Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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89 Gepäck versehen, -d>as -mit besonderen Wagen befördert werden muß-te, worin Kleidung und Nah,run-g, die die Psleg-eeltern mitgegeben hotten, sich besand-en, der wird dien Segen dieser Aktion begreifen. Dankbar nennen wir hier die Namen der Persönlichkeiten, die sich besonders um diese Aktion verdient -gemacht hoben: Frau, Lisa Deutsch und Herr Rabbiner Dr. Levi in Mainz, Herr Rabbiner Dr. Cohn und Herr Plawin in Bonn und in besonders hervorragender und liebevoller Weise Frau Else und Herr Josef Jacobs in Trier. Unseren wärmsten Dank statten wir allen Pflegeeltern ab. Die Tätigkeit erforderte eine Aufwendung von 700000 Kronen. Wir gewährten außerdem für österreichische Kinder, die in Oesterreich selbst in Erhobun-gslkobonien geschickt wurden, noch weitere 500000 Kronen, 3000 Mark -gaben wir für die österreichische Hinterbliebene nfürsorge, besonders für Kinder, auch für Kinder in Berlin. Soweit es unter den ungeklärten Auswanderu-ngs-v-erh'ältnissen in Deutschland möglich war, haben wir -auch die Fürsorgetätigkeit für die Auswanderer wieder ausgenommen, unser Zentralbureau für jüdische Answandecun-gs-angeleg-e-nheiten wieder eröffnet und dafür 240 000 M-ark -ans-ge-geb-en. D-u-rch Subventionen ermöglichten wir die Errichtung von Bahnhofsdiensten in Berlin und in verschiedenen anderen Dnrchgan-gsp unkten sür Auswanderer. Für die in De-ntschlan^d befindlichen jüdischen Flüichtli-nge im Osten haben wir in Anknüpfun-g an unsere Tradition des Unterstützungskomitees sür bedürftige Russen das Arbeit-erfürso-rgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands mit schaffen helfen. Die Subvention von 50 000 Mark, die wir dem Arbeiter für sorge amt gewähren, ist nur ein kleiner Teil der Unterstützung, die wir ihm angedeihen lassen». Das Dreifache dieser Summe haben wir einer Tätigkeit Zugewandt, die die Voraussetzung für die eigentliche Tätigkeit des Arb-eifrerfürsorgeanrtes bildet. Im ganzen haben wir für die verschiedenen Gebiete der Arbeit des Hilfsvereins im Jahre 1920 835 000 Mark anfgewendet, eine Summe, klei'N im Verh>ältni's z-ur Größe der Not, nicht klein aber, wenn wir bedenken, daß wir in Deutschland selbst infolge des Krieges Not itmb Elend zu lindern haben, bie vor dem Kriege unbekannt gewe'en sind. Wir sind sicher, daß trotz der Schwere der Zeit, die für Deutschland Hereingebrochen ist, die deutschen Juden ihre unglücklichen Brüder im Osten nicht vergessen werden und uns durch eine verdoppelte und verdreifachte Gebefrendigkeit in den Stand fetzen werden, unsere notwendigen Arbeiten fortzusetzen. Herr Dr. Paul Nathan, stellvertretender Vorsitzender des Hilssvereins, sprach über die Rückwirkungen der russischen Verhältnisse auf Deutschland und beleuchtete insbesondere die Bedeutung der Ostjudenfrage sür Deutschland- Bon einer U e b e r s ch w e m m u n g Deutschlands durch o st - europäische Juden könne nicht die Rede sein. Die Zahl der nach Deutschland eingewanderten Ostjuden lasse sich nicht mit Sicherheit bestimmen, keinesfalls sei sie höher als auf etwa 60 000 Seelen — kaum mehr — zu veranschlagen, eine Zahl, die gegenüber 60 000 000 Deutscher für die Ausgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands in keiner Richtung ins Gewicht falle. Er wendet sich scharf gegen die antisemitische Behandlung der Ostjudensrage und gegen die selbst in manchen schlecht unterrichteten deutsch-jüdischen Kreisen jetzt hervortretenden ostjudenfeindlichen Strömungen. Nachdrücklich weist er darauf hin, daß ein großer Teil der jetzt in Deutschland befindlichen Ostjuden während der Kriegsjahre durch die deutsche Heeresverwaltung in den besetzten russischen Gebieten selbst zur Auswanderung nach Deutschland veranlaßt oder zwangsweise zu uns äbtransportiert worden sind, einerseits, um die besetzten Gebiete in Rücksicht auf die schwierige Ernährungssrage zu entlasten, anderseits, um diese Juden für schwere Arbeit in Deutschland für Munitionsfabriken, Bergwerke und zu Arbeiten auf den Kriegsschauplätzen zu verwenden, also zur Erhöhung der deutschen Verteidigungsfähigkeit. Diese Elemente jetzt wieder mit Fußtritten in die Hölle der Oststaaten zurückzujagen, wäre eine unentschuldbare Inhumanität. Ein großer Teil dieser mit mehr oder minder starkem Zwange nach Deutschland gebrachten Elemente arbeitet, jetzt am d-eutschen Wiederaufbau mit. Sich der verhältnismäßig geringen Zahl der zur Arbeit Unfähigen anzunehme-n, sei eine unter allen Umständen zu erfüllende Pflicht der jüdischen Wohlfahrtspflege. Auch dürfe man nicht vergessen, daß sicherlich eine große Zahl Ostjuden lange vor dem Kriege in Deutschland ansässig war, daß die damalige kaiserliche Negierung aus wohlerwogenen Gründen den Aufenthalt gebilligt hat, weil sie für den deutschen Handel nach denr Osten und von dem Osten nützliche und unentbehrliche Mittler gewesen sind. Das weitere Zuströmen ostjüdischer Flüchtlinge sei durch die von der deutschen Regierung durchgefühvte und feit la>ngem bestehende Grenzsperre im Osten übrigens verhindert. Die Abwanderung der in Deutschland befindlichen Ostjuden nach den Weststaaten und über See vollzieht sich stetig. Auch hierbei leistet der Hilfsverein wie bei der Fürsorge für die in Deutschland vorläufig noch verbleibenden Ostjuden hilfreiche Hand. Der Hilfsverein der Deu>tfchen Juden wahre - und vereinige durch 'sein Hilsswerk für die Ostjud-en dentsch-es Interesse mit feinen humanitären Ausgab-en itnlb feiner Solidaritätspflicht gegenüber d-en Notleidenden und Hi-lfsbedürftilgen. Die Reden des Herrn Dr. Simon, Dr. Kahn und Dr. Nathan fand-en di>e lebhafteste Zustimmung der Versammlung,, aus deren Mitte den genannten Herren für di-e z-i-elbewußte Leitung des Hilssvereins und die segensreiche Tätigkeit Dank und Anerkennung ausgefprochen wird. Die Versammlung gewährte der Verwaltung einstimmig Entlastung für ihre Geschäitssührung. ' Die durch Veränderungen in der Leitung notwendig gewordene Statutenänderung wurde von der Generalversammlung genehmigt. In das Zentralkomitee des Hilssvereins wurden außer 38 statutengemäß ausscheidenden Mitgli-edern die Herren Kommerzienrat Maximilian Stein (Berlin), Ludwig Scherk (Berlin), Dr. Baum (Berlin), Dr. Bernhard Kahn (Berlin), Paul Pfefferkorn (Frankfurt a. M.), D. Strauß (Hagen i. Wests.), Fritz Cohn (Charlottenbnrg), Direktor Schottländer (Charlottenburg), Freirich (Berlin) gewählt; in den geschästssührenden' Ausschuß Herr Direktor M. Joachimsfohn und Dr. Bernhard Kahn. Als Revisoren werden die Herren Georg Tietz und Ben-as Levy bestellt. Mit einem warmen Appell an die Versammelten, dem Hilfsverein für seine großen Aufgaben die Mittel zur Verfügung gu stellen, schloß der Vorsitzende die Sitzung. * Zue Abstimmung in Oberfchlesierr. Aus Wien wird uns geschrieben: Selten hat man wohl Deutschland in einem solchen Rausch von Begeisterung gesehen wie in diesen schicksalsschweren Tagend. Selbst Augenzeugen der Angnsttage 1914 waren von diesem Jubel überrascht, wie er an d-en Bahnstationen die durchfahrenden Abstimmler begrüßte. Selbst vier sonst so- -gemessene Norddeutsche hatte alle Hemmungen abgestreift und ließ sich -ohne Widerstreben von den brausenden Wogen echt patriotischer Erhebung mit sortreißen. Ihren Höhepunkt dürfte dieses hell lodernde Hochgefühl aber erreicht haben in der Begrüßung, die wir Oberschlesier aus Deutschöfter re ich, Ungarn und Jugoslawien auf u-nserem Zuge durch das Deutsche Reich fanden. Einer wollte den anderen >an Opf-erwilligkieii, -an Liebesdiensten-, an Herzlichkeit des WillVommengrußes übertreffen. Nicht nur Erfrischungen, Speisen, Getränke, Zigarren und Zigaretten, Lektüre, Blumew für unsere Alten, selbst Kleidungsstücke für unsere Säuglinge, ku-rznm -alles,, was sich nur -aufbieten ließ, um uns die Reise zu einer wahren Festfahrt in dulci jubilo zu gestalten, es wurde in Hülle und Fülle dargeboten. Schon in Linz wurde uns ein Empfang bereitet, der jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben muß. M-an hatte den Eindruck, als ob -alles, was nur über Beine verfügte, sich am Bahnhof eingefunden hatte, Wie im übrigen Deutschester re ich waren von den reichsdeutschen Verbänden und anderen deutschen. Bereinigungen für di-e oberfchlesische Sache Summen .gesammelt worden, die sich unglaublich anlassen und um so schwerer ins Gewicht fallen, als meist -die minder Bemittelten dazu beigetragen hatten. Ter Deutsche Schutzbund, dem die Oberleitung der gesamten Hin- und Rückbeförderung der Abstimimler oblag- und der diese Aufgabe mustergültige gelöst hat, hatte an allen Stationen für Verpflegung und sonstige Erfordernisse Sorge getragen. In Linz ließ es sich -aber die oberfchlesische Ortsgruppe nicht nehmen,, -alles aus Eigenem zu bestreiten.. Für die Bewirtung der rituell speisenden jüdischen Teilnehmer war -vom ob-erschlesischen Landesverband in Wien I, Johannesgasse 3, Sorge getragen worden. So wie diese Stelle recht-