Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 9 (28.4.1921)
- Date
- 1921-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 9 Berlin, 28. fipril 1921 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITC. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. TTtlftStH1* Jüdischer Geist im Hohenlied. Von Rabbiner Dr. Löwenü UlJ Uli. st a rn rn (Spandau). — Wochenschau. — Die Lage in Wien. Von 8. — Bezirks- und Konsevenzrabbiner Leopold Schott zu Randegg-Bühl (Baden). Von Stella Rothschild (Frankfurt a. M.). — Lessings Jugenddrama „Die Juden". — Von Dr. Willy Cohn (Breslau). — F e u illeton : Frau Hanna Maier. Von Anna Goldschmidt. Moses. Gedicht von Thekla Skarra (Berlin). — L ese - f r ü ch. t e. — Literaris che Mitteilung e n. — Bücherei n l a u f. — Sp r e ch s aa 'l. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Hamburg. Köln, Hannover. — Von Nüh und Fern. . Jüdischer Geilt im Hohenlied. Von Rabbiner Dr. L ö w e n st a m rit (Spandau). Ueber kein Buch der Bibel gehen die Meinungen der Erklärer so weit auseinander wie über das Hohelied. Dichtungsart, Alter und Verfasser sind in ein, wie es scheint, undurchdringliches Dunkel gehüllt. Ob es ein einheitliches Ganzes ist oder eine Kette lose aufgezogener Perlen, ob Drama oder Singspiel, Idyll oder ein Kranz von Hochzeitsliedern, wie sie noch heute im syrischen Orient üblich sein sollen, darüber ist bisher keine Einigung erreicht worden, obwohl mehr als zweihundert Kommentatoren sich um die Erklärung dieses nur 117 Verse enthaltenden Kleinods bemüht haben. Die einen setzen seine Entstehung ins zehnte vorchristliche Jahrhundert, die anderen gehen bis ins zweite Jahrhundert herunter, und zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich eine bunte Reihe älterer und neuerer Exegeten. Orthodoxe Theologen, sowohl jüdische als christliche, halten an der Autorschaft Salomons fest, die kritische Schule lehnt sie aus inneren und sprachlichen Gründen ab. In diesen Streit der Ansichten will diese Festbotrachtung nicht eingveifen, sondern schlicht dem Eindruck sich hingeben, den der naive, denkende jüdische Leser bei der Lektüre dieses wundersamen Büchleins gewinnt. Denn wundersam ist diese Schrift und höchst bedeutend. Inhalt und Form sind von einer Anmut und Innigkeit, die bewirken, daß das Hohelied nie veralten kann. Für seinen anerkannten Wert zeugt das Urteil zweier Männer, deren Lebensanschauungen zwar himmelfern auseinandergehen, die aber in der Schätzung des Buches einmütig sind: Der gefeierte Gesetzeslehrer Rabbi Akiba behauptet, die ganze Welt sei nicht so viel wert wie der Tag, an dem das Hohelied Israel geschenkt wurde. Jedes Buch der Hagiographen sei heilig, aber das Hohelied sei das allerheiligste. Und Goethe in seinem „Westöstlichen Diwan" spricht von dem Liede „als dem zartesten und unnachahmlichsten, was uns von dem Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen. — Durch und durch wehet eine milde Lust des lieblichsten Bezirks von Kanaan, ländlichtrauliche Verhältnisse, Wein-, Garten- und Würzbau, etwas von städtischer Beschränkung, sodann aber ein königlicher Hof, mit seinen Herrlichkeiten im Hintergründe. Das Hauptthema jedoch bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, die sich suchen, finden, abstoßen, anziehen unter mancherlei höchst einfachen Umständen". So wertvoll dieses Goethesche Urteil jedem Menschen sein muß, der Sinn und Gefühl hat für dichterisches Erleben und Schassen, uns kann es nicht genügen, wenn wir nicht Nachweisen können, wie diese Dichtung in unsere Bibel hineinkommt. Diese Frage hat sich seit alter Zeit gegen das Buch erhoben und zu starken Bedenken gegen seine Aufnahme in den biblischen Kanon Anlaß gegeben. Aus dieser Verlegenheit kam man nur heraus, indem man die Liebe, die das Hohelied besingt, allegorisch auf das Verhältnis Gottes zu Israel bezog. Prachtvolle Deutungen ergaben sich unter diesem Gesichtspunkt. Doch erscheinen sie dem objektiven Leser zu gekünstelt, sie sind zu geistreich, um wahr zu sein. Für den modernen Juden wird die Frage beantwortet sein, wenn er echt jüdischen Geist in dieser Dichtung wehen sieht und der Charakter und die Empfindungsweise Israels auch in diesem Hochgesang der Liebe sich ausgetönt hat. Und in der Tat treibt dieser Geist im Hohenlieds herrliche Blüten. — Das ewig alte und ewig neue Lied, das in tausend Nuancen menschliche Herzen gefühlt und in zahllosen Variationen die Dichter aller Zeiten und Zungen gesungen haben, spricht der Sänger hier in den herrlichen Worten als Grundakkord aus: „Stark wie der Tod ist die Liebe, fest wie die Unterwelt die Leidenschaft, ihre Gluten Feuergluten, Gottesflamme. Mächtige Wasser vermögen nicht zu löschen die Liebe, und Ströme überfluten sie nicht. Gäbe ein Mann allen Reichtum seines Hauses um Liebe, man würde ihn doch nur verachten." Wenn wir uns nicht das Urteil christlicher Theologen über Altisrael zu eigen machen, die von dem Wahne befangen sind, daß „das Leben unter dem Gesetz" eine ungesunde Abschnürung des Juden von dem frischen pulsierenden Treiben und allen menschlich — allzumenschlichen Angelegenheiten bewirkte, werden wir es als natürlich betrachten, daß auch das Judentum schon in alter Zeit seinen Beitrag lieferte zum Liede vom „Ewig- Weiblichen". Die Heilige Schrift ist der Niederschlag derjenigen Lebensanschauung, die die Natur und die Geschichte und das individuell - menschliche Dasein unter den einheitlichen Gesichtspunkt der göttlichen Weltregierung bringt, aber nicht zu religiöser Einseitigkeit zwingt. Der Sinn des Juden war immer aufgeschlossen für alle idealen und realen Bestrebungen. Nichts Menschliches war ihm fremd. Nur daß er alles subsummierte und zusammensaßte unter dem überragenden Gedanken: Gott. Nicht ein großes Kloster war das jüdische Land, und seine Bewohner nicht Mönche und Nonnen, sondern Menschen von frischer Natürlichkeit, die auf alle Triebe und Leidenschaften und edel-irdischen Interessen mit Nachdruck reagierten. Da wäre es denn wunderbar, wenn es nicht altisraelitische Lieder der Liebe gegeben hätte. Und wir müssen mit ganzer Bestimmtheit behaupten, daß die Bibel nicht das Buch der Bücher wäre, wenn sie nicht das Hohelied