekundet. * Die Stellung des Vatikans zum Zionismus. Eine englische Zeitung veröffentlicht ein Telegramm' aus Rom, wonach für gewisse Zwecke des Vatikans eine große, internationale Anleihe in katholischen Kreisen «ausgenommen werden soll, deren Zweck unter >anderem auch sei, «einen speziellen Fonds für „Auftechterhaltung des katholischen Prestiges' i«n Palästina" zu bilden, da dieses in Pal'üsti'na seit dem Aufblühen des Zionismus stark lgelitten habe. Der Vatikan zeige sich auch der zionistischen Bew«egungj gegenüber nicht sehr freundlich; die ka>tholischen Kreise sähen im zionistischen Plane die Hand der Freimaurer und ein piolitisches Interesse der großen jüdischen Banken. J.F.Z. * Frankreich. Gelegentlich der Beratung des Budgets des Auswärtigen in der Kammer bedauerte Abgeordneter Lamareelle, Palästina unter englischem Mandat zu sehen. Das Verdienst Frankreichs aus moralischem Gebiet hätte es erfordert, daß Frankreich das Mandat über

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