Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1921)
- Date
- 1921-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Bum Peffachfeste. Von RabLiner Dr. Dienernann IjlUJuU* Osfenbach a. M.). — Woche n s ch a u. — Saul Horovitz. Von- I. Elbog-en. — Wie es cm Sinai im I»ahve 54 n. Ch. aussah. Von Dr. S. Aschner (Berlin). — Die jüdische Bühne. Von Samuel M e i s e l s (Wien)-. iSchlntz^ — Feuilleton: Spielgefährten in Aegypten. Von E l m a E h r l i ch - L e v i n g e o. Aus dem Englischen übersetzt von Bianca Katz. — Pessach. Gedicht von Z. Linskh (Abusamuel). — L i terari s ch e Mitteilungen. — Drucks eh l e r b e r i cht i g u n g. Ter Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Iudenrums"^ Berlin, Berlin-Weitzensee, Breslau, Kolberg, Magdeburg. Frankfurt a, M. — Von Nah u n d Fern. Lum Kkflschkeftk. Von Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach a. M.). n jedemPessachlfiest versucht man es von neuem, für sein sichtbares und deutlichstes Symbol, das ungesäuerte Brot, die Mazzot, eine Erklärung zu finden, und gewahrt dann zu seiner Ueberraschung, daß es eiinlem nicht restlos gelingt, daß man eine eindeutige Erklärung des Brauches, seine innere Begründung und die Benennung des religiösen Zieles, dem er uns entgegenführen soll, nicht zu geben vermag. Das liegt in der Hauptsache au der ganzen veränderten Form des Denkens. Früheren Zeitaltern war es zu eigen, sich nicht zu begnügen mit der in der Bibel gegebenen geschichtlichen Anknüpfung an irgendein Ereignis, sondern all die frommen Bräuche vernunftgemäß zu erklären, eine Deutung ihres Sinnes zu versuchen, festzustellen, zu welchen religiösen Empfindungen und Handlungen sie uns hinzusühren geeignet wären, in der Hoffnung, durch solche sachgemäße Begründung sie lieber und werter zu machen, die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit zu vertiefen und den-Willen zum Festhalten an ihnen zu steigern. Man mußte da allerdings oft mehr in sie hineinlesen als aus ihnen herauslesen. Wir sind nach unserem gegenwärtigen Denken dazu weniger geeignet, wir wissen, es gibt kerne eindeutige Erklärung für einen überlieferten -frommen Brauch, wir fassen ihn überhaupt nicht rein verstandesmäßig aus, wir denken wieder ein wenig naiver, fassen sie aus als Symbole der inneren Einheit des Gemeinschaftskörpers, als Ausdruck eines über alles Aussprechliche hinausgehenden gemeinsamen Rhythmus des Empfindens. Solche Wertung als Symbol hat, ob ihr gleich etwas Unerklärbaves anhastet, doch mehr für sich als die mehr oder minder gekünstelte vevstandeSmäßige Auslegung und an die Vernunft sich wendende Erklärung. Alles, was sich durch das Aussprechen an unseren Verstand wendet, leidet unter dem nie zu verwischenden Mängel, daß das Denken der Menschen nicht gleichmäßig ist: was der eine versteht, bleibt dem andern noch unklar, und was dem einen ausreichend erschein^ erscheint dem andern als unzulängliche Begründung; wir Menschen sind ja verschieden an Denkart und Verstandeskrast Aber in allem Symbolischen verwischen sich die Scheidewände, die die Verschiedenheit des Wissens, der Erziehung, der Denkkrast unter den Menschen aufrichten; das Symbolische vereint. Nredrrgen, den Reinen mit dem Sünder, und es entsteht jener harmonische Rhythmus des Empfindens, jenes Gleichmaß der Schwingungen der Seelen, in denen eine Gemeinschaft fester und sicherer verankert ist als in jeder noch so tief schürfenden zielstrebigen und sachgemäßen Erklärung. So ist es denn an sich das Beste, an den Mazzoth sich zu freuen in jener harmlosen und naiven Weise, die sie hinnimmt als einie nnerNärbare uralte geschichtliche Erinnerung, bei deren alljährlichem Wiederaufleben geheimnisvoll zugleich das starke Fühlen vergangener Geschlechter wieder Leben gewinnt. Erklären, begründen also kann man kaum, aber was man kann, das ist, daß man der Begründung neues Leben verleiht, die in der Bibel selbst gegeben ist, zeigen, was ein Mensch von heut sich denken mag, wenn er sie hört. Die Begründung dev Bibel für das ungesäuerte Brot heißt: „Sieben Tage sollst du Mazzoth essen, das Brot des Elends, denn in Eilfertigkeit zogst du aus aus dem Lande Aegypten." Die Begründung ist jedermann bekannt, sie knüpft an die Umstände an, unter denen die Kinder Israel aus Aegypten auszogen. Die Aegypter verlangten schließlich so stürmisch * den Abzug der von ihnen bisher so arg geknechteten Israeliten, sie waren so stürmisch bereit, ihnen die Freiheit zu geben, daß jene nicht einmal Zeit hatten, ihr Brot, das sie zur Wegzehrung mitnchmen wollten, ansgaren zu lassen. Alljährlich zieht die Erinnerung daran zu uns ein; wir lesen den Satz, ohne besonderen! Inhalt in ihm zu finden, aber eines Tages fällt er einem auf, man denkt tiefer über ihn nach, findet ihn zuerst unverständlich, und aus dem Nichtverstehen wird ein neuer Sinn geboren. Das Wort ist schwer verständlich, nämlich: Ist der rasche Auszug aus Aegypten von unserem Standpunkt aus erwünscht oder unerwünscht gewesen? Jeder wird antworten: erwünscht. Wie hat man dann das Recht, das Brot, das an diesen erwünschten Vorgang erinnert, „Brot des Elends" zu nennen? Ja, wenn es noch widerspiegelte das Brot, das man in der Knechtschaft aß, dann könnte man es Brot des Elends nennen, aber das Brot der Freiheit, und sei es noch so bitter und noch so unvollkommen, kann das je Brot des Elends heißen? Nun heißt es aber so, und eS soll also in der Erinnerung an jenen uns sonst so willkommenen Vorgang irgend etwas von Unliebem Mitschwingen. Die Eile, selbst bei einem Ereignis, das in seinen Folgen die ganze Existenz Israels, also unsere eigene Existenz, begründet hat, erscheint als anstößig, als etwas, das dem Vorgang etwas von seinem Werte raubt. Hier werden wir hinausgehoben über den einzelnen Vorgang, und es wächst in uns der Gedanke empor, daß in allem, was uns angeht, die Eile und das Rasche etwas Unvollkommenes im Gefolge hat. Das schwingt also mit dem Bibelverse, der das Gebot der Mazzoth begründet, mit; er wendet sich gegen alles Eilige, Ueberhastete und Unvorbereitete und stempelt es zu etwas Unvollkommenem und 85. Iubrgsng. Nt. 8 Berlin, 15. Hpril 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vier zehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32H. Begründet von Nsddiner Dr. Ludwig Pbilippfon Vcrlafl: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. es verbindet Kluge mit Törichten^, Reiche mit Armen, Hohe mit