Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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93 wurden und wie sich dann Aetheria an Aepfeln gütlich tut, die aus den Obstgärten der Mönche am Fuß der Berge stammen. Hernach wird ihr die Höhle gezeigt, in der Moses die zweiten Tafeln des Gesetzes erhalten, nachdem er die ersten zerbrochen. Majestätisch ist der Rundblick vom Gipfel aus die rings zu demütigen, anbetend Niedergesunkenen Hügeln zusammengeschrumpften Berge: in der Ferne erblickt man Aegypten, Palästina, das Rote Meer und das Meer von Alexandria, sowie auch die Grenzen des Sarazenenlandes, das damals westlich davon sich erstreckte. Nun war das sehnlichste Begehren gestillt, und die Nonne besichtigte jetzt noch den Horeb, der zunächst liegt. Auch hier stand eine Kirche an der Stätte, wo Elias nach seiner Flucht vor Ah ab (1. Kön. 19, 9) geweilt. Ja, noch ein Steinaltar wurde gezeigt, den Elias errichtet haben sollte. Auch hier wurde gleich die Bibelstelle verlesen. Dann sieht sie den Felsblock, auf dem Aaron mit den siebzig Aeltesten (Exod. 24, 9—14) gestanden, während Moses das Gesetz empfing. Auch hier erhob sich ein Steinaltar. Jetzt wandten sich die Pilgrime nach dem Eingang ins Tal zurück, wo eine Kirche die Stätte des heiligen Dorn«- ftrauches bezeichnete. Dieser selbst war sogar noch angeblich vorhanden und zeigte junge Triebe. Er stand im wasserreichen Garten der Kirche. Da es schon spät war, lagerte man sich an dem wunderbaren Strauch. Am nächsten Tage kehrte die ^Andächtige nach dem Ausgangspunkt ihrer Rundreise in Faran zurück, mit heiligem Schauer sich oft nach dem drohenden, riesenhaften Gottesberg umwendend, der erhaben über das Tal herübersah. Alle Stationen der Wanderung der Kinder Israel waren von den Mönchen und der frommen Legende derart genau lokalisiert, sogar der Fleck, wo das Manna heruntergeregnet, und das Tal, wo die Juden das erste Pefsach gefeiert, das mit dem Lager der Juden am Sinai während der Gesetzgebung fälschlich zusammengeworfen worden war. Zuletzt besah Aetheria Gosen. Wo die Israeliten das Rote Meer erreicht, lag zu ihrer Zeit ein Kastell Clesma. Gosen hieß damals Arabia nach einer dortigen Gemeinde dieses Namens. Bon Clesma bis Arabia gab es vier byzantinische Militärposten in der Wüste, welche der frommen Karawane Geleitmannschaft stellten. Migdol war gleichfalls Garnison eines Offiziers (Rraepositus) der byzantinischen Schutzmacht (Hiseiplina Romana). Sukkoth wird als mäßiger Hügel im Tal geschildert. Bei Pithon, einem befestigten Punkt, betrat man Aegypten und ließ das Sarazenenland hinter sich. In Arabia schließt der anmutige Reisebericht. Bit Milche Luhne. Eine theatergeschichtliche Studie. Schluß.) Von Samuel Meisels (Wien). Pinski hat als Dramatiker mehrere Dramen, darunter Einakter, Tragödien, eine tragische Komödie, eine „Piöce in vier Akten" und eine vieraktige (im Berliner Deutschen Theater — ohne Erfolg — ausgeführte) Komödie „Der Schatz" geschrieben. Ein Ausstieg in der Entwicklung Pinskis läßt sich nicht feststellen. Sein bekanntestes Bühnenwerk „Die Familie Zwi", ein Drama aus den Schreckenstagen der Pogrome in Rußland, ist fünf Jahre später geschrieben worden als „Eisik Schestel", steht aber auch, literarisch gewertet, mindestens fünf Stufen niedriger als das erwähnte Arbeiterdrama. Moderner als Pinski und, was die Technik betrifft, erfahrener ist S ch a l o m Asch, der durch sein Drama „Der Gott der Rache" auch einem deutschen Publikum bekannt geworden ist. Man hat behauptet, Asch sei der „geborene Drarnatiker", bei dem nichts angelernt, erlesen, nachempfunden ist. Ich glaube, so ganz verschont von der westeuropäischen Bildung ist Asch denn doch nicht geblieben. Er scheint vieles gelesen und manches gelernt zu haben. Das Stück „Der Gott der Rache", namentlich der zweite Akt, ist durchaus nicht das Erzeugnis eines naiven Talents. Neu und jüdisch ist in diesem Stück nur das Thoramotiv, das Asch zwar geschickt, aber leichtfertig verwendet. Wenngleich hier keine eingehende Besprechung der einzelnen Bühnenwerke gegeben werden soll, so ist dennoch angebracht, bei dem Drama „Der Gott der Rache" etwas länger zu verweilen, weil dieses Stück durch seine Aufführung auf der Reinhardt-Bühne das bekannteste jiddische Drama und nahezu zum Musterstück eines Getto-Schauspiels gestempelt worden ist. Der Inhalt des Stückes: Jankel Schepschowitsch hat ein unsauberes Gewerbe in Händen. Er steckt bereits, wie die Kabbalisten sagen würden, in der fünfzigsten Schicht der Unreinheit, aus der es keine Rettung mehr gibt. Er und seine Frau Sara, die vormals selbst ihren Körper mitsamt ihrer Seele feilbot, sind des Satans Macht verfallen. Jankel Schepschowitsch fühlt es. Sie sind fündige Menschen und ihre Seelen werden in Schmutz und Sünde untergehen. Aber in Jankels Brust glüht die Sehnsucht nach Reinheit, das Verlangen nach Schuldlosigkeit. Indes, .Jankel Schepschowitsch weiß, daß, wer im Leben arg gefehlt, nimmer wieder schuldlos sein könne; daß, wer seine Seele mit Schmutz besudelt, nie jene Reinheit erlangen könne, die dem unentweihten Heiligtum gleicht. Er sucht daher auf einem Umweg zur Reinheit zu gelangen. In seinem einzigen Töchtecchen Riwkele will er sich ein Heiligtum der Reinheit aufbauen. Sie soll eine keusche jüdische Tochter bleiben und womöglich einen Schriftgelehrten heiraten. In Riwkeles Adern kreist jedoch das Dirnenblut ihrer Mutter. Der unwissende Jankel scheint etwas von einer Vererbung zu ahnen. Er kennt das:, es ist kochendes, siedendes Mut, das nicht eher zur Ruhe kommt, bis es in den Pfützen der Sünde die lohenden Flammen gelöscht hat. Er sinnt daher auf ein Mittel, fein Kind vor der ihm drohenden Gefahr zu schützen. Er entdeckt sich feinem Nachbar Reb Elfe, einem Heiratsvermittler, und dieser gibt ihm den Rat, eine Thora schreiben zu lassen und sie in das Schlafzimmer Riwkeles zu stellen. So eine Thora ist ein guter Schutzengel und behütet vor allem Bösen. Jankel Schepschowitsch, der fündige Mensch, läßt von dem Thoraschveiber Reb Aron eine Thora schreiben, die er im Schlafzimmer seiner Tochter unterbringt. Riwkeles Keuschheit ist beschützt. Jankel Schepschowitsch kann ruhig schlafen. Also im oberen Stockwerk feines Hauses, in feiner Privatwohnung, bewahrt Jankel sein Heiligtum: die Thora und die Keuschheit seiner Tochter. Dagegen im Souterrain desselben Hauses opfert er dem Moloch; da hat er fein „Geschäft". Sein Heim soll mit seinem Geschäft nicht in Berührung kommen, der obere Stock soll vom Souterrain abgetrennt sein wie Reines vom Unreinen. So will es Jankel; aber Gott, der ein Gott der Rache ist, will nicht. Gott will nicht, da hilft kein Sinnen und Raten und Hüten und Beschützen. Zwischen „unten" und „oben" spinnen sich geheime Fäden. Die Hölle verfügt über gar mächtige Kräfte. Gegen die Macht der Hölle erweist sich selbst die Thora wehrlos!. Die Sünde hat hundertfach geflochtene Stricke; sie zieht und zieht, langsam aber sicher, bis ihr Opfer in den Abgrund stürzt, aus dem es keinen Aufstieg mehr gibt. Auch Riwkele zieht es hinunter, und in einer schwülen Maiennacht eilt sie mit Manjka, die bis jetzt zum Warenlager Jankels gehörte, zum Zuhälter Schlojme, der sich selbständig gemacht und ein gleiches Geschäft eröffnet hat. Jankel rechtet mit Gott. Er wirst ihm Rachsucht, ja sogar Schlechtigkeit vor. Gott sei an allem schuld. Seine Thora habe sich als machtlos erwiesen. Sara sucht zu besänftigen; sie will alles wieder gutmachen. Sie gibt Schlojme ein Lösegeld für ihre Tochter.