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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-15 · Heft 8 (15.4.1921) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 8 (15.4.1921)
Date
1921-04-15
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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Mangelhaftem, und wir tun gut, diesen Gedanken fest in unsere' Seelen hineinzunehmen sowohl in seiner Anwendung auf den Wert der Dinge als auch auf den Wert und die Schätzung der Persönlichkeit.. In seiner Anwendung aus den Wert der Dinge, das heißt, wir müssen uns dessen bewußt halten, haß alles Große Zeit und' Reife braucht und alles Raschgewordene klein und unbedeutend ist. Alles Große braucht Zeit. Je gewaltiger eine Idee ist, je tiefer sie in das Leben der Menschen eingreist, je mehr sie in ihrem Kern geeignet ist, den Bau der Gesellschaft umzuformen oder die Struktur einer besonderen Gemeinschaft umzubauen, um so schwerer erobert sie sich die Herzen, um so stärker hat sie mit dem Beharrungs- und Trägheitsvermögen der Masse zu kämpfen. Nur das Seichte und Oberflächliche gewinnt im Handumdrehen die Gemüter. Man könnte es geradezu als ein Gesetz der Geschichte aufstellen, daß alles, was zu seiner Verwirklichung der Fülle der Zeit bedurfte und in schwerem Kampf erobert werden mußte, darum und nur darum zur Größe emporwuchs, und was von der Masse sofort und im flammenden Rausch der Begeisterung angenommen wurde, den verborgenen Widerständen nicht standhielt, als klein sich erwies und rasch dahinging. Wir erleben es ja, wie Ideen, die einen wirklichen Fortschritt bedeuten, in jahrhundertelangem Ringen nur mühsam, Schritt für Schritt, vorwärtskommen; man denke z. B. an das langsame Reisen des Friedensgedankens, an den durch Jahrhunderte oft nur einen Schritt vorwärts machenden Gang der Verwurzelung der jüdischen Denkart über Gott und Mensch in den Herzen der Menschen. Und zugleich waren wir Zeugen dessen, wie vieles, das unter dem Eindruck eines plötzlichen Geschehens als Neues cmporkam und scheinbar die Struktur der Gesellschaft und des Volkskörpers änderte, sehr rasch dahinschwand. Es ist eben so, alles Große braucht Zeit, und nur Zeit reift das wahrhaft Große, und alles Rasche bleibt klein. Es soll daher niemand zagen, wenn er in seinem persönlichen Leben und im Gemeinschaftsleben täglich sieht, wie langsam der Aufstieg ist; selbst ein so Gewaltiges, wie den Auszug aus Aegypten, hält die Bibel, weil er nicht aus dem langsamen Wachstum des Gerechtigkeitsgedankens kam, sondern aus dem Wunsch des Aegypters Nach rascher Erlösung von seiner Beschwernis, fest unter dem Bilde des ,-des Brotes des Elends". Nicht nur in ihrer Anwendung auf den Wert der Gedanken und Dinge muß uns diese Erkenntnis ins Herz geschrieben sein, auch in ihrer Anwendung auf den Wert der Persönlichkeit. Groß sein heißt Zeit haben, nur der Kleine hat immer Eile. Klein ist, wer das Eilen an sich trägt, er denkt nicht über sich hinaus. Für s i ch will er alles, Freiheit und Fortschritt der Menschheit, Freiheit seines Volkes oder seiner Glaubensgemeinschaft, bessere soziale Schichtung. E r will es sehen, und darum quält ihn die Kürze des Lebens, und er eilt und jagt und rennt und möchte durch sein Eilen und Rennen gern den Gang beschleunigen; es erscheint ihm unerträglich, daß e r nicht Anteil haben solle an dem Neuen, das kommen wird: das eben ist klein gedacht. Groß ist, wer nicht an sich denkt und eben darum das langsame und organische Reifen ungestört sich vollziehen läßt. Wer wirl.ich groß ist, der lebt nicht nur in seiner Gegenwart, sondern mehr in der Zukunft, der betrachtet sich als den Vorbereiter und Erbauer kommenden Glücks, der denkt über sich hinaus für seine Enkel und lebt in ihrem Leben. Wer groß ist, muß Bäume pflanzen können mit dem heiteren Verzicht auf ihre Frucht, mit dem Bewußtsein, daß die Kronen dieser Bäume erst späteren Geschlechtern Schatten spenden werden. Er .muß den Glauben an die Gesundheit und Vollkraft der. Menschheit und seiner Gemeinschaft haben, die, ob er auch manches an ihr zu tadeln hat, doch über ihn hinauslebt und langsam wächst. Er darf nicht fragen, was ist heut zu erreichen, sondern, was ist heut zu tun, damit das Ziel einst erreichbar sei; er darf dem Augenblick nur leben, soweit seine Pflichterfüllng in Frage kommt, und nicht, wo seine Erwartung in Frage kommt. Das sind Gedanken, die in uns emporsteigen, wenn wir jene alte Begründung in ihrer Tiefe durchdenken, und so wird das Gedenken an die Vergangenheit fruchtbar und schöpferisch in unserem Leben und wird zu einem bleibenden Wert; so ist's auch verständlich, wenn das Bibelwort: „Sieben Tage sollst du Mazzot essen, Brot des Elends, denn in Eilfertigkeit zogst du aus aus Aegypten", abschließt mit den Worim: „damit du gedenkst des TageS deines Auszuges ags dem Lande Aegypten alle Tage deines Lebens." Wochenschau. Berlin, 11. April. Die frühere deutsche Kaiserin Auguste Viktoria ist heute früh 6 Uhr an Herzschwäche gestorben. Die Trauerfeier für die Kaiserin wird am künftigen Sonntag im Haus Doorn stattfinde«. Die Beisetzung der Entschlafenen erfolgt am Dienstag, den 19. d. M., in Potsdam. Mit dem Tooe der Kaiserin Auguste Viktoria vollendet sich ein Menschenschicksal, das wahrhaft ergreifend und tragisch wirkt und allen Teilen des deutschen Volkes achtungsvolle Teilnahme abringen muß. * Die Ger»eralversannnl««g des Hilfsveveins der Deutschen Juden. i-m 4. d. M. fand unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon die statutenmäßige Sitzung des Zentralkomitees und die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Berlin statt. Der Vorsitzende hielt vor Eintritt in die Tagesordnung des Zentralkomitee einen warmen Nachruf auf das dahingeschiedene Zentralkomiteemitglied Geh. Medizinalrat Prof. Landau. Herr Dr. Bernhard Kahn erstattete daraus in kurzen Zügen den Geschäftsbericht. Dem aus dem Vorstände wegen Arbeitsüberlastung ausgeschiedenen Geheimrat Timendorfer widmete der Vorsitzende herzliche Worte des Dankes für seine wirksame Mitarbeit seit Begründung des Hilssveveins. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die enge Verbindung mit der Großloge für Deutschland auch in Zukunft durch Eintritt eines weiteren geschätzten Logenmitgliedes, Herrn Kommerzienrat Maximilian Stein, in das Zentralkomitee aufrechterhalten bleibe. Auch Herrn Dr. Bernhard Kahn, dem Generalsekretär des Hikfsvereins, der am 1. April aus demselben ausscheidet, drückte der Vorsitzende wärmsten Dank für feine in 18jähriger Wirksamkeit geleisteten Dienste aus. Wenn der Hilfsverein heute eine angesehene Stellung nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt einnehme, sei das nicht zum geringsten den Verdiensten des Herrn Dr. Kahn zuzuschreiben, der unter Aufbietung all feiner Fähigkeiten und Kenntnisse, unter Nichtachtung seiner Gesundheit jederzeit getan habe, was ihm sein Pflichtgefühl und sein Herz zur Linderung der Leiden der Juden vorgeschrieben haben. Herr Dr. Kahn trete jetzt in leitender Stellung in den Dienst des amerikanischen Joint Distribution Committee und werde künftig größere Ausgaben zu erfüllen haben, als sie gegenwärtig die deutsche Judenheit leisten könne. Herr Dr. Kahn habe verstanden, in allen Ländern persönliche Beziehungen anzuknüpfen und zu erhalten, er habe sich in jahrzehntelanger Tätigkeit auch im Osten eine angesehene Stellung und viel Beliebtheit erworben; bei den Hilfsaktionen, die er dort ausgeübt hat, hat er sich ein dauerndes Monument gesetzt. Die Verbindung mit Herrn Dr. Kahn, der sich hauptsächlich dem Flüchtlings- und Emigrationswerk widmen wird, bleibe von großem Werte auch für den Hilfsverein. Eine der Hauptaufgaben des Hilfsvereins

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