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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99^ Vergangenheit des Zentralvereins vergaß, der unseren Verband gerade auf seiner neutralen Grundlage mit errichtet hat, und mit der man mit seltener Kurzsichtigkeit zahlreiche junge Juden in das national-jüdische Lager treibt. Infolge dieser Brüskierung unserer Jugendbewegung haben Fräulein Dr. Cora Berliner und ich im vollen Einklang mit bei der Beratung anwesenden treuen Anhängern des Zentralvereins und unseres Verbandes unsere Aemter im Vorstand des Zentralvereins niedergelegt. Das aufrichtige Bedauern, das anscheinend die Führer, des Zentralvereins über diesen Schritt hatten, wurde begleitet von der Genugtuung eines Teiles der Phyrrhussieger vom 10. April 1921, die sich glücklich schätzten, uns „auf anständige Weise losgeworden zu sein". In noch viel schärferer Weise ging man dann am Nachmittag des gleichen Tages in der Palästina frage vor. Daß der geistige Führer der Jüdisch-Liberalen, Rabbiner Dr. B a e ck, Mitglied des Hauptvorstandes des Zentralvereins, kürzlich in einer Kundgebung für Palästina eingetreten war, daß der in der übergroßen Mehrheit aus Anhängern des Zentralvereins zusammengesetzte Gemeindetag am 23. Januar 1921 in überwältigender Einstimmigkeit den warmherzigen Ausführungen Professor Dr. Kalischers (liberal) über Palästina zustimmte — daß Tausende und aber Tausende von Mitgliedern des Zentralvereins bereit sind, am Aufbau Palästinas mitznarbeiten —, daß einer der Mitbegründer des Zentralvereins, der zur schärfsten antizionistischen Richtung gehört hatte, sich bereits offiziell an den Sammlungen zum Keren Hajessod beteiligt hat —, daß von den besten.führenden Köpfen des Zentralvereins eine warmherzige Pälästinare's'oilu't'ion vorlag —: alles dies wurde fite nichts erachtet. Siegreich war der Standpunkt Dr. Jacobs aus Dortmund, der eine Geldsammlung für Palästina in einer Zuschrift an eine jüdische Zeitschrift als eine Verschiebung deutschen Geldes nach England bezeichnet hat. Niemand verkennt, daß für den Nichtzionisten das Palästinaproblem bedeutsame sachliche Schwierigkeiten in sich birgt, aber nur die kühnste Phantasie kann sich eine derartig von. Zionisten haß durchtränkte Stimmung, ein derartiges Außerachtlassen des jüdischen Brudergesühls, ein solches Befangensein in der Verärgerung über lokale Kärnpse mit Zionisten nur vorstellen, wie sie die meisten Wortführer dieser Majorität zeigten. Der Ernst der Situation wird durch folgende Tatsachen gekennzeichnet: 1. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Führer des Zentralvereins, die ein warmes jüdisches Herz sowohl in der Jugendwie auch in der Palästinafrage bewiesen, in diesen Fragen von hoher prinzipieller Bedeutung überstimmt wurden. 2. Wenn es sich bestätigen sollte, daß der Majoritätsbeschluß des Zentralvereinsvorstandes eine scharf ablehnende Stellung zu den Sammlungen für Palästina bekundet, werden eine große Anzahl von Mitgliedern des Zentralvereins vor die Frage ihrer weiteren Zugehörigkeit zu dieser Organisation gestellt. 3. Der Beschluß in der Jugendfrage, dessen aggressive Bedeutung noch durch den Umstand erhöht wird, daß die anwesenden Führer der „Kameraden" und der liberalen Jugendbewegung sich mit den Führern des neutralen Jugendverbandes im Laufe weniger Minuten, um den Zentralverein vor inneren Erschütterungen zu bewahren, gemeinsam auf eine Entschließung geeinigt hatten, die den ganzen Streit vollständig erledigt Hütte, stellt viele junge Nichtzionisten vor die Frage, ob sie sich fortan dem Zentralverein noch anschließen können. Eine Vertuschung dieser Dinge liegt heute in niemandes Interesse. G i b t e s noch A u s w e g e a u s diesem T o h u w a b o h u? In der Palästinafrage kann nicht mehr gewartet werden. Als zweckmäßigste Lösung/erscheint, daß die zionistische Parteileitung sobald wie möglich einer größeren Anzahl bewußt jüdisch empfindender Frauen und Männer aus allen Lagern genaue Auskunft über folgende Fragen gibt: 1. In welcher Weise, wird der Keren Hajessod aufgebaut? 2. Wie ist der Einfluß des nichtzionistischen Elementes im Keren Hajessod gewährleistet? 3. Welches ist der Verwendungszweck der zu sammelnden Gelder? 4. Welche Möglichkeiten sind gegeben, einen genügenden Einfluß nichtzionistischer Spender auf die Verwendung der Gelder sicherzustellen? Sollten diese Auskünfte für die Nichtzionisten befriedigend ausfallen, empfehle ich die sofortige Bildung eines großen deutschen Komitees zur Aufbringung von Mitteln für den Ausbau Palästinas, und zwar möglichst mit nichtzionistischer Mehrheit. Um den Fortbestand des Zentralvereins zu sichern und zur Behebung der adirato gefaßten Beschlüsse appelliere ich hierdurch an die Führer des Zentralvereins, so schleunigst wie möglich eine Hauptversammlung einzuberusen und dieser die letzten Beschlüsse des Hauptvorstandes zu unterbreiten, da mit ihnen ohnehin der Kompetenz der Hauptversammlung vorgegrisfen worden ist und da ganz zweifellos Tausende von Mitgliedern des Eentralvereins diese Beschlüsse nicht billigen. Auch erscheint es aus mancherlei Gründen zweckmäßig, daß der derzeitige Hauptvorstand des Zentralvereins sich in seiner Gesamthieit einer Neuwahl unterzieht. — S o w i e die Dinge jetzt liegen, kö nn e n sie ni ch t w e i te r g eh e n. Das deutsche Judentum wird umtost von den Wogen des schamlosesten Antisemitismus. An den Grenzen stehen ungezählte Ostjuden voller Verzweiflung; nicht weit von Deutschland werden Hunderttausende von Juden in barbarischer Weise nieder gemetzelt; in Palästina befindet sich eine. Möglichkeit, die Judenfrage, wenn auch vielleicht nur zu einem kleinen Teil, einer gewissen Lösung entgegenzuführen; die jüdische Jugend ist erfüllt von tiefster Sehnsucht nach Beendigung des Parteihaders, nach neuem Menschentum und nach wahrhaftem Judentum. Und in dieser Stunde zankt man sich in Berlin unter den sogenannten Führern um den alten Zank. Dr. Apfel schloß seine mit tiefer Bewegung vorgetragenen Ausführungen mit einem mit stürmischem Beifall aufgenommenen Appell an die überaus stark besuchte Versammlung, an der sich in gleicher Weife die Mitglieder der Ortsgruppen des Zentralvereins, der Zionistischen Vereinigung, sämtlicher Jugendgruppen und die führenden Persönlichkeiten der Dresdener Gemeinde beteiligt hatten, trotz dieses Rückschlages in den Bemühungen zur Herstellung der Einheitsfront der deutschen Juden und einer möglichst hohen Betrachtungsweise jüdischer Probleme nicht nachzulasst'n. # Verband nationaldeutscher Juden. Der Verband nationaldeutscher Juden hielt im Flugverbandshaus in Berlin eine Derfanunlung! ah, in der nach Mitteilungen iüöier die Ziele und die Satzungen des Verbandes eine große Zahl von Teilnehmern ihren Beitritt erklärte. Der Gründer des Verbandes, Rechtsanwalt Dr. Max Na u m a nn, ging dabei aus die deutschvölkische Bewegung ein, die der Verband als eine dem deutschen Volke schädliche bekämpfe. Gerade beim deutschen Volke sei es verkehrt, die Rassenfrage in den Vordergrund zu stellen. Nicht die politische oder die Standesgemeinschaft, sondern die Kultur- und die Gefühlsgemeinschast mache ein Volk zum Volk. Das Judentum sei keine Religionsgemeinschaft, denn gerade in ihm selbst klafften in dieser Hinsicht die schwersten Gegensätze. Das persönliche Verhältnis zu Fragen der Religion sei Sache des einzelnen Mitgliedes des Verbandes. In Fragen des Nationalgesühls aber müsse ausschließlich das deutsche Volkstum, und nicht das religiöse Judentum entscheiden. Judentum sei eine Tatsache, ein Schicksal, das seine Bekenner weder zur Ueberhebung noch zur knechtischen Unterwerfung veranlassen könne. Der nationaldeutsche Jude lasse sein Judentum im Deutschtum aufgehen. Das Bewußtsein seiner jüdischen Abstammung trete bei ihm zurstck hinter dem Bewußtsein, deutsch zu sein. Der Redner ging dann auf das Verhältnis des neuen Verbandes zu den verschiedenen Strömungen innerhalb des Judentums ein. Er warnte vor den Bestrebungen gewisser Schichten, das Judentum zu vertiefen. Diese sogenannte Vertiefung bedeute in Wirklichkeit eine Vergrößerung der Kluft zwischen nichtjüdischen und jüdischen Deutschen. Alle diese Bestrebungen führten direkt zum Zionismus, 'den der Verband mit derselben Entschlossenheit bekämpfe wie den deutschvölkischen Antisemitismus, wenn es sich darum handele, die zionistische Denkweise als die normaljüdische hinzustellen. Die „Deutsche Zeitung", der wir diesen Bericht entnehmen, begleitet ihn mit folgendem Zusatz: „Wenn Dr. Naumann die Frage nach der Rasse ablehnt und behauptet: „Nicht die politische oder die Standesgemeinschaft, sondern die Kultur- und die Gefühlsgemeinschast mache ein Volk zum Volk", so können wir dem nicht zustimmen. Unsere Geschichte zeigt den schädlichen. Einfluß des Judentums auf unser Volk; ihm verdanken wir die Gedanken von Internationalismus und Völkerverbrüderung, die uns zugrunde gerichtet haben. In allen linksstehenden Parteien einschließlich der demokratischen geben die Juden den Ausschlag. Nun besteht die große Gefahr, daß „nalionaldeutsche" Juden — und

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