Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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zürückzuführen ist. In «diesem Falle sorgt die Schnlpflegerin für geeignete ärztliche Behandlung und veranlaßt nach Möglichkeit eineü Ferienallsenthalt in einem Kurort oder die Zuweisung von Lebensmitteln. Die Schulpflege erweist sich immer mehr als ein notwendiges, ergänzendes Erziehungsmittel. Der Jüdische Frauenbund beabsichtigt, seine Arbeit auf diesem Gebiete immer weiter auszubauem -fe /fe Berlin, 29. März. Die große Zahl der Berlin Passierenden Auswanderer Russisch-Polens, die nach Amerika und Palästina gehen, hat den Jüdischen Frauenbund veranlaßt, einen Bahnhofsdienst einzurichten, der später vom Jüdischen Arbeitsamt übernommen wurde. Die Zahl der Auswanderer, welche Berlin passieren, übersteigt täglich hundert, darunter mehr als die Hälfte Frauen und Kinder. Diese Auswanderer müssen -in Berlin die Pässe wechseln und werden während des mehrstündigen Aufenthalts von dem jüdischen Bahnhofsdienst betreut. Zum Ausbau der erforderlichen Organisation, die im Anfang vom Frauenbund ausschließlich auf dem Schlesischen Bahnhof eingerichtet wurde, hat sich das Jüdische Arbeitsamt mit den größeren jüdischen Jugendorganisationen in Verbindung gesetzt und eine große Anzahl von Helfern und Helferinnen gewonnen, welche sich zu regelmäßigen Dienstleistungen verpflichtet haben. Die Arbeitszeit der Helfer richtet sich nach der Ankunft und Abfahrt der Züge und liegt meist in den Nachmittags- und Nachtstunden. Die Helfer lösen sich während dieser Zeit mehrmals ab. Der jüdische Bahnhofsdienst erteilt den Durchwanderern alle erforderlichen Auskünfte. Bei Ankunft des Zuges werden die Ankommenden aus dem Bahnhof gesammelt und in einen besonderen Unterkunstsraum gebracht. Hier werden die. Pässe geprüft, bas Gepäck ausbewahrt' und ben Durchwanderern bei der Lösung weiterer Fahrkarten die erforderliche Hilfe gewährt. Die Auswanderer erhalten in ihrem Unterkunstsraum Lebensmittel, die von der amerikanischen Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt werden. Selbstverständlich wird dafür gesorgt, daß die Auswanderer nicht von fremden Elementen ausgebeutet werden. Schon tn .den Grenzstationen werden die Auswanderer durch geeignete Flugblätter m jüdischer und deutscher Sprache auf den Bahnhofsdienst in Berlin aufmerksam gemacht. An den deutschen Grenzstationen Schneidemühl, Kattowitz, Danzig und Löhne sind ähnliche Einrichtungen in kleinerem Maßstabe getroffen worden. Leider steht dem Bahnhofsdienst immer noch nicht eine genügende Anzahl von Helfern und Helferinnen zur Verfügung. Es ist dringend zu wünschen, daß die Organisation den notwendigen Ausbau bald vornehmen kann. Die Einrichtung einer Hilfsstelle auf dem Steftiner Bahnhof, den die von Danzig kommenden Züge passieren, ist geplant. Berlin, 29. März. Die Freie jüdische Vvlkshochs ch u l e eröffnet «ihr achtes Trimester am 11. April wieder ruck einer Reihe interessanter Vorlesungen. Besondere Aufmerksamkeit wird ein Vv'r.triaigisAhkliu's finden über die „Strömungen im Judentum der Gegenwart". Es soll hier jede der verschiedenen Richtungen durch eineni'h'rer prominenten Verbrecher dargestellt werden. Ferner seien genannt: Rabbiner Dr. B'Ieich'r ode : Einführung, in d'ie Kabbala/ Dr. Herlitz: Aus dem Leben der -deutschen Juden im Mittelalter, R. Hirschfeld: Aus dein inneren Leben der deutschen Juden -im, 19. Jahrhunderit, Rabbiner Dr. Hochseld: Probleme«der relig'i'ösen Erziehung, Dr. Greg. Jtelsvn: Spinozas Ethik, Dr. Jtelson: Optimismus Und Pessimismus firt der jüdischen Weltanschauung, Dr. Jacobson: Geschichte der deuffchm Juden iin Zeitalter der Emanzipation,, Rabbiner Dr. Loevy: Der^ Jude und sein Vaterland, Rabbiner Dr. Lö Mentha l: Sichten und Gebräuche im jüdi-: schon Volksleben, Tr. S t r a N h : Zionismus, E. T v e p -l i tz : Jü-: dische Kunstdenkmäler, Toe Plitz: Praktische Hebungen zur Ein-' führung in die jüdische Kunst, Frau S. W r o n s k h : Jüdische Frauengestalten in ihrer Bedeutung für unsere Erziehung. •fe & Berlin, 29. März. Der Lehrer Emil F l a n ch e r , der, wie. von uns bereits mitgeteilt, im 61. Lebensjahre verstorben ist, wurde am 16. d. M. unter starker Beteiligung weiter Kresse zur letzten Ruhe bestattet. Der Heimgegangene gehörte mehr als. ein Vierteljahrhundert dem Lehrkörper unserer Gemeinde an. Er wirkte vorher dreizehn Jahre als jüdischer Lehrer in Gollub (Westpr.). Der Verstorbene gab längere Jahre die Zeitschrift „Israelitischer.Jugendfreund" heraus und hat auch einige.gute Jugendbücher, Unterhaltungs- und Bolehrungsstoff für die jüdische Jugeüd, geschaffen. Gemeinsam' mit. Dr. Spanier (Magdeburg) gab er den.„Wegweiser für.den jüdischen Religionsunterricht" heraus, der besonders den jüngeren Lehrern wertvolle Winke für eine moderne und praktische Handhabung dieses Stoffgebietes gab. Die Jüdische Gemeinde hat einen bewährten Jugenderzieheb, ^die jüdische Lehrerschaft einen allzeit hilfsbereiten, allgemein beliebten Kollegen in dem Verstorbenen verloren. — Königsberg, 25.März. Die Wahlen zur Repräsentant e n v e r sa m m l u n g der Jüdischen Gemeinde haben hier durch eine Verständigung zwischen den beiden in Betracht kommenden Parteien ihre Erledigung gefunden. Zwischen dem Jüdischen Gemeindeverein, der alle nichtliberalen Gruppm, Mittelpartei, Zionisten und Orthodoxie, vereinigt, und den Liberalen wurde eine Verständigung dahin herbei geführt, daß der durch die Wahlen 1918 geschaffene Besitzstand gervahrt bleibt; danach erhalten die Gruppen des Gemeindevereins 17, die Liberalen 11 Sitze. Die sechs Vakanzen wurden durch einen Mittelparteiler, einen Vertreter der „Alten Synagoge", der die Mehrzahl der hiesigen Ostjüden angehört, einen Orthodoxen, zwei Zionisten und einen Liberalen besetzt. Da somit nur ein gemeinsamer ' Wahlvorschlatz eingereicht war, findet nach dem für unsere Gemeinde bereits geltenden Proportionalwahlshstem ein Wahlakt nicht statt. 8. Memel, 25. März. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach unser Rabbiner Dr. L a z a r u § über das> Thema: „Ein lachender Dichter des Judentums". In dem Trauergang, den Israel in der Weltgeschichte zu schreiten hatte, durch all die ungerechten Unbilden des Daseins einst und jetzt, hat oft der köstliche jüdische Humor dem Leidenden über manche Misere hinweggeholsen, eingedenk des alten Psalmwortes: „Warum toben Völker., Nationen sinnen Eitles? ... Der im Himmel thronet, lächelt, der Herr verspottet sie." Immanuel aus Rom (1270 bis 1330) ist allerdings nicht ganz zutreffend „der Heine des Mittelalters" oder auch der „jüdische Voltaire" von der Nachwelt genannt worden. Außer sehr ernsthaften exegetischen Schriften und Kommentaren zu fast sämtlichen Büchern der Bibel, lag seine Bedeutung hauptsächlich in der leichtgeschürzten Dichtung. Mit Verwunderung erblicken wir die hebräische Muse, die sonst immer so keusch und würdevoll austritt, die auch dann, wenn sie die Liebe mit der sinnlichsten Glut preist, wie im Hohenliede, ihr den Adel innerer Herzensweihe aufdrückt — wir sehen sie bei Immanuel leichtfertig umherschreiten, die lüsternen Blicke hemussordern und die Nacktheit nicht scheuen. Immanuels Divan ist eine Sammlung der zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Stimmungen entstandenen Gedichte, Makamen, Novellen, Epigramme, ja sogar auch Gebete, 'die aber alle einen humoristischen Gründen haben. Wir blicken in einen verzerrenden Hohlspiegel, wenn wir die Dinge dieser Welt in der Beleuchtung anschauen, in der sie der Witz Immanuels zeigt. Die verschiedensten Dichtungsformen sind in den 28 Pforten seines Buches in bunter Mischung geteilt. Allein der letzte Abschnitt seines Werkes ist besonders geeignet, lebhaftes Interesse zu erwecken: die 28. Pforte ist nämlich unter dem Einfluß von Dantes „divina Commedia* entstanden und schildert gleichfalls einen Besuch im Paradies und in der Hölle. Immanuel (Manoello) war mit Dante befreundet. Während Dante eine unsterbliche göttliche KoMödie schuf, dichtete Immanuel eine menschliche. An humanem Geist jedoch sind aufgeklärter Gesinnung übertrifst der Jude den'kirchlichen Homantiker Dante. In Immanuels Parädies finden auch die Frommen aller Nationen, auch der Heiden, 'Platz, denen Dante den Eintritt verwehrte. Im Dichterhain des/Judentums und in der Kulturemwicklung der hebräischen Poesie nimmt Jmmanüel einen heiteren Platz ein, seine fast einzigartige satyorsch-sarkastische Muse ist in sc ltener hebräischer Sprachgewandtheit abgefaßt ünd von sittlichem Ernst getragen. — Der Vortragende hatte ein anschauliches Bild dieses Dichters entworfen, belegte seine Darlegungen mit vielen Proben des sinnreichen Witzes nach den vorzüglichen Uebersetzungen von Geiger und Livius Fürst und erwarb sich so den Dank der Literatursreunde, einen namhaften heiteren Dichter aus dem -klassischen Italien des Mittelalters vergegenwärtigt zu haben. - -;• r. Breslarr, 25. März. 'Im Alter von naheM-77-.JahrepM am Sonnabend der frühere langjährige Breslauer Stadtrat und tlmversitätsprofessor, Stadtältester Dr. Ernst Fraenkek. qus dem Letzen ' geschiedenein um die ärztliche Kunst wohlverdi'Mer Manndev Ich auch im Ehrendienste der Stadt Breslau große-Verdienste erworben hat. Sein Hinscheiden wird deshalb nichtnur in, den Ipei'tenKreifen seiner früheren Schüler, die er in die Wissenschaft der-Gynäkologie eingeführt, und. Nicht nur von den vielen Krankendenen seine liebevolle sachkundige ärztliche Behandlung Linderung, ihrerLeidem'nnd volle Genesung gebracht hat, sondern von der ganzem Bürgerschaft