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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-15 · Heft 8 (15.4.1921) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 8 (15.4.1921)
Date
1921-04-15
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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90 zeitig Vorkehrungen getroffen hatte, daß keiner .der Mtreisendm am Sabbat zu fahren branchlte, h,atte sie :audj, -auf die rituelle Verpflegung Bedacht -genornmen. Etwa 25 Reflektanten hiatten, sich' angemeldet. Leider wurde diese Gruppe durch .die überhastete Einwaggonierung a useinandergerissen, so daß eine gemeinsame Aussipeisnng an den Berpfleg.ungsstation'en nur unter Schwierigkeiteni durchziusühren w>ar. Für Linz hatte Herr K ul tu s v o r stehe r Emil Bruder diese Aufgabe übernommen. Im Verein mit feiner Gattin und einer anderen Linzer Dame hatte er eine blumengeschmückte, trefflich besetzte Tafel berieitgestellt. Zur Ehrung der Gäste waren auch als Vertreter der Linzer KultuAgemeinde deren Vorsitzender, Herr Schwager, sowie Herr Rabbiner Dr. Schu 1 singer erschienen. Ein solcher Anfang der Fahrt war jedenfalls' verheißungsvoll. Welche Ueberraschung aber, aW mitten in der Rächt aus den Stationen Wels und Pasfau der Trubel, von Linz sich wiederholte! „Taghell war die Nacht gelichtet." Und nun nächsten Morgen das gastliche Nürnberg! Hier waren vom Vertreter der Freien orthodoxen Vereinigung, Rabbiner Dr. Klein, die Herren Epstein und Studiosus Mayer mit dem Empfang der rituell Speisenden betraut worden. Die Herren entledigten sich ihrer Aufgabe mit rührender Hingebung. Wie in Linz war für alles aufs beste gesorgt! Denen, die aus Ge s undhe i ts rü cf sichte n den Zug nicht verlassen durften, wurde das Essen im- Waggon serviert. Der Schutzbund, der hi>er die Kosten trug, hatte ausdrücklich die Ermächtigung erteilt, d«as« Beste so reichlich als möglich zu bieten. Wir betonen gerade diesen Punkt des Proarammes. ni-cht als ob in dieisen kulinarischen Genüssen, sich unsere Festfreude erschöpft hätte. Es soll nur mit dankbarer Genugtuung verzeichnet werden, wie selbst nach dieser Seite hin nichts yerabsäumt wurde. Wenn es noch möglich war, diese Aufmerksamkeit zu üibecbieten, so hatten wir einen solchen lieber scklwang in Bamberg zu verzeichnen. Hier hatte Herr D i st r i k t s r a b b i n e r D r. Eck st e in, der in Begleitung eines Vertreters des Synagogen,genEindevorstandes zur Stelle war, ein Tischlein - deck - dich vorbereitet, vor dem jeder Versuch eines Dankesstammelns einfach die Segel streichen mußte. Suppen, Würste, an denen sich unter anderem ein Mitglied des deutsche Hochadels im Abstimmungszug weidlich delektierte, Obst, Tabak, Zigaretten, kurzum ein wahres Ganeden tauchte da vor unseren Augen auf, um ebenso rasch in den Coupefenstern, die von dankbaren Abnehmern garniert waren, zu verschwinden. _Nachdem wir nunmehr zum zweiten Male zu Mittag zu speisen Gelegenheit gefunden hatten, reisten wir gespannt der eigentlichen Mittagstation entgegen, als welche von der Zenträkleitung Saalfeld bestimmt worden war. Wir hatten uns, da es dort keine jüdische Gemeinde gibt, mit Herrn Landrabbiner Franckel in Meiningen in Verbindung gesetzt, und waren wir schon durch das, was vorhergegangen, nicht wenig verwöhnt worden, so wurden wir geradezu sprachlos, als am Saatfelder Bahnhof Herr und Frau Becker uns in Empfang nahmen, um uns mit einer Aufwartung zu überraschen, die in jeder Hinsicht über alles Lob erhaben war. Diese üppige Verpflegung ist um so höher einzuschätzen, als sie ein privates patriotisches Opfer der Familie Becker darstellt. Hätte nicht unter uns Abstimmlern eine so unzerstörbare Harmonie geherrscht, die Verwöhnung, die uns zuteil wurde, hätte unter unseren Reisegefährten lauten Neid Hervorrufen müssen. Mitternacht war längst vorbei, als unser Zug in Dresden einrollte. Schon von weitem grüßte uns eine Tafel mit dem Magen David, das Panier, um das wir uns sofort freudig scharten. Herr Rabbiner Professor Dr. Winter (Dresden), der alles vorbereitet hatte, war anfangs selbst zü unserem Abstimmungsznge erschienen, mit dem man uns erwartet hatte. Von seiner Begleitung hatten unverdrossen stundenlang b'is zu unserem Eintreffens ausgeharrt die Herren Religwnslehrer Anschel, Dr. Levy und Weinreich, die uns nun zu einem Festmahl geleiteten, das von dem wohlbekannten rituellen Restaurant Simon im Bahnhosswartesaal bereitet worden war und dazu beitrug, unsere gehobene Stimmung noch um etliche Grade zu erhöhen. Dieser Reigen der Genüsse fand am nächsten Morgen seinen Abschluß in einem Kaffee mit Weißbrot, den uns die Breslauer Filiale der freien Vereinigung kredenzte, als deren Vertreter die Herren Aron Kober und Bankier Löwh von uns vorher verständigt worden waren. Wir tragen nur einen winzigen Bruchteil unserer Schuld an alle die Genannten ab, wenn wir ihnen an dieser Stelle von ganzem Herzen unseren wärmsten Dank aussprechen. Sie haben den glänzenden Beweis erbracht, daß selbst unter erschwerenden Umständen, wie sie hier Vorlagen, dank brüderlicher Hilfe der Jude in Beobachtung seiner religiösen Pflichten und Rücksichten nicht in Verlegenheit zu geraten und keinerlei Entbehrung sich aufzuerlegen braucht. Und nun noch ein weiteres Wörtchen über das Judentum bei der Abstimmung. Ausfallend war das numerische Ueberwiegen des jüdischen Elements in den vielen Abstimmungszügen, und dieses Element war es, das gerade in den gefährdetsten Abstimwungsbezirken eine gewichtige Rolle spielte. In vielen Dörfern, aus denen, namentlich infolge des polnischen Terrors, die deutsche Bevölkerung nahezu völlig abgewandert war, erschienen diese jüdischen Abstimmler, die ihren Geburtsort vielfach als Kinder bereits verlassen hatten, um nun ihre Stimme zugunsten Deutschlands in die Wagschale zu werfen. Welchen Eindruck der offenkundige patriotische Eifer der jüdischen Oberschlesier aus vorurteilsfreie Seelen ausüben muß, möge folgendes Beispiel beleuchten. In der Hauptstadt eines deutschen Bundesstaates sollten zwei Ostjuden ausgewiesen werden. Unbescholtene Familienväter, die nichts anderes verbrochen hatten, als daß ihr Wiege in Galizien gestanden hatte, und die nicht genug polnischen Patriotismus auszubringen vermochten, um in die Heimat zurückzukehren und sich dort abschlachten zu lassen. Die höchste Instanz, die über das Schicksal dieser Aermsten endgültig zu entscheiden hatte, erfuhr zufällig von dem Anteil jüdischer Mitwirkung an dem Erfolge der oberschlesischen Abstimmung, und in edlem Impuls wurde mit einem Federstrich der Ausweisungsbefehl gegen jene beiden Ostjuden aufgehoben. Aber noch mehr und dies das Wichtigste, urbi et orbi hier zum ersten Male verlautbart! In einigen Verbänden, die sich mit der Durchführung der großen Abstimmungsaktion zu befassen hattest, trug man Bedenken, Juden in die Leitung auszunehmen. Da war es nun die höchste Stelle im Deutschen Reich, die diesen Herren folgende verblüffende Aufklärung bot: Nach dem Vorvertrag sollte bekanntlich Oberschlesien bedingungslos den Polen Zufallen. Da wandten sich oberschlesische Juden an eine Stelle in Amerika, die auf Wilson Einfluß hatte. Und auf diesem Wege wurde die ursprüngliche Zuweisung Oberschlesiens an Polen in — das Plebiszit umgewandelt. Wir sind in der Lage, mit Nennung des Gewährsmannes für die Zuverlässigkeit dieser Mitteilung einzustehen. Wenn wir von ihr hier Gebrauch machen, so geschieht es nicht, um für die Juden und ihr in ihren Augen selbstverständliches Verhalten in der Abstimmungsfrage irgendwelche Anerkennung herauszufordern. Wir wollen nur eines festgestellt haben. Sollten gewisse Kreise nach Tische wieder anders lesen und auch die Abstimmung in Oberschlesien, dieses glänzende Denkmal deutscher Heimatliebe, zum Ausgangspunkt für Judenhetzen wählen wollen, so sei die Schändlichkeit dieses bübischen Treibens, das dem deutschen Volke den Rest von Kredit im Auslande zu rauben geeignet ist, schon heut an den Pranger gestellt und der Verachtung preisgegeben, die es verdient'. * Die Rote Woche in Breslau. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht der „Berliner Lokalanszeiger" vom 1. April einen längeren Artikel, dem wir folgende Ausführungen entnehmen: Die Kommunisten versuchten es auch hier mit der Generalstreik- Parole. Sie hätten keinen Erfolg damit gehabt, auch wenn ihre öffentliche Kundgebung von der Polizei nicht verhindert worden wäre. Dann galten sie noch ein Flugblatt heraus, das an Mutrünstigkeit nur mit einem etwa zu gleicher Zeit verteilten antisemitischen Flugblatt wetteifern kann. Fordert das kommunistische Flugblatt auf, „mit Flinten -und Messern, mit Fäusten und Zahnen zuzupacken", soschreibt das antisemitische: „Bestien reizt man nicht, man tötet sie. Es bleibt jedem unbenommen, zu entscheiden, ob die einzelnen Juden Bestien sind oder nicht, aber das Judentum selbst ist die Bestie allen nichtjüdis-chen Völkern gegenüber. Es hat keinen Zweck, diese Bestien durch bloße Sticheleien noch mehr zu reizen. Aber befreien muß man sich von

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