Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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«5 Plagen mochte. — Während sie nun so leise vor sich hin weinte, hörte sie Plötzlich eine sanfte Stimme: „Warum weinst du, liebes Mädchen?" Und als sie die tränenvollen Augen erhob, sah sie einen Knaben ihres Alters neben sich stehen. Er war schlank und von schönem Wuchs, und der goldene Gürtel, der sein weißes Gewand umschloß, sowie das mit Edelsteinen geschmückte Band, das um sein Haupt geschlungen war, verrieten die Abkunft aus fürstlichem Hause. Rahel wollte ängstlich fortlaufen, denn man hatte ihr schon frühzeitig eingeschävft, jeden Aegypter zu meiden. „Fürchte dich nicht, Kleine!" sagte der Knabe freundlich; „ich tue dir nichts zuleide. Sage mir, weshalb du so weinst, vielleicht kann ich dir helfen, denn niemals hat jemand Pethis, den Sohn Randors, vergeblich um Hilfe gebeten." Nun erschrak Nahe! noch mehr, war doch Randor der oberste der Fronvögte in den Ziegeleien Pharaos, und die Kinder Israel hatten schon viel Herzeleid durch seine Grausamkeit erfahren. Sie wollte forteilen, doch der Knabe hielt sie fest und sprach so liebe- und trostvolle Worte zu ihr, daß bald Furcht und Schrecken aus ihrem Herzen schwanden. Nun erzählte sie ihm von dem großen Mißgeschick, das sie betroffen,, und als sie dabei auf den zerschlagenen Krug zeigte, begann sie aufs neue zu weinen, denn der Jammer um ihre arme Mutter, die sich nun den ganzen Tag abplagen würde, ohne den brennenden Durst mit einem Tropfen kühlen Wassers stillen zu können, schnitt ihr ins Herz. Freundlich lächelnd zog Pethis eine Flasche aus seinem Gürtel und reichte sie ihr, und da auch er befürchtete, sie könnte zu spät zu ihren Eltern kommen, ging er mit ihr, suchte selbst den Fronvogt aus der Menge heraus und bat ihn, der kleinen Rahel zu gestatten, zu ihren Eltern zu gehen. Der Aufseher gehorchte, wenn auch widerwillig, wußte er doch, daß Randor, der Vater des Knaben, ein mächtiger Mann im Lande war. So begann die Freundschaft zwischen dem Fürstensohne Aegyptens und der hebräischen Sklaventochter. Oft, wenn Rahel des Mittags den Weg herunterkam, nachdem sie den Eltern Brot und Wasser in die Ziegelei gebracht hatte, kam Pethis hinter dem Gebüsch am Wegraude hervor, grüßte sie freundlich, und bat, noch ein bißchen zu verweilen, um mit ihr zu spielen. Er hatte keine Geschwister und Freunde und wünschte sich so sehr einen Spielgefährten. Manchmal hatte er dann, um sie zu überraschen, ein kleines Festmahl auf einer Felsplatte ausgebreitet, Weißbrot und Datteln und süßen Wein, und dann mußte sie essen und trinken, bis sie gesättigt war. Wie sehr wünschte sie dann im innersten Herzen, etwas von den herrlichen Dingen für die Eltern mitnehmen zu können. Aber nein. Solche Wünsche mußte sie unterdrücken. Niemand durfte von ihrer Freundschaft mit einem ägyptischen Fürstensohn erfahren. Auch Pethis fürchtete, seinem Vater könnte eines Tages hinterbracht werden, daß er so manche Stunde mit einer hebräischen Sklaventochter beisammen war; darum spielten sie stets an einsamer Stelle, von grünem Strauchwerk geschützt. Hier konnten sie nach Herzenslust seinen goldenen Ball werfen oder um die Wette laufen, wobei Rahel immer gewann, da sie leichtfüßig war, wie eine Gazelle auf den Bergen. Und waren! sie dann vom Laufen müde, so ließen sie sich an einem kleinen silberhellen Bächlein nieder, das munter zwischen Felsgestein verborgen rieselte. Hier flocht Rahel dann Kränze aus Blumen, die Pethis gesammelt hatte, und legte sie auf ihre dunklen Haarflechten, während sie ihm all die Geschichten erzählte, die sie so oft von ihrem Vater gehört hatte: wie Abraham einst seine Heimat verlassen mußte, um in ein srentdes Land zu ziehen, von Jakob, der im Traume eine Himmelsleiter erblickte, ans der Engel auf und nieder stiegen, oder von Joseph, den seine Brüder als Sklaven nach Aegypten verkauft hatten. Auch Pethis wußte dann Wunderbares von den Göttern seines Volkes und den mutigen Taten edler Krieger aus seines Vaters Hause zu berichten. „Ich bin> meines Vaters einziger Sohn", sprach er einmal, während er im Grase liegend mit träumerischen Augen Rahel ins Antlitz blickte. „Eines Tages werde ich feine Stelle einnehmen und die rechte Hand des Königs sein. Wenn Pharao in die Schlacht ziehen wird, werde ich seinen Kriegswagen besteigen und ein großer und mächtiger Held werden. Dann, Rahel, wirst du mein Weib und darfst nimmer in Lumpen gehen; wie eine Fürstin wirft du dann gekleidet sein. Du wirst dann nur kostbare Gewänder aus Byssus unjd Seide tragen, und mit Perlenschnüren, Gold und Edelsteinen werde ich dich schmücken." „Aber, Pethis,," wandte Rahel eines Tages ein, als ihr kleiner Freund wieder holde Zukunftspläne entwarf, „wie könntest du mich, ein verachtetes Hebräermädchen, zur Frau! nehmen?" Aber der Gefragte war um eine Antwort nicht verlegen. „Ich werde des Königs Ohr gewinnen' ünd ihn bitten, dein Volk zu befreien, daß ihr froh und sorgenlos leben dürft, wie in den Tagen Josephs," versprach er ihr. „Dann wünsche ich nur, daß du schon jetzt ein Mann wärest," seufzte sie, „denn mein Volk bricht unter den schweren Lasten fast zusammen, und wenn unser Gott uns nicht bald einen Retter sendet," meint mein Vater, „müssen wir bestimmt zugrunde gehen!" Ihr war so kummervoll zumute, als sie das sprach, und doch ahnte sie nicht im entferntesten, wie bald ihrem unglücklichen Volke ein Retter kommen sollte. Schon seit einigen Monaten gingen die sonderbarsten Gerüchte unter den Hebräern herum, wenn sie bei der Arbeit in den Ziegeleien waren. Auch Pethis erzählte Rahel von zwei Fremden, die vor Pharao erschienen wären und ihn gebeten hätten, die Leute aus Israel frei zu lassen Und dann kam eine Zeit der Wunder über Aegypten. — Außerordentliche Plagen verwüsteten das Land und erfüllten seine Bewohner mit Schrecken, vom König bis herab zum niedrigsten Sklaven, der die Handmühle drehen mußte. Dennoch wollte Pharao nicht auf den Gott der Hebräer hören und gestattete dem hebräischen Sklavenvolk nicht fortzuziehen. Iw jenen Tagen litt das Land schwer unter immer neuen Heimsuchungen. Viele siechten dahin und mußten sterben; Heuschreckenschiwärme verwandelten blühende Getreidefelder in trostlose Ebenen. Zuletzt war so große Finsternis im Lande, daß kein Aegypter mehr sein Haus zu verlassen wagte, sondern in Angst und Schrecken hinter verschlossenen Türen blieb. — Sicher i'n ihres Vaters Hütte, denn in den Wohnorten der Kinder Israel war Licht und Sonne,, verbrachte Rahel Tage der Furcht und Bangigkeit; auch ihre Mutter war sorgenvoll, nur der Vater hegte Zuversicht. „Fürchtet euch nicht," tröstete er sie, „der Gott unserer Väter hat diese Wunder durch seinen Diener Mose geschehen lassen. Und glaubt mir, noch größere Wunder werden sich vollziehen, ehe Pharao uns erlauben wird, dieses Land zu verlassen." Kaum hatte der Vater das letzte Wort gesprochen, da kam Rahels Bruder herbeigelaufew. „Vater," rief er atemlos und sein Gesicht war schreckensbleich, „Vater, ein Gottesmann berichtet, der Herr sei mitten durch Aegypten gegangen, und der erstgeborene Sohn in jedem Aeghpterhause liege im Sterben, vom ältesten Sohn Pharaos bis herab zum Erstgeborenen des Gefangenen im Kerker. Jeden Erstgeborenen der Aegypter hat Gott der Herr dem Tode geweiht, nur die Erstgeborenen in Israel hat er verschont." — Da priesen Vater und Mutter laut den mächtigen Herrn, daß er nicht auch sie so schwer heimgesucht hatte und daß dies letzte aller Zeichen und Wunder nun vorüber war; denn nun wußten sie, war die Zeit gekommen, da er sie aus diesem grausamen Lande führen! werde. Die kleine Rahel aber barg das