Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. [Jahrgang. Nr. 7 Berlin, 1 Hpril 1921 Veklage zur „A llsemeinen Lettung deK Iudentum§". Korrrspondru?rn und Aachrichttn. DrutschlanÄ. Berlin, 29. März. Eine überaus erhebende Feier lv-ar es, die die Mitglieder der Chewra Kadischa Groß-Berlin am 17. d. M. (7 Adar) in den festlich geschmückten Räumen der Loge vereinte. Eingeleitet wurde der Tag durch einen Rundgang und die Verrichtung der rituellen Gebete auf dem Friedhofe in Weißsnsee. An der Ehrenreihe der Gräber angelangt, hielt Rabbiner Dr. Link am Grabes- Hügel Dr. Eschelbachers, des Gründers der Chewra Kadischa, eine ernste Friedhossbetrachtung. Anknüpfend an das Wort der Schrift: „Einen Erdenaltar sollst du mir machen und darauf deine Ganz- und Freudenopfer darb ringen", bezeichne te .Redner das große Totenfeld als einen Erdenaltar, auf dem wir nur allzu häufig unser. Teuerstes, was unser Ganzes und unsere Freude war, aus Gottes Befehl hingeben -muffen. Uebergehend auf das Wirken Tr. Eschelbachers innerhalb der Chewra Kadischa schilderte Dr. Link, wie derselbe als ein ganzer. Mann, voll edler Männlichkeit und hohen Geistes der Stolz der Chewra Kadischa gewesen. Getragen von den lautesten Grundsätzen, deren idealste Verkörperung er in der stillen, selbstlosen Tätigkeit der Chewra Kadischa erblickte, wird dessen gefeierter Namen mit der Berliner Chewra Kadischa für alle Zeiten unauflöslich verknüpft sein. — Mittags 1 Uhr fand in der Synagoge die Seelengedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder statt. Das um 7 Uhr abends stattgesündene Brudermahl erösfnete Herr Rabbiner Profesfoir Dr. Ban-eth mit einer herzlichen Begrüßung der Festteilnehmer und hielt hierauf eine der Bedeutung! des Tages entsprechende Rede, die, gewürzt mit trefflichen Auslegungen zahlreicher Bibel- und Talnuidstellen, reichen Beifall fand. Nachdem Herr W v l p e die Vertreter der Friedhofskommission in warmen Worten willkommen geheißen, sprach Dr. Ellenbogen über das schöne Zusammenwirken der Chewra Kadischa mit der Friedhofskonnnission, deren Tätigkeit innerhalb der Gemeinde die rückhaltloseste Anerkennung findet. Im Namen der Eh rendamen der Frauen-Chelvra dankte Frau Therese Rittler Herrn Rabbiner Tr. Link, der in seiner Rede die edle Art in der emsigen Liebestätigkeit der weiblichen Mitglieder tobend hervorhob. Die innigen und herzlichen Worte dieser Dame lösten allgemeine Zustimmung aus. In gewohnter Meisterschaft sprachen dann die Rabbiner Dr. P e t u ch o w s k i und Dr. L ö w e n t h a l, ferner namens des Vorstandes Herr Adolf Prager und Herr Joseph Chaim über den Frieden innerhalb der Chewra«, Uw rauf dann Fabrikant Siegfried Weinbaum im Namen sämtlicher Anwesenden für die Veranstaltung der schönen und unvergeßlichen Feier dem Vorstände' krankte. Ten gesanglichen Teil des Abends besorgten die Herren Kantoren K a tz - C o h n und S a p hi r st e i n in vorzüglichster Weise. Erst gegen Mitternacht trennten sich die Teilnehmer in dem angenehmen Bewußtsein, einer erhebenden, von echt jüdischem Geiste getragenen Feier beigewvhnt zu haben. E. M. Berlin, 29. Rtürz. D e r V e r e i n s ü r Ferienkolonien jüdischer Kinder hat in seinem letzten Arbeitsjahr 682 Kinder in seinen Kolonien betreut, darunter 391 Knaben und 291 Mädchen. Die Unterbringung so vieler Kinder hat sehr große Schwierigkeiten verursacht- Erst nach langen Verhandlungen mit dem holländischen „Komitee für die Versorgung jüdischer Kinder aus Deutschland" gelang es dem Verein, außer in seinen eigenen Heimen in Elmen, Misdroy und Hirschberg auch in Segeberg Kinder unterzubringen. Im Spätsommer gelang es, -eine Anzahl Kinder nach Dänemark und der Schweiz zu schicken. Die große Notlage der jüdischen Kinder veranlaßte den Verein, zwei seiner Heime (Elmen und Hirschberg) auch im Winker offen zu halten. Diese Einrichtung soll beibehalten werden. Die Ausdehnung seiner Arbeitsmöglichkeit verdankt der Verein zum großen- Teil den jüdischen Komitees in Holland, Dänemark und der Schweiz, besonders aber den amerikanischen Logen des Ordens Bne Brith, welche durch die Grohloge für Deutschland U. O. B. B. größere Mengen hochwertiger Nahrungsmittel zur Verfügung stellten. Die erzielten Resultate waren sowohl in den Sommerkolonien. als auch bei den Winterkuren sehr erfreulich. Die durchschnittliche Gewichtszunahme betrug 5 Pfund, doch kamen auch Fälle vor, "in denen die kleinen Schützlinge.10 bis 15 Pfund zugenommen haben. Das neue Jahr stellt dem Verein für Ferienkolonien jüdischer Kinder besonders große Aufgaben. Es gilt jetzt die Versorgung derjenigen Kinder, die kurz vor dem Ausbruch des Krieges geboren sind und bisher nur sogenannte „Kriegskost" gekannt haben. Hier ist eine hochgradige Unterernährung mit allen ihren verheerenden Folgen zu beobachten. Hoffentlich gelingt es dem Verein, die für feine umfassenden Pläne erforderlichen Mittel auszubringen, um wiederum eine segensreiche Tätigkeit zu entfalten. Berlin, 29. März. Unter 'der Leitung der Vorsitzenden, Frau Emilie Mosse, fand kürzlich die Generalversammlung des Vereins Mädchenhort statt. Der zweite Vorsitzende, Stadtschulrat a. D. Geheimrat Dr. H. Fischer, erstattete dem Jahresbericht. Der Verein unterhält jetzt 27 Anstalten, in denen 1412 Kinder, deren Mütter außerhalb des Hauses arbeiten müssen, innerhalb der schulfreien Zeit beaufsichtigt, erzogen und gespeist werden. In Erholungsaufenthalt kamen 953 Kinder; davon wurden 359 aus der Sammlung des „Berliner Tageblatts" verschickt. Außer dem Ferienheim des Vereins in Dyrotz richteten die Horte 3 und 21 eigene Ferienkolonien in Zingst und Zinnowitz ein. Verschiedene Sendungen von Lebensmitteln, kondensierter Milch und Fett aus Nordamerika und Argentinien erleichterten die Speisung der Kinder. Auch Kleidungsstücke sandte Amerika. Zu Weihnachten wurden die Kinder durch Gönner des Mädchenhorts beschenkt. Von den 61 konfirmierten Mädchen gingen 18 in häusliche Dienste, 16 besuchten Haushaltungs- und Handelsschulen, 12 traten als Lehrlinge in Kontore und Vertäufsgeschäste ein, 8 erlernen ein Handwerk, 5 gingen in die Fabrik, 2 kamen aufs Land. Ten Kassenbericht erstattete in Vertretung des Schatzmeisters Stadtrat Selb erg. Die einmaligen und jährlichen Beiträge der Mitglieder betrugen 107 695 Mark, der Zuschuß der Stadt Berlin 101 000 Mark. Die Gesamteinnahmen und -ausgaben balancierten mik 279 917,96 Mark. Das Ergebnis der Vorstandswahlen war folgendes: Der bisherige Vorstand wurde durch Akklamation wiedergewählt, nur an Stelle des ausscheidenden ersten Schriftführers. Justizrats Meyer, wurde Justizrat Levin-Träger gewählt. E. M. Berlin, 29. März. Die Ortsgruppe Berlin des Jüdischen Frauenbundes betreibt seit einiger Zeit die Schulpflege. Sie hat ihre Arbeit in den beiden Mittelschulen der Gemeinde, der Knaben- und Mädchenschule, ausgenommen und dann auf einige Religivnsschulen ausgedehnt. Diese Schulpflege soll sich nicht in erster Reihe mit den sozialen Verhältnissen der Kinder beschäftigen und keineswegs ein Korrelat der Armenpflege darstellen, ihre Aufgabe besteht vielmehr in der erzieherischen Beeinflussung der Kinder, insbesondere in sorgfältiger Beobachtung der schwer erziehbaren Kinder, denen im Rahmen der Schnlerziehnng etwa nickst genügende Aufmerksamkeit zuteil werden kann. In der im Schulhause eingerichteten Sprechstunde führen die Lehrerinnen der Schulpflegerin die Kinder zu, bei denen sie die Einwirkung in bezug auf das Betragen oder die Fortschritte wünschen, so zum Beispiel, wenn für auffallende Veränderungen kein ersichtlicher Grund festznstellen ist. Znm Wirkungskreise der Schulpslegerin gehört vor allem die Beeinflussung solcher Kinder, die sich durch Lügenhaftigkeit, Unsauberkeit oder kleine Unredlichkeiten bemerkbar machen. Tie Schulpflegerin beobachtet dann das Kind- und sucht durch Hansbesnchie die Verhältnisse im elterlichen Hause kennenzulernen, um auf die Eltern, besonders auf die Mutter, Einfluß zu gewinnen. Wenn diese häuslichen Besuche ergeben, daß eine Hilfe im Elternhause einsetzen muß, so wird versucht, nach Möglichkeit Abhilfe zu schaffen. Wenn die Mutter krank, ist, wirdfür Hauspflege oder die Heranziehung von Verwandten Sorge getragen. Wenn das Kind durch Hausarbeit oder andere berufliche Beschäftigung zu sehr belastet ist, wird versucht, Abhilfe zu schaffen. Die Schulpflegerin bemüht sich, bei Fällen von Unredlichkeit oder Unsauberkeit das Ehrgefühl zu wecken und durch den Verkehr mit der Mutter deren Verantwortungsgefühl' für das Aussehen des Kindes zu schärfen. Eine besondere intensive Einwirkung ist bei den jugendlichen Lügnern erforderlich. Hier muH die Pflegerin mit großer Geduld und Liebe das Vertrauen des Kindes zu gewinnen suchen, um einen erzieherischen Einfluß ausüben zu können. Eine besondere Ausgabe ist die Versorgung der kranken Kinder, da manche aus Unart erscheinende Eigenschaft häufig auf einer ans gesundheitlicher Basis beruhenden Störung