Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Krieges nmßten wir uns vom Schulwerk in Galizien., Rumänien, Bulgarien und Griechenland zurückziehen. In hoher Blüte dagegen stand während des ganzen Kriegs bis zur Eroberung Palästinas und bis zur Besetzung Konstantinopels unser Schulwerk im Orient. Die Ausgaben sür diese Schulen wuchsen freilich sehr beträchtlich. Sie erforderten allein seit Kriegsbeginn an drei Millionen Mark. Jetzt haben wir uns auch von diesem Schulwerk trennen müssen. Unser Konstantinopler Schulwerk ist in seinem Weiterbestand gesichert durch seine eigene Kraft und durch die Förderung, die es in Anbetracht der von ihm erfüllten hohen kulturellen Mission bei den amerikanischen Juden gefunden hat. Wir hoffen, daß auch das Schulwerk in Palästina weiter gesichert bleiben wird. Wir brauchen von unserem Schulwerk nicht Abschied zu nehmen wie von einer Kulturtätigteit, die, nachdem Deutschland und der Hilssverein aus dem Orient verdrängt sind, vergeblich gewesen sei. Die Generationen, die wir erzogen haben, werden dank unserer 'Erziehung weiterhin Tüchtiges für das Judentum leisten und wirtschaftlich und sozial im Leben vorwürtskommen. Die Grundlagen, aus denen wir unser Schulwerk ausgebaut haben und die ausschließlich den stutzen und die Forderung der orientalischen Judenheit und der Gesamtjudenheit von Deutschland aus bezweckten, werden weiter wrrten, \o daß auch diese unsere Tätigkeit, den völlig veränderten Verhältnissen angepaßt, ihre dauernden lebendigen Wirkungen ausuven wird. Der Hilfsverein der Deutschen Juden wird nicht aufhören, für den Orient, für Palästina, soweit die Verhältnisse es ihm gestatten, in sozialer und kultureller Arbeit tätig zu sein. Da wir nur rein soziale, humanitäre und charitative Ziele verfolgen, stehen wir über allen Parteien, und tonnen wir mit allen Parteien, ohne mit irgendeiner einzigen, die jüdische Interessen vertritt, in Konflikt zu geraten, für die Gesundung der leidenden Judenheit arbeiten. Welche politische Form Palästina auch annehmen mag, die deutsche Judenheit wird und soll nicht vergessen, daß es das Land ehrwürdigster Erinnerung und jedem Juden heilig ist, und daß die Mitarbeit an einem neuen Ausblühen des Landes Pflicht eines jeden Juden bleiben wird. Der Krieg ist vorüber. Aber der jetzige Frieden, oder nennen wir es lieber die Kriegsfolgen, ist vielleicht sür die Massen der Juden noch schlimmer, als es der Krieg war. Für die Juden des Ostens ist es nicht Frieden geworden. Sie haben, mit. Ausnahme vielleicht der Juden Litauens, Schlimmeres jetzt durchzumachen als im Kriege. Ihre wirtschaftliche Existenz ist zum allergrößten Teil vernichtet. Ihr Leben ihre Ehre, sind in ständiger Gefahr. Ich erinnere an die Pogrome und Verfolgungen in den Oststaaten, ich erinnere an die furchtbaren Zustände, an die Dauerpogrome, die noch jetzt täglich und stündlich in der sogenannten Ukraine an der Tagesordnung find. Kein Wunder, wenn die Millionen dort im Osten sich in unbeschreiblicher Panik befinden. An fast 800 Orte wurden dort durch Pogrome heimgesucht. 150 000 Juden jeden Alters und jeden Geschlechts wurden mit unerhörter Grausamkeit gemordet oder verstümmelt. Darüber hinaus sind viele Lausende an Hunger und Elend zugrunde gegangen. 120 000 Waisenkinder sind in diesen Gebieten vorhanden. An Ort und Stelle versucht das Joint Distribution Committee mit ganz gewaltigen Hilfsmitteln die Not zu lindern. Auch den Flüchtenden und Heimlosen gewährt es seine Unterstützung. Für die Regulierung der Auswanderung ist die „Hias" tätig, auch die „Jea" beginnt ihre im Frieden bewährte Fürsorgetütiakeit wieder aufzunehwen. Gegen die amerikanischen Helfer sind alle anderen klein und wir in Deutschland besonders. Aber das darf uns nicht abhalten, unsere Menschenpslicht auch in kleinem Maßstabe zu erfüllen. Denn gerade wir in Deutschland, das das nächste große Grenzland im Osten bildet, wir werden am meisten mitbetrosfen. Zusammensassend kann man sagen: Das Leben der Juden in der Ukraine und in Sowjetrußland ist eine Hölle. Kopflose Flucht ist die natürliche Folge. Höimkehr der früher Vertriebenen. Es ist bekannt, mit welcher Grausamkeit aus den jetzt Litauen und Lettland genannten Gebieten und auch aus Polen die Juden im Lause des Krieges von den Behörden des Zarenreiches nach dem Innern Rußlands vertrieben worden sind. Ost mit einer Frist von wenigen Stunden Hunderttausend^ von Menschen, Frauen, Kranke, Greise und Kinder. Solcher Vertriebenen gab es wohl cm drei Viertel Millionen. Was von diesen drei Viertel Millionen dem Tod und Verderben entronnen ist, sucht jetzt nach den Friedensverträgen Polens und der Randstaaten mit Sowjetrußland nach ihrer früheren Heimat zurückzugelangen. Tausende wöchentlich treffen an den verschiedenen Grenzpunkten ein und streben von dort ihrer Heimat zu. Der Zustand, in dem sie ankommen, ist unbeschreiblich: halb verhungert, halb nackt, jeglicher Mittel entblößt. Und was erwartet sie in ihrer Heimat? Zerstörte Häuser, zerstörte Wohnungen, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Mangel an Lebensmitteln und allen Lebensnot-- wendigkeiten. Diesen Armen ein Obdach zu geben, Kleidung und Nahrung, Werkzeug zur Arbeit, den Kindern Möglichkeiten, Schulen zu besuchen, den Kranken medizinische Hilfe, den Alten und Schwachen ein Asyl für ihren Lebensrest, das sind Aufgaben so riesengroß, daß man sassungslos^vor diesen Aufgaben steht. So die Lage der unglücklichen Heimkehrer. Noch unglücklicher sind die Heimsucher, jene, die ein neues Heim suchen, denen alles genonunen ist, die vor dem Entsetzlichsten fliehen, nicht wissend wohin. Sie flüchteten sich vor allem in die großen Zentren des Westens und der Nachbarstaaten, ergießen sich in die Hafenstädte, ohne Aussicht aus ein Weiterkommen. An die dreihunderttausend solcher Flüchtlinge dürften wir zählen, wir kennen sie auch in Deutschland, wo ihre Zahl allerdings verhältnismäßig sehr gering ist. Das muß gesagt werden a n ge s i ch k s der maß lo s e n U e b er - t r e i b u n >g e n d e : Antisemite u. Und dann kommt die gewaltige Schar derjenigen Flüchtlinge, die einigermaßen ein Ziel der Flucht haben: Die Emigranten. lieber die wolhhnischen und beßarabischen Grenzen ziehen ihre Scharen, um durch ein wahrhaftes Fegefeuer in die Vereinigten Staaten oder ein anderes überseeisches Paradies zu kommen. Zwar werden die Schwierigkeiten dieser Auswanderer gemildert durch die ausgezeichnete Tätigkeit der amerikanischen Organisation, aber zu ihrer Wirksamkeit muß sich die unsere gesellen, denn auch die Juden rn Deutschland werden von diesem Auswandererstrom betroffen. Solcher auf der Wanderung Befindlichen mit einigermaßen gesichertem Ziel haben wir heute bereits 60 000. Die Zahlen erschreckenuns. Und doch ist alles nur ein Vortrupp, wir müssen aus weit Schrecklicheres gefaßt sein. Die zukünftige Tätigkeit des Hilfsvereins. Diese Uebersicht, die ich gegeben habe, zeigt uns, was wir tim müssen. Wir haben jede Möglichkeit zu benutzen, um unseren Brüdern im Osten zu helfen. Keine Hilfe ist zu klein, keine Gabe zu gering. Wir müssen für die Regulierung der Auswanderung tätig sein, damit das Los der Emigranten unterwegs gemildert wird, damit sie richtig beraten, richtig geleitet werden und ihr Ziel ohne all zu großes Martyrium erreicht wird. Wir müssen schließlich der kleineren Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland uns annehmen, soweit wir unseren Statuten nach das können. Die Tätigkeit des Hilfsvereins im.Berichtsjahr. Das sind die Gesichtspunkte, nach denen wir bereits im vergangenen Jahre unsere Arbeit eingerichtet haben, nach denen wir in Zukunst unseren Wirkungskreis auszubauen haben. Für die Juden des Ostens taten wir, was wir konnten. Für Volksküchen im Osten gaben wir 50 000 Mark aus, sür die Unterbringung ukrainischer Waisenkinder, die aus der Ukraine herausgerettet werden konnten, 500 000 österreichische Kronen und 300 000 polnische Mark. Zur Unterbringung österreichischer Kinder in Deutschland sür einige Monate, um diese armseligen Kinder zu kräftigen, haben wir eine größere Aktion eingeleitet. Es sind zirka 350 solcher Kinder durch uns in Deutschland in Privatpsiege .gebracht worden. Die Kinder sind durch die Beamtinnen des Hilfsvereins von der österreichischen Grenze nach der Umgegend von Mainz, Bonn und Trier gebracht worden. Nach einigen Monaten hingebendster Pflege in Familien dieser Gegenden wurden die Kinder von Beamtinnen des Hilfsvereins wieder nur zurückgebracht. Wer diese Kinde rtransporte auf -der Hinreise beobachtet fjiö-t, abgehärmte Gesichter, notdürftig gekleidete Wesen ohne Gepäck, und wer sie wieder auf der Heimreise beobachten konnte, wohlgenährt, .gut gekleidet und - -mit schwerem