Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-28 · Heft 9 (28.4.1921) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 9 (28.4.1921)
Date
1921-04-28
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229491--76219-3288795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

enthielte. Wie Juda Halevi, der Repräsentant mittelalterlicher jüdischer Dichtung, neben seinen unsterblichen Zioniden herrliche Frühlings- und Liebesgesänge schuf, so dichtete der jüdische Genius neben den Psalmen das ,/Lied der Lieder". An allem Echtmenschlichen nahm der wahre Jude zu keiner Zeit Anstoß, sondern pflegte es mit sicherer Gewandtheit und jener selbstverständlichen Naivität, die das Zeichen voller geistiger Gesundheit ist. Es kann ohne Uebertreibüng gesagt werden, daß das Judentum allein eine geschlossene Welt- und Lebensansicht hervorgebracht hat, die einzig darin besteht, die Einheit in der Allseitigkeit alles Daseins herzustellen, ein Ideal, das die moderne Kulturmenschheit mit heißem Bemühen und innerlichster Sehnsucht anstrebt, dem sie aber in ihrer gewaltigen Zersplitterung ferner steht denn je. Diese geistige Gesundheit, die sich in der erstaunlichen Anpassungsfähigkeit des Juden ausgewirkt hat, prägt sich nicht zum wenigsten auch darin aus, daß das Judentum das Natürliche und die Natur nicht verwarf, sondern gerade an ihr sich orientierte, worauf das an die Jahreszeiten gebundene religiöse Leben ganz von selbst hinwies. So ist es begreiflich, daß ein offener Sinn und freier Blick für die harmonische Schönheit der Natur uns Juden auszeichned. Das ist das zweite großartige, von jüdischem Geist zeugende Moment im Hohenliede: die Empfänglichkeit für die Natur, das Atmen in Frühlingshauch und Blütenduft. Man spürt es in jedem Worte der Dichtung, wie das Wiedererwachen der Schöpfung den Druck der Seele hinweghebt, mit dem der Winter auf ihr lastet. Es knospt und grünt und schallt im Herzen Sulamiths: ein Nach- und Widerhall der Natur. So ist dem Juden die Natur kein Blendwerk der Hölle, sondern die harmonische, in Freiheit und Liebe erzeugte Tat des großen Meisters. „Und Gott sah alles, was er geschaffen, und siehe, es war höchst gut." Aus diesen Elementen webt sich eine Stimmung der seelischen Anmut und innerlichen Heiterkeit des Gemüts, die allein mit dem Leben fertig zu werden fähig ist. Nicht der Geist Kohelets hat im Judentum gesiegt, sondern das innige Gleichmaß des Hohenliedes. Darum haben wir nie mit den Augen des Schwarzsehers Welt und Schicksal betrachtet, sondern mit den Blicken des seelenfrohen Weisen über die Katastrophen des Völker- und des jüdischen Volkslebens hinweg in eine bessere Zukunft hinübergesehen und mit unverwüstlicher Lebenskraft über alle großen und kleinen Hemmungen das Wort gesprochen: „Auch das ist zum Guten." Endlich ist das Hohelied der jüdische Sang von der Freiheit und Würde des Weibes. Liebe ist eine freie Gabe des Herzens: das ist die Tendenz unserer Dichtung. Hier ist eine Grenze für tyrannische Macht und Willkür, die selbst der König nicht überschreiten kann und — will. Und mit Recht haben viele im „Lied der Lieder" eine großartige Verherrlichung der Monogamie gesehen.' Wenn auch das jüdische Altertum in der Akkomodation an die ganze damalige Gesittung die Polygamie nicht gerade verboten hat, so war doch das jüdische Lebensprinzip von vornherein und zu allen Zeiten auf die Einehe eingestellt. In ihr gedieh das innige jüdische Familienleben, und aus diesem wiederum zog das Judentum seine besten Kräfte. Aus jeder Zeile des Hohenliedes spricht die Verwerfung der Haremswirtschaft, die sich mit dem alle Lebensverhältnisse durchdringenden sittlichen Charakter der jüdischen Weltansicht nicht verträgt. So zeigen sich uns in dieser Dichtung, die von unseren Weisen mit wundersamem Verständnis für die jüdische Seele zur Lektüre am Pessachfeste bestimmt ist, absichtslos alle sympathischen Züge unseres Wesens. Das Hohelied ist die echteste hebräische Melodie, ein westöstlicher Diwan, und Rabbi Akiba hatte recht, wenn er es für hochheilig, im höchsten Sinne menschlich und jüdisch erklärte. Wochenschau. Berlin, 25. April. uf der inj Dresden kürzlich ftattgefundenen Derbandssitzung der neutralen jüdischen Jugendorganisationen in Deutschland gab deren Führer, Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel, in einer Aussprache einige bedeutsame Aufschlüsse über die letzte nichtöffentliche Hauptvorstandssitzung des Zentralvereins, die nicht unvermerkt blei-ben dürfen. In dieser Aussprache setzte sich der Führer der neutralen jüdischen Jugendbewegung in Deutschland mit den brennenden Problemen der Gegenwart im deutschen Judentum auseinander: Gesamtorganisation, Palästinafrage und Verhältnis zum Zentralverein' und zu dem neuen Gebilde, dem Verbände der nationaldeutschen Juden, den Dr. Max Naumann jetzt frisch geschaffen hat. Die Ausführungen Dr. Apfels zeigen, daß in den Kreisen des Zentralvereins einige Verwirrung zu herrschen scheint, wenn man glaubt, aus taktischen Gründen von den neutralen Jugend verbänden abrücken zu müssen. Die Furcht vor dem Vorwurf eines zweitgradigen Patriotismus ist dem Zenträlverein kein guter Berater in dieser ernsten Stunde gewesen. Dr. Apfel führte aus: „Selten ist eine Kunde mit so tiefer Bewegung von den deutschen Juden ausgenommen worden wie die Botschaft, die am 23. Januar 1921 aus dem Berliner Logentempel hinausgesandt wurde: Die deutschen Juden haben sich zu einer Gesamtorganisation, zum ersten Versuch der Herstellung einer Einheitsfront, zusammengeschlossen. Selten hat ein Problem die deutschen Juden in ihrem jüdischen Grundgefühl so aufgewühlt wie das Palästinaproblem. Wir standen dicht davor, durch die Palästinabewegung eine Ueberbrückung der gerade heute selbstmörderischen Parteikämpfe zu erzielen. Wir Nichtzionisten waren bereit, die Frage der Errichtung einer jüdischen Heimstätte für diejenigen Glaubensgenossen, die sich in ihren Heimatländern entwurzelt fühlen, als eine Sache der Gesamts udenheit. und nicht als eine Parteisache zu betrachten; auf der anderen Seite wuchs bei den Zionisten von Tag zu Tag die Geneigtheit —> und zwar nicht nur eine taktische, sondern eine sehr ernst zu nehmende —, unseren deutsch-patriotischen Standpunkt zu respektieren. Es schien der Augenblick gekommen, wo das deutsche Judentum, zum ersten Male geeint, zum wuchtigsten, weil gemeinsamen Vorstoß gegen den mörderischen Antisemitismus sein Haupt erheben konnte. Diese Möglichkeit und der Erfolg des 23. Januar 1921 scheinen seit dem 10. April 1921 vernichtet! Vernichtet durch Beschlüsse der Mehrheit des Vorstandes des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die geeignet sind, die innerjüdischen Kämpfe in Deutschland zur Siedehitze zu steigern, den Zentralverein in seinem Mitgliederbestand und in seiner Stoßkraft gegen den Antisemitismus auf das höchste zu gefährden. Wie bekannt ist, betreibt Herr Dr. Max Naumann in Berlin die Begründung eines Verbandes nationaldeutscher Juden und argumentiert hierbei unter anderem mit der angeblichen nationalen Unzuverlässigkeit des Zentralvereins. Durch diesen Vorwurf hat sich die Mehrheit des Vorstandes des Zentralvereins so einschüchtern lassen, daß sie zwei Gelegenheiten in der Hauptvorstandssitzung vom 10. April 1921 in denkbar ungeschicktester Weise benutzte, um ihre patriotische Zuverlässigkeit zu bekunden: die Jugend- und die Palästinafrage. — In der Jugendfrage wurde ein Beschluß gefaßt, der nach der offen eingestandenen Absicht der Antragsteller eine weitere Zusammenarbeit des Zentralvereins mit der größten jüdischen Jugendorganisation, dem Verbände der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, unmöglich machen soll. Nach diesem Beschlüsse wäre eine Förderung unserer Vereine durch den Zentralverein nur noch möglich, wenn sich diese unter bewußtem Bruch der Neutralität, unter Ausschluß ihrer zionistischen Mitglieder von ihrer satzungsgemäßen Grundlage entfernten und sich programmatisch auf den Boden des Zentralvereins stellten. Der anwesende Führer der „Kameraden" erklärte erfreulicherweise eine solche Zumutung an die Verbandsvereine als eine Charakterlosigkeit. Erklärlich wird dieser Beschluß nur durch die tief bedauerliche Respektlosigkeit vor dem heiligen Ringen der heutigen Jugend um die Begriffe Nation, Vaterland, Judentum. Weniger erklärlich ist die Sorglosigkeit, mit der man die eigene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.