Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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92 seines Geistes und seines Amtes erblickte. Tatsächlich übernahm Horovitz 1918 das Amt des Seminarrabbiners und zog sich ganz auf das talmudische Gebiet zurück. Damals aber zehrte bereits die tückische Krankheit an seinem Lebensmark, es war ihm nicht beschützen, sich lange der neuen Würde zu erfreuen; tat Alter von nicht ganz 62 Jahren ist er in die Ewigkeit eingegangen. Horovitz' wissenschaftliche Leistungen erstrecken sich in der Hauptsache auf die beiden Gebiete der Religionsphilosophie und der Talmudforschung. . Systematische Philosophie lag chm fern, wenn er sich auch mit seinem durchdringenden Verstand in ihre Probleme eingearbeitet hatte. Aber er war der Ueberzeugung, daß alle philosophischen Erkentnisse auf historischer Grundlage ausgebaut sein mußten, und er verlegte sich darum hauptsächlich aus die Erforschung der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters. 1898 begann er im Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars eine großangelegte Veröffentlichung über „Die Psychologie bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters von Saadia bis Maimuni." Diesem Hauptthema dienten die zahlreichen kleineren und größeren Abhandlungen, in denen er während der letzten zwanzig Jahre Probleme aus der Geschichte der Religions- Philosophie behandelte. Als Beiträge zur Geschichte der Erkenntnistheorie, der Auffassung von der Prophetie bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters, sind seine Abhandlungen von hohem Werte. Ihre besondere Bedeutung aber erhalten sie durch die gründliche Ouellenbehandlung. Horovitz hat die arabischen Vorläufer der jüdischen Religionsphilosophen in weitestem Umfange herangezogen, mit sorgfältigster Gründlichkeit durchforscht und ungezählte neue Ergebnisse gewonnen. Er ging aber auch weiter aus die griechischen Urquellen zurück und hat nicht nur in zahlreichen Einzelbemerkungen, sondern auch in besonderen Abhandlungen, wie z. B. „Ueber den Einfluß des Stoizismus auf die Entwickelung der Philosophie bei den Arabern" und „Der Einfluß der griechischen Skepsis auf die Entwicklung der Philosophie bei den Arabern", die Fäden aufgedeckt, die von den alten Griechen zu den klassischen jüdischen Philosophen führen. Erste Autoritäten auf diesem Gebiete, wie Jacob Freudenthal und Jacob Guttmann, staunten Horovitz' grundgelehrte und scharfsinnige Untersuchungen an; allmählich erwarb er sich in weitesten Kreisen der Fachmänner die verdiente Anerkennung. Eine ganze Reihe von Abhandlungen, die zumeist in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" veröffentlicht sind, liefert Beiträge zum Verständnis des Talmuds. Horovitz vereinte hier die Gelehrsamkeit und Gründlichkeit eines Meisters der alten Talmudschule mit der philologisch-kritischen Methode der neueren Wissenschaft. In den meisten Untersuchungen handelt es sich darum, Texte richtigzustellen, den Quellen oder dem ursprünglichen Zusammenhang und Gedankengang talmudischer Diskussionen nachzugehen. Dann hat Horovitz mit großem Scharffinn den Text des verlorenen alten Midraschwerkes „Sisre Suta" aus der indirekten Ueberlieferung wiederhergestellt und mit Anmerkungen versehen. In den letzten Jahren arbeitete er an dem von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegebenen „Corpus Tannaiticum" und veröffentlichte dafür die beiden Sifre zu Numeri. Van der Mechilta zu Exodus, die er ebenfalls bearbeitet hat, konnte er infolge seines schweren Leidens nur wenig mehr als die Hälfte selbst herausgeben, doch ist zu hoffen, daß das Manuskript für die Veröffentlichung 'bereitliegt. Es ist ein schwerer, unwiederbringlicher Verlust, den die Wissenschaft des Judentums durch Horovitz' Tod erleidet. Bei jeder neuen Lücke, die in unseren Reihen entsteht, fragt man sich schmerzerfüllt, wieviel wir denn eigentlich noch zu verlierm haben. Es müßte der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit allmählich klar werden, wohin die Nichtachtung gegenüber unseren Gelehrten geführt hat. Vielleicht könnte mancher, der wie Horovitz zu früh heimgegaugen ist, noch heute leben und wirken, wenn in unserer Gemeinschaft das Verantwortlichkeitsgefühl für die Erhaltung der unserer Wissenschaft dienenden Institute stärk genug wäre. Sein Heimgang trifft nicht nur seine Familie, seine Freunde und Schüler, sondern die gesamte Judenheit; denn fürwahr: „Ein Fürst und ein Großer ist heimgegangen in Israel!" J. Elbogen. Me es am Sinai im Nähre 540 n. CH. auslah. . Von Dr. S. A sch ne r (Berlin). Pessach naht, das freundliche Freiheitsfest, und da ist es sicher nicht unangebracht, wo wieder unser Sinn um die heiligen Stätten der Sinaihalbinsel kreist, eine alte Schrift sprechen zu lassen, das schlichte, im Volkslatein geschriebene Reisebüchlein') der Nonne Aetheria, das uns ein treuliches Blld der lieben Orte in alter Zeit und Belehrung in Fülle darbringt. Jst's doch mit frommem Sinn geschrieben und so, daß es auch uns Juden lieb und erfreulich kommt, wie ein treuer Gruß aus der Ferne, ein Rosensträußlein, gebrochen vom Strauch der Religion, die, wenn sie echt ist wie Aetheriens, unserm höchsten Streben immer verwandt und benachbart bleibt. Aetheria erblickt also, von Mönchen geführt, über tiefem Tal auftagend, den Sinai. Da betet sie denn nach altem, gutem Brauch. Das Dal aber, wird ihr bedeutet, sei das nämliche, wo die Kinder Israel gelagert, als der „Heilige Moses" auf den Berg gestiegen und allda vierzig Tage und Nächte verweilt habe (vgl. Exod. 24, 18). Noch heute, erzählt sie, wird da die Stelle gezeigt, wo das goldene Kalb gemacht wurde; ein mächtiger Block ist nämlich zum Wahrzeichen dort errichtet. Auch soll Moses am Eingang in dieses Tal Jetros Herden geweidet haben und ihm dort im Dornbusch der Herr erschienen sein. Der Sinai wird von ihr beschrieben als ein riesiges Bergmaffiv, das von fern wie ein einziger Fels aussieht; in der Mitte steigt der erhabene Gipfel empor, wo GotteS Herrlichkeit einst geruht nach dem Wort der Schrift. Er ragt so hoch, daß die anderen Kuppen in der Runde daneben wie „kleine Hügelchen" erscheinen. Auf dem Gebirge waren Klöster erbaut, deren Mönche die Reisenden freundlich aufnahmen. Auch eine Kirche und ein Presbyterium waren dort. Die Nonne brachte dort bei den gastfreien Mönchen die Nacht vom Sabbat zum Sonntag zu und bestieg dann in der Frühe die einzelnen Berge, vor allem unter unendlicher Mühsal den Sinai selber, wohin heilige Sehnsucht sie trieb, so daß die schwache Frau die Strapazen gar nicht fühlte, obwohl man zu Fuß — bis dahin war sie im Tragsesfel gebracht worden — geraden Weges steil bergan klomm bis zum Fuß der Gotteshöhe, auf der das Gesetz offenbart worden. Damals stand auf dem nicht sehr großen Gipfel ein Kirchleinh, das, sagt sie sinnreich, wiewohl nicht eben groß, doch große Gnaden an sich habe. Aetheria wurde auch hier von würdigen, alten Priestern und Mönchen begrüßt und ihr bei der Kirche die Höhle gezeigt, in der Moses geweilt (Exod. 33,22). Ein freundliches Bild, wie an Ort und Stelle von lden frommen Männern aus dem Exodus gleich alle einschlägigen Stellen vorgelesen h Aetheria, Peregrinatio ad loca sancta, cap. 1—7, von 533 bis 540 rt. C. Vulgärlatein. Uebungsbuch, Friedrich Slotty, Bann 1918, 46—56. s) Nach Robinson steht dort auch heute eine Kirche und eine Moschee. Me Grotte wird nach Sechen von einem Granitblock -bedeckt.