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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82. seinem Werke graue, nackte Wahrheit geboten, ohne dadurch die Poesie totgeschlagen zu haben. Nur das Vorspiel, ein „Prolog im Himmel", will nicht ganz in dieses restlos realistische Drama Pasten. In. seinem Stück „Elischa ben Abuja" sucht Gordin den Kamps der modernen Weltanschauung gegen den verknöcherten Buchstabenkult im Judentum zu veranschaulichen. Der Held des Dramas ist der unter dem Namen „Acher" bekannte jüdische „Ketzer" Elischa ben.Abuja, der sich vom jüdischen Gesetz lossagte und. der jüdischen Ethik mit. der griechischen Aesthetik beikommen wollte. , Der Inhalt einiger der populärsten Dramen Gordins ist hier kurz skizziert worden, weil sie die Entwicklung des jiddischen Theaterstückes vom gemeinsten Machwerk bis zum annehmbaren modernen Drama am besten illustrieren. Vom jüdischen König Lear bis Elischa ben Abuja liegt eine Entwicklungslinie, deren Anfang das Ende der amerikanischen und deren Ende der Anfang der „neuen Schule" bedeutet. ■' VII. Die neue Schule. r Die neue Schule zeigt insofern eine andere Physiognomie, als sie mehr ein europäisches als ein amerikanisches Gepräge besitzt. Die neue Schule zieht sich immer mehr von der auf business berechneten amerikanischen Theatermache zurück, die den groben Instinkten der Masse weitgehend Rechnung trägt, und weist, von europäischen Einflüssen günstig befruchtet, einen durchaus modernen Charakter auf. Die neue Schule ist aus bewußter Gegensätzlichkeit zur alten hervorgegangen. Es wäre verfehlt, etwa von verfeinertem Geschmack oder höheren künstlerischen Bedürfnisten zu reden; die neue Schule entstand, weil man einfach der „Mode" zu huldigen begann, die in andern Kreisen vorherrschend war. lieberall wurden Anleihen gemacht: man borgte hier den „Neuton", dort die „Persönlichkeitsnote" und anderswo den „Modestil". So umgab man sich mit dem Kleid der Moderne, das beileibe nicht wie nach Maß saß. Die Werke der neuen Schule machen den Eindruck ' der wenig verheißenden Frühreife. Was früh reift, erlangt eigentlich nie die gehörige Reife. Was sich rasch und sprunghaft entwickelt, bleibt auf dem halben Wege der Entwicklung stehen. Denn jedes Ding verliert so viel an Kraft, wieviel es an Zeit gewinnt. Das ist Naturgesetz. Eine frühreife Frucht besitzt ein täuschendes Aeußere, das der Reise ähnelt, in ihrem ' innersten Kern jedoch ist und bleibt sie unreif, roh, herb und ungenießbar. So zeigen die Werke der neuen Schule äußerlich einen künstlerisch gutgegliederten Aufbau von Szenen, eine folgerecht durchgeführte dramatische Handlung, sowie überhaupt eine geschickte theatralische Technik; entfernt man indes die Schale, so kommen alle Merkmale des Hülbentwickelten zum Vorschein. . Die ersten Vorboten der neuen Schule sind nächst Gordin seine Jünger Leo K o b r in und S. L i b i n, : Sie stehen dicht neben ihrem Lehrmeister Gordin, haben aber vor ihm das voraus, daß er ihnen voranging. Gordins Stellung war ungünstiger, weil - seine Vorläufer die Goldfaden, Lateiner, Scheikewitz und Horowitz waren. Er mußte sie erst verdauen, überwinden, mußte mit ihren Traditionen brechen, um auf den neuen Weg zu gelangen. Und dieser neue Weg war seine eigene Schöpfung; er hat den Weg gesucht, gefunden, und soweit seine eigenen Kräfte' ausreichten, einigermaßen geebnet. Kobrin und Libin brauchten nur den von Gordin geebneten Weg betreten und den Milt haben, einen Schritt weiter zu gehen. Sie taten es; das ist auch, ihr einziges Verdienst. Selbständiger und kraftvoller als diese beiden tritt uns D a v i d P i n s k i entgegen. Er Hai sich durch seiy Arbeiter-' drama „Eisik Scheftel" die Würde einB erstklassigen jiddischen Dramatikers erworben. Es ist viel echte Milieukunst in diesem Drama. Das seelenerdrückende Arbeiterleben, das uns Pinski enthüllt, ist gut gesehen, richtig abgeschätzt und mit klugen Einschränkungen wiedergegeben. Eisik Scheftel ist ein Märtyrer seines Berufs. Don Natur aus mit Erfindungsgeist ausgestattet, empfindet er die rein mechanische Arbeit als eine Last, als ein niederdrückendes Joch. Sein ruheloser Geist schreit nach einem Betätigüngsgebiet. Allein Eisik muß für Weib und Kind sorgen, und von „Erfindungen" kann man nicht leben. Er rackert sich daher den ganzen Tag in Goldins Militäresfektenwerkstatt ab, und nur das Nachts sitzt er und grübelt und erfindet „Maschinchen". Zwei hat er bereits erfunden, eine Presse und eine Litzenmaschine, die sein Arbeitgeber Goldin angekauft hat — für zwanzig Rubel bar. Nun sitzt er da und arbeitet an einer dritten Erfindung. Schon drei Tage ist er nicht in der Werkstatt gewesen; diesmal geht's schwer. Goldin ist zwar Reflektant auch auf das dritte ,-Maschinchen", aber in der Werkstatt muß gearbeitet werden. Für Erfindungen, meint Goldin, ist die Nacht groß genug. Er droht, falls Eisik nicht sofort zur Arbeit kommt, den Posten durch einen anderen zu besetzen. Eisik bangt vor der Entlassung und eilt in die Werkstatt. Hier kommt.es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, wobei Eisik, in Wut geraten, die Presse und die Litzenmaschine mit den Füßen zerstampft, so daß die Stiftchen und Räd'erchen auseinanderfliegen. Zu Hause packt ihn die Reue. Er kommt sich vor, als habe er zwei seiner Kinder ermordet. War es doch seine Presse und seine Litzenmaschine! In seiner großen Verzweiflung fällt er hin, erblickt unter dem Schrank - einen Teller mit Arsenik, der für die Mäuse bestimmt ist, und ißt davon. Damit schließt das Drama. (Die Darstellung des Milieus ist echt, naturgetreu, wahr, der Schluß dagegen ist der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit.) (Schluß folgt.) Kogrom und Krieg. Schauspiel in fünf Akten. (Schluß.) Von Meta Opet - Fuß (Breslau) AussührungSrecht Vorbehalten. Rachdrucl verboten.. l i a s : Der' Rabbi? (Rust in die Küche) Leal ' ' Feldman n (an die Ksichentür tretend): Heraus mit den' silbernen Weinbechern, Fräulein Lea! Sie haben heut Arten vornehmen Gast. Der Rabbi hat sich durch mich angemeldet. Lea: Soll ich, Vater? Elias: Nimm sie heraus! (Zn den anderen): Ich wollte eigentlich heute kein Silber aus dem Tische haben wegen'der Trauer.; ■ ■ ■ ■ > F e l dm ann: Aber wenn der Rabbi kommt, da muß es doch festlich ausfehen. ' ,; ' (Loa stellt eine Anzahl silberner Becher aus. die' sie einem Schrank entnommen.) ..... - F e l dm a n n: So viele Gäste erwarten sie noch? Elias: Ich habe alle, die heute in der Herberge sind, zu mir eingeladen, wie immer zu Pessach. Zwölf Mann sollen, es sein, die werden wohl alle zugleich kommen,; . ' Feld ma nn (ans Fenster tretend): Da sind; sie ja schon. , (Während auch die anderen hinansschauen, klopft es, und zwölf Männer in Kastans . treten mit, linkischen VerbengMWem ein. Lea . weist ihnen freundlich die Plätze an, und sie. vertiefen sich in hie Haggadähs, sich verstohlen in dem Rmmr .umsehend.' Endlich fragt der Äelteste, Schmal): Fängt, man an, Reb Kröngold? ‘

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