Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Riwkele kommt zurück. Reb Elje erklärt sich bereit, Riwkele noch jetzt einen Schristgelehrten als Ehemann zu verschaffen. Aber Jankel Schepschowitsch will von nichts wissen. Er stützt die Tochter hinab ins Erdgeschoß. — Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe ersieht man, daß Schalom Asch dramatisches Können mit unverzeihlicher Oberflächlichkeit verbindet. Betrachtet man die Sache näher, so merkt man erst recht, daß hier kein Ausschnitt aus dem jüdischen Gettoleben geliefert, sondern Bruchstücke aus französischen Fveudenhausgeschichten ins „Gettoische" übersetzt wurden. Ein spezifisches Problem, das des jüdischen Messianismus, behandelt Asch in seinen beiden Stücken „Messianische Zeiten" und ..Sabbathali Zwi". In „Sabbathai Zwi" läßt Asch die große messianische Bewegung im Judentum, die der Schwärmer aus Smhrna inaugurierte, in etwas ungeschickt aneinandergereihten EinzelbKbern Vorübervollen. In den „Messianischen Zeiten" dagegen macht er den mißglückten Versuch, im engen Rahmen eines FamilienMdeS die Tragik des heutigen, hundertfach zerklüfteten Judentums darzustellen. Weniger europäisch als Asch, aber eigenschöpserischer und spezifisch-jüdischer sind Jizchak Leib Perez und Perez Hirschbein. Sie sind die markantesten Erscheinungen der neuen Schule und dürfen nicht unbeachtet bleiben, obgleich sie von der jüdischen Bühne bisher noch völlig ansgeschaltet sind. Bei Pinski hat sich die Weiterentwicklung des jiddischen Dramas innerhalb der jiddischen Bühnensphäre vollzogen: Asch hat, als et den Dramatiker in sich entdeckte, den Anschluß an die jiddische Bühne gesucht; Perez und Hirschbein dagegen stehen außerhalb dieser Entwicklungslinie. Sie halben mit tiefem Ernst in die geheimsten Schachte des Lebens im Getto gegraben, und weil sie dort in allem Alten etwas Neues entdeckten, haben sie die dramatische Form als die neueste Form in der jiddischen Literatur für ihr entdecktes Neuland gewählt; und weil ihr hellsehendes Auge dort hinter allem Sichtbaren das Verborgene schaute, haben sie das Geschaute, entsprechend den empfangenen Gesichten, in mystischsymbolistischen. Bildern kundgegeben. Dieser Art ihres zwiefachen Sehens (mittelbares Wahrnehmen und intuitives Erfassen) entspricht auch die Doppelgestalt ihrer Schöpfungen, die bald derb realistisch, bald geheimnisvoll mystisch erscheinen. Was diese beiden Schriftsteller aber besonders auszeichnet, ist: der Wille zur Kunst ... VIII. Die Schauspieler. In der Entstehungsepoche der jüdischen Bühne war es um deren Schauspielermaterial sehr arg bestellt. In erster Linie galt es, ein tiestvurzelndes Vorurteil gegen alles Komödiantentum niederzukämpfen, ein Vorurteil, das selbst (in den niedrigsten Schichten der Gettobevölkerung vorhanden war. Nur mit außerordentlich schwerer Mühe gelang es Goldfaden, sein erstes Ensemble zusammenzustellen. Es meldeten sich zunächst einige Herren: gewesene Kommis, arbeitslose Handwerker, Cheder-Unterlehrer und ähnliche „Lusbmenschen". Die Damen hielten sich fern. Aber bei Goldfaden war guter Rat nicht teuer. Wer ein glattrasiertes Kinn befaß, spielte die Damenrollen; um eine alte Großmutter zu spielen, brauchte man auch dessen nicht, da genügte eine piepsende Stimme vollauf. (Lange Zeit gehörte es zu den Tradstivnen der jüdischen Bühne, alte Mütter von Herren kreieren zu lassen.) Erst als das Goldfadensche Theater sich einigen Ansehens erfreute, ließen sich mehrere mit der Herrschaft unzufriedene Dienstmädchen, tanzlustige Köchinnen und arbeitsscheue Putzmacherinnen herbei, zur jüdischen Bühne zu gehen. Aber im Lause der Zeit hat die jüdische Bühne viele junge Talente gefördert. Aus dem jüdischen Theater sind Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger und Sängerinnen hervorgegangen, deren Leistungen einen ansehnlichen Wertgrad erlangten. Wohl mancher, der als Dilettant begonnen, hat sich auf der jüdischen Bühne zum Künstler ausgebildet. Schon aus dem Goldfaldenschen Theater in Odessa ist die beliebte Primadonna Fräulein Gold sie in und der tüchtige Schauspieler Scheingold hervorgegangen. Ans der Lernerschen Bühne hat sich der bekannte Schauspieler Schorr zum ausgezeichneten Charakterdarsteller ausgebiildet. Aus der Lemberger Bühne waren die Damen Bertha Kali sch (die vor vielen Jahren zur englischen Bühne überging), Anna und Rosa Brüh sowie die Herren Schramik und Graf vielbewunderte „Sterne". Die amerikanische Schule hat den Heldendarsteller Boris T o m a s h e w s k i, die Komiker Fischkind und. Bernstein, die Primadonna Regina Prager, die Schauspielerin Lipzin, den Schauspieler Feinmann hervorgebracht, Künstler und Künstlerinnen, die auch jeder modernen europäischen Bühne Ehre machen würden. Der hervorragende jüdische Schauspieler Jakob A d l e r in New Bork, ein meisterhafter Shylock- und Hamlet- Darsteller, hat sich auch, auf der englischen Bühne manchen Lorbeer geholt. In jüngster Zeit sind E m a n u e l Reicher vom Berliner Lessing-Theater und Rudolf Schild kraut vom Deutschen Theater zur jüdischen Bühne in Amerika übergegangen. Jüdische Theater gibt es in New Bork, Philadelphia, London, Wien, Lemberg und Czernowitz. In Rußland und Polen gibt es jüdische Schauspielertruppen, die über bedeutende darstellende Kräfte verfügen. Es mag nicht unerwähnt bleiben, daß auf der heutigen jüdischen Bühne Shakespeare und Schiller, Ibsen und Strindbevg, Tolstoi und Gorki, Hauptmann und Sudermann, Schönherr und Schnitzler gespielt werden. Die bekanntesten Opern und Operetten — ja selbst Wagners „Parsival" — gelangen auf ihr zur Aufführung. Spielgefährten in pegypten. Eine Geschichte für das Pessachfest. Von Elma Eh rlich - Levinger. Aus dem Englischen übersetzt von Bianca Katz. eben Tag, wenn dis Sonne hoch am Himmel stand, « schritt die kleine Rahel in der Mittagsglut durch den heißen Wüstensand, der ihre braunen Füße fast versengte, mit einem Krug Wassers auf der Schulter und einem Laib Schwarzbrot im Korbe. So mußten gleich ihr noch viele andere Kinder aus dem Volke der Hebräer ihren Vätern, Müttern und großen Brüdern, die draußen in den Ziegeleien Pharaos, des strengen Herrschers von Aegypten, vom Sonnenaufgang bis spät in den Abend arbeiteten, Speise und Trank bringen. Eines Tages aber, als Rahel wie üblich ihren Eltern und dem großen Bruder das Mittagbrot bringen wollte, hatte sie sich etwas verspätet, und nun eilte sie, so schnell sie nur konnte, in der sengenden Glut dahin. Plötzlich aber stolperte sie über einen Stein, glitt aus und siel zu Boden. Da lag nun der irdene Krug in tausend Scherben, und sein Inhalt ergoß sich über den heißen Wüstensand, der ihn gierig anfleckte. Bitterlich weinend setzte sie sich aN den Wegrand, denn nun war es zu spät, um umzukehren und frisches Wasser zu holen; inzwischen würben die Eltern schon längst wieder bei der Arbeit sein, und sie fürchteten die Peitsche des Fronvogts viel zu sehr, als daß sie ihn bitten würden, der kleinen Rahel zu erlauben, sich ihnen nach der Pause zu nähern. Nein, das würden sie nicht wagen, wie heftig der Durst sie auch