Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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85. Jahrgang. Nr. 8 Der Oemetndebote. b"--" mt Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". Lorrrspondkll?m und Kachrichtrn. Deutschland. E. M. Berlin, 12. April. Die letzte Sitzung der RepräsentanLenversamrnlung fand am 25. v. M. statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte der Vorsitzende Geheimrat Dr. Minden mit herzlichen Worten'den aus Oberschlesien zurückgekehrten Kollegen Siegfried Sachs, wohin dieser in Erfüllung seiner deutschen Staatsbürgerpflicht sich mit seiner Gattin begeben hatte. — Die Versammlung beschäftigte sich hierauf mit dem Schicksal der gynäkologischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses, deren Schließung vom Gemeindevorstand zum 1. April in Aussicht genommen war. Repräsentant Ca spary (Lib.) wandte sich gegen diesen Beschluß. Die plötzliche Schließung dieser wichtigen Anstalt müßte eine starke Beunruhigung in die Oefsentlichkeit tragen. Da für April und Mai schon zahlreiche Anmeldungen vorliegen, würde der sofortige Schluß eine große Störung darstellen. Der Krankenhausdezernent des Gemeindevorstandes:, Direktor Kareski, erwidert, daß der Vorstand diese Maßnahme mit dem Druck der großen Notlage des Krankenhauses beschließen müßte. Die zwingende Notwendigkeit, den teueren Betrieb des Krankenhauses 'einzuschränken, läßt sich am ersten in dieser Abteilung durchführenda die Zahl, der jüdischen Patienten in dieser Station noch nicht 50 Prozent beträgt. Der Abbau soll ohne Härten erfolgen; es wird bereits versucht, von privater Seite geeignete Einrichtungen für jüdische Wöchnerinnen zu schassen. Dr. Neu mann (Kons.) sträubt sich gegen diese" einschneidenden Maßnahmen. Die unklaren Verhältnisse hes Krankenhauses müßten eingehend erörtert werden. Der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindevorstandes, B a d t, weist auf die katastrophale Finanzlage der Gemeinde hin, deren Abschluß im vergangenen Jahr ein Defizit von zwei Millionen ausweist, das in diesem Jahr auf etwa fünf Millionen steigen dürste. Die Gemeinde hat keine Aktiven mehr; die Deckung der notwendigen Ausgaben in der Zukunst erscheint ungewiß. Bei dieser Sachlage muß sich die Gemeindeverwaltung die ernste Frage vorlegen, ob die Gemeinde überhaupt noch berechtigt und verpflichtet ist, für bk verhältnismäßig geringe Anzahl« jüdischer Patienten ein eigenes Krankenhaus unter so großen Opfern zu. erhalten. Jedenfalls wird die Gemeindeverwaltung diese alte Anstalt, so lange es irgend angeht, zu erhalten suchen. Die Entbindungsanstalt zu schließen, ist der Gemeinde nicht leicht gefallen, doch besteht die Hoffnung, daß die Sorge für jüdische Wöchnerinnen von einer privaten Vereinigung übernommen werden kann, welche der Gemeindevorstand gern nach Maßgabe seiner Mittel subventionieren will. Nach längerer Aussprache zwischen Vorstandsver-tretern und Repräsentanten wird der Antrag, auf Vertagung der Schließung der geburtshilflichen Abteilung im Krankenhause aibgelehnt. Vorsitzender Geheimrat Dr. Minden bemerkt hierzu: Trotz der zu einem negativen Ergebnis führenden Abstimmungen über die vorläufige Weiterführung der Entbindungsanstalt konstatiere ich, daß die einmütige Meinung der Versammlung, wie sie sich aus der Debatte ergibt, dahin geht,, daß bei der geplanten Aenderung alle Härten gegenüber den jüdischen Wöchnerinnen vermieden werden mögen. Herr M. A. Loeb protestiert gegen diese Interpretation durch den Vorsitzenden. Der Vorsitzende verweist betreffs dieses Protestes auf den geschäftsordnungsmäßigen Beschwerdeweg. Er müsse dem Vorsitzenden der Versammlung das Rechit Vorbehalten., dasjenige, was -als einmütige Meinungder Versammlung .aufzufassen ist, auch als solche zu konstatieren. — Die ungünstige Finanzlage Zwingt die Gemeindebehörde zur Erschließung neuer Einnahmequellen zu einer wiederholten Erhöhung der Preise der Plätze in den Synagogen und Betsälen. Nach Anhörung der zuständigen Instanzen schlägt der Vorstand einen neuen Taris vor, der eine Erhöhung der Platzmieten um 20 bis 25 Prozent vorsieht. Die Versammlung genehmigt diese Erhöhung nach kurzer Debatte. — Ein Subventionsgesüch der Jüdischen Resormgemeinde führt zu einer langen Aussprache. Die Reformgemeinde erhielt im Vorjahre eine Subvention von 30 000 Mark und zur Deckung eines Fehlbetrages einen einmaligen Zuschuß von 20 000 Mark. Für dieses Jahr beantragt der Gemeindevorstand eine Subvention von 100 000 Mark und einen Tilgungszuschuß von 50 000 Mark. Der Vorstand begründet diese hohe Subvention mit der Tatsache, daß die Reformgemeinde eine religiöse Richtung vertritt, die innerhalb der Gesamt gemeinde keine andere Möglichkeit zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse findet. Als Berichterstatter bittet Rechtsanwalt Stern (Lib.) von einer prinzipiellen Erörterung des Verhältnisses der Hauptgemeinde zur Reformgemeinde abzusehen. Da die Gemeindebehörden die Ausnahme der Reformgemeinde albgelehnt haken, bleibt die Verpflichtung zur Subvention bestehen. In den Ausschußberatungen wurde von dem Repräsentanten Emil Cohn beantragt, der Reformgemeinde eine Subvention in Höhe des von den Steuern* ihrer Mitglieder für allgemeine Kultuszwecke zu verausgabenden Prozentsatzes zu gewähren. Dieser Prozentsatz beträgt 20 Prozent; bei der Steuerleistung! von 460 000 Mark, der auf die Mitglieder der Resbnn entfällt, -ist «ein Betrag von 92 000 Mark zu rechnen, der ab>- gerundet 100 000 Mark ergibt. Ohne die vom Repräsentanten Cohn vorgeschlagene Steuerleistung als Unterlage zu nehmen, hat der Gemeindevorstand diese 100 000 Mark in Vorschlag gebracht. Schwieriger ist die Deckung des Defizits, dessen Anwachsen infolge geringer finanzieller Leistungen der Mitglieder erfolgte. Dieses Defizit ist mindestens zum Teil von den Mitgliedern des Vereins zu decken, ein Zuschuß von 50 000 9Jl/arf erscheint daher ausreichend. Repräsentant Professor Dr. Loewe (Vp.) bestreitet die Richtigkeit der Schlußfolgerungen des Gemeindevorstandes. Die Gemeinde hak keine Verpflichtung, für den Kultus der Reformgemeinde zu sorgen, da diese außerhalb des Rahmens der Gesamtgemeinde steht. Die Steuerleistung ist nicht allein ausschlaggebend, auch die Bedürsnissrage muß beachtet werden. Die Synagoge ist an den gewöhnlichen Sonntagen sehr schwach besucht und unterhält trotzdem einen kostspieligen Apparat mit drei Predigern. Lew inski (Kons.) hebt hervor, daß die Leistungen der einzelnen Mitglieder der Resormgemeinde sehr gering sind, weit viele Mitglieder ihr ganzes Interesse in der Zahlung des niedrigen Betrages erschöpfen. Sanitätsrat Dr. Steinthal führt den mangelhaften Besuch auf die ungünstige Lage des Gotteshauses zurück. G o l d s ch m i d t (Kons.) findet, daß der Reformgemeinde von liberaler Seite eine bedenkliche Ausnahmestellung zugebilligt wird. Während bei konservativen religiösen Vereinen jeder berechtigte Wunsch als Luxus bezeichnet wird, darf die Resormgemeinde drei Prediger anstellen. Tie Mitglieder müssen opferfreudiger werden, um ihren Etat balancieren zukönnen. Professor Dr. Türk (Lib.) wendet sich gegen die von Professor Dr. Loewe vertretene Auffassung, die Reformgemeinde stände außerhalb der Tradition. Die Berechtigung der Reformid.ee wird durch das 70jährige Bestehen dieser. Gemeinde nachgewiesen. Eine Gemeinde, die so lange besteht, kann nicht fallen gelassen werden. M. A. Loeb (Kons.) erhebt den Vorwurf, daß der Gemeindevorstand mit zweierlei Maß die liberalen und die konservativen Forderungen messe. Bei jeder bescheidenen Forderung werden die Konservativen auf ihre eigene Opferwilligkeit vermiesen, während den reichen Mitgliedern der Resormgemeinde keine Opfer zugemutet werden. Die Vorlage bedarf eingehender Prüfung, besonders, die Frage, ob die Resormgemeinde -kein eigenes Vermögen besitzt, von dem das Defizit gedeckt werden kann. Gcheimrat Dr. Minden: Es ist von verschiedenen Seiten auf einen Mangel an Qpserfireurd'igkeit der Mitglieder der Reformgemeinde hingewjiesen und dabei aus eine Stelle -aus einem Aufsatz be§' Herrn Dr. Cobleliz in den „Mitteilungen" dieser Gemeinde Bezug genommen worden. Ich als Vo-rsitzender der Reformgemeinde kann diese Zeitschrift nicht einer Präventivzensur unterwerfen, sondern lasse dem Redakteur, Herrn Dr. Coblenz, um so mehr freie Hand, als er ja auch Geistlicher der Gemeinde ist. Hätte ich die Stelle vorher gesehen, so würde ich eine andere Fassung veranlaßt haben. Denn sie ist nicht ganz gerecht. Meine Herren! Die erste Bewilligung, die Sie heute ausgesprochen häbeü, wa>r die Annahme von 15 000 Mark aus dem Nachlaß des Stadtrats D. Weigert, eines eifrigen Reformers und Mitgliedes einer echten Reformsamilie. Sie haben ferner stundenlang heute über jüdische Wöchnerinnen betöiattiert. Bei unserer (der