Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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werde die Auswandererfürsorge bilden, die der Hilfsverein in dem Maße ausgestalten werde, wie ihm Mittel dazu zufließen. Zum Schluß gibt Herr Dr. Simon nochmals dem Bedauern Ausdruck, daß der Hilfsverein die unmittelbare Arbeit des Herrn Dr. Kahn verliere, zugleich aber feiner Freude, daß die mittelbare Zusammenarbeit bestehen bleibe. Herr Dr. Kahn werde, um das Band mit dem Hilssverein noch enger zu knüpfen, zur Wahl in das Zentralkomitee und in den Geschäftsführenden Ausschuß vorgeschlagen werden. Auch der zugleich mit Herrn Dr. Kahn aus dem Hilfsvereinsbureau ausscheidend-en langjährigen Beamtin Fräulein Anna Levy widmete der Vorsitzende Worte der Anerkennung und des Dankes für ihre aufopfernde Tätigkeit. Herr Dr. K a h n dalnkbe für die ihm gespendiete Anerkennung. Sein Ausscheiden aus dem Hilssverein vollziehe sich auch von seiner Seite nur mit recht schmerzlichen Gefühlen. Er sei mit dem Hilssverein verwachsen und wenn es auch ein Leben voller Arbeit und voller Aufregungen gewesen sei, so war es doch anderseits ein gewisses Lebensglück, das ihm im Hilfsverein Geschieden gewesen i'st. Er dnnikte namentlich, den Leitern, den Herrn Dr. Simon und Herrn Dr. Nathan, unter denen er die Ehre und das Glück hatte arbeiten zu können, die mit großem Verständnis die Arbeit ermöglicht hätten. Er sprach zugleich auch dem gesamten Zentralkomitee seinen herzlichsten Dank für das aus, was er unter dieser Verwaltung leisten und werden konnte. Der in Rücksicht auf Veränderungen in der Verwaltung vorgeschlagene neue Satzungsentwurf wurde vom Zentralkomitee einstimmig genehmigt. Auf Anregung verschiedener Mitglieder wurde beschlossen, eine besondere Propagandakommission zu bilden. Herr Dr. Simon führte dann in der Generalversammlung aus, daß die Jahre seit 1914 die schlimmsten in der jüdischen Geschichte seien. Die Leiden der osteuropäischen Juden seien unerhört schreckliche und die Zahl der Opfer sei von einem Umfange, der seinesgleichen nicht habe. Millionen seien den ärgsten Verfolgungen und Qualen ausgesetzt gewesen und seien ihnen noch ausgesetzt. Niemals sei eine Hilfsaktion dringender gewesen, niemals aber war sie schwieriger durchzuführen. Doch dürfe man hoffen, nachdem -die Verhältnisse anfingen, sich .zu konsolidieren, und nachdem der Zusammenhang der Hilfsaktion von Amerika über England und Frankreich nach Deutschland sich habe wieder Herstellen lassen, daß es gelingen werde, wenigstens einen Teil des furchtbaren Elends zu mildern. Dem Hilfsverein der Deutschen Juden fallen dabei in kleinerem Rahmen, wie es der Ausgang des Weltkrieges mit sich bringe, für die deutsche Wohlfahrtspflege ganz besonders bedeutsame Aufgaben zu, so die Fürsorge für die Auswanderer, die Hilfstätigkeit für die leidenden Juden im Osten und für die Flüchtlinge in Deutschland. Herr Dr. Bernhard Kahn erstattete darauf den Jahresbericht und gab zugleich einen Rückblick auf die Kriegshilsstätigkeit: Der Hilfsverein der Deutschen Juden tritt jetzt aus der schwierigen Periode der Kriegstütigkeit heraus und wendet sich wieder den Arbeiten zu, die die jetzigen sogenannten Friedensverhältnisse von ihm verlangen. In unserer schnellebigen Zeit ist es in Deutschland vielfach bereits vergessen, was der Hilfsverein während des Krieges getan hat. Vielfach ist es leider gar nicht der Bedeutung der Arbeit entsprechend bekannt oder wenigstens gewürdigt worden. Und doch hat unsere Arbeit während des Krieges den Namen der deutschen Judenheit in der ganzen Welt zu erhöhtem Ansehen gebracht. Zahlreiche Artikel in angesehenen Zeitschriften und Zeitungen des Auslandes, insbesondere auch in nichtjüdischen, bilden den Beweis dafür. Es ist aber leider eine Tatsache, daß die Wirksamkeit unseres Vereins in New Jork und Sani Francisco, in Astrachan und in Odessa bekannter ist und mehr geschätzt wird als, sagen wir, m Frankfurt a. M. ober in Köln oder in München. — Wir waren so mit allen unseren Kräften, mit unserer schweren Arbeit beschäftigt, daß uns keine Zeit und kein Personal blieb, um daneben auch die nötige Propaganda und Aufklärung zu betreiben. Deshalb ist es notwendig, die Kriegstätigkeit des Hilfsvereins Ihnen noch einmal ganz kurz ins Gedächtnis zu rufen. Unterfttttzrrngskorrritee für bedürftige Russen. Bei Ausbruch des Krieges organisierten wir das Unterstützungskomitee für bedürftige Russen, das gegen 70 000 in größter: Not in Deutschland verbliebenen Staatsangehörigen Rußlands Hilfe brachte. Das Komitee half ohne Unterschied der Religion und Nationalität allen Notleidenden in der Zeit des Kriegsbeginns bis teilweise in unsere Tage hinein. Es wurde von den deutschen Zivil- und Militärbehörden anerkannt, von der feindlichen russischen Regierung und von den Regierungen der neutralen Staaten geachtet, selbst die Zarenregierung stellte dieser Tätigkeit die notwendigsten Mittel zur Verfügung. Es handelte sich um die Abreise derjenigen, die nach Hause wollten, und um die Unterstützung derer, die Zurückbleiben mußten, um politischen und rechtlichen Schutz und die Verbindung mit den Angehörigen, um eine alles umfassende Fürsorgetätigkeit. Bis heute sind für diesen Zweck 2% Millionen Mark ausgegeben worden. Was an Arbeit geleistet worden ist, kann nur der ermessen, der einmal die Tausende, die unser Bureau hilfesuchend umlagerten, die bis zur Verzweiflung aufgeregten Massen und der die von uns organisierten Transporte bei der Abfahrt gesehen hat; diese Szenen nachträglich heute in Worten zu schildern, ist unmöglich. Hilfe für die Juden des Ostens. Sowie die ersten Gebiete im Osten militärisch besetzt wurden und dort unter den Wirkungen der Kriegshandlungen die schlimmste Not ausbrach, wurde von uns eine großzügige Hilfstätigkeit für die Opfer des Krieges in diesen Gebieten eingerichtet. Wir waren es, die damals die Grundlagen schufen, auf denen sich zum Teil noch heute das gewaltige Hilfswerk der gesamten Judenheit für diese jetzt zum Teil noch unglücklicheren Gebiete ausbaut. Um unsere Leistungen zu illustrieren, seien nur wenige Tatsachen mitgeteilt. Aus eigenen Mitteln hatte der Hilssverein bis zum Abschluß unseres Berichts für die Linderung der Notlage der Juden des Ostens 7 Millionen Mark ausgegeben. Durch seine Vermittlung wurden von ausländischen Organisationen und Einzelpersonen, die uns ihre Mittel anvertrauten, weitere 70 Millionen Mark weitergeleitet. 77 Millionen Mark, ausgezahlt in kleinen Beträgen von zehn bis zu wenigen hundert Mark; man vergegenwärtige sich die Fülle von Arbeit und Verantwortung. Man vergegenwärtige sich auch die Fülle von Segen und Glück, die hierdurch geschaffen wurden. Briefuttto Nachrichteüvermittluwg. Um die getrennten Verwandten, Eltern und Kinder, Ehegatten u. a. wieder miteinander in Verbindung zu bringen, wurde eine Brief- und Nachrichtenvermittlung allergrößten Stils eingerichtet. Die Einzelheiten dieser gewaltigen Organisation übergehe ich hier. Es mag nur erwähnt sein, 'daß wir 550 000 Briese und- Einzielanfragen vermittelt haben. Unser Bureau wurde dabei unter Zustimmung der deutschen Regierung als die Zentralstelle für diese Arbeit betrachtet, auch für Briefe an Nichtjuden. Die Botschaften und' Konsulate fremder Staaten bedienten sich unserer, ebenso die deutschen Behörden, das Rote Kreuz des Inlands und Auslands, die ausländischen Banken und die ausländischen und inländischen Vereine. Für den Umfang der Arbeit eine Stichprobe: In einem Tage erhielten wir allein 2300 Briefe, darunter 900 eingeschriebene Sendungen. Weiter kam unsere Tätigkeit für die schwierig gewordene 'Auswanderung, die Vermittlung von Schiffskariten, von Geldern zu diesem Zwecke, die ebenfalls in die Tausende von Fällen ging, in Frage. Was in wenigen Worten hier gesagt ist, war nur ein kleiner Ausschnitt aus der Kriegstätigkeit des Hilfsvereins. Schulwerk. Dazu kam noch die Arbeit für unser Schulwerk. Beim Ausbruch des Krieges hatten wir rund 50 Bildungsanstalten aller Art mit 6700 Schülern und 148 Lehrern. Davon 30 in Palästina und der asiatischen Türkei mit 3000 Schülern. Die Friedensausgaben für dieses gesamte Schulwerk betrugen % Million Mark jährlich. Sofort bei Ausbruch des