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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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nia.u. aber derartige Reden auch außerhaW.üer Synagoge zu hören Gelegenheit hat, so fohlen sie beim Gottesdie>n>ste nicht. So kommt, es», baß Dr. Chajes bereits den dritten Monat verreist ist (er wellt in Amerika) und dadurch Mar eine empfindliche; Lücke in der Leitung verschiedener humanitärer und kultureller Anstalten besteht, denen er sich mit Feuereifer widmete, aber, die „KanzÄ" nicht als „verwüist" betrachtet werden kann. Der neue Inhaber derselben hat sich übrigens selbst einmal in einer Rode dagegen verwahrt, daß er „Gottes Wort" zu verkünden habe; das Haus sei auch kein „Gotteshaus", sondern ein Volkshaus. Der Jugendgottesdienst ist nach der Revolution anfangs wegen der unruhigen Zeit und wogen Mangels an Heizmaterial eingestellt worden. Nachdem aber die Gymnaisialschüler durch den ganzen Winter sich den Bestich eines Gottesdienstes abgewöhnt hatten, waren sie nicht mehr Kr eine Wiederaufnahme desselben zu bewogen. Im neuen Vorstand, der zu einem Drittel aus Zionisten besteht (die anderen, sind unter der nicht sehr geschmackvollen, eine gewisse Ideenarmut und religiöse Uninteressiertheit verratenden Flagge als „N i cht-I üd ischnatio na l e" gewählt worden), hat sich noch kein Führer gefunden, der das reliAöse Leben zu erwecken als seine Ausgabe betrachtet hätte. Für die Not und Armut der Gemeinde ist übrigens kennzeichnend,' daß der Oberkantor des Tempels in der Seitenstättengasse feit einem Jahre in Amerika und der Oberkantor des Tempels der Leopoldstadt seit mehreren Monaten in England weilt. Die Mazzothbersorgung wäre in diesem Jahre unmöglich gewesen, wenn nicht Großbritannien und Amerika in munifizenter Weise geholfen, hätten. Chief Rabbi Dr. Hertz hat von Südafrika aus der Israelitischen Allianz in Wien 1800 Pfund Sterling (jetzt zirka 4 Millionen deütschösterreichische Kronen!). für. die Pessachaktion geschickt, außerdem 400 Pfund Sterling an die Adresse des Oberrabbiners Dr. Ehajes; außerdem sind über 3 Millionen Kronen vom Komitee in London eingegangen, und das Joint Distribution Committee in Amerika hat für die Armen separat Mehl gesandt. Von den begüterten Glaubensgenossen in Wien (und es gibt deren, neben der Not des Mittelstandes. insbesondere der Intellektuellen, glücklicherweise eine erkleckliche Anzahl) sind durch Vorauszahlung von 200 .Kronen pro Kilogramm bisjetzt rund 6 Millionen beigetragen worden. Aber da die Gesamtaktion der in diesem Jahre von der Hauptgemeinde und der Adaß Israel („Schiffschul") gemeinsam kreierten „Mazzothversorgungsstelle" etwa 19 Millionen kosten dürste, so wird noch immer mit einem Defizit von mehreren Millionen gerechnet. Haz 0 se. Sie jüdische Sühne. Eine theatergeschichtliche Studie. <4.,Forts.) Von Samuel Meisels (Wien). U m der feminin angekränkelten Zeit gerecht zu werden, sah sich Gordin veranlaßt, den „König Lear" auch ins Weibliche zu übersetzen. Er schrieb ein vieraktiges Lebensbild: „Mivele Efroß oder Die jüdische Königin Lear". Ein Loblied aus die zu Unrecht übel beleumdete Schwiegermutter. Zugleich eine Verherrlichung des Mannweibes. Mirele Efroß ist ein Mannweib in des Wortes edelstem Sinne. Nach dem Tode ihres Gatten; übernimmt sie die Leitung der Geschäfte und bringt es durch Fleiß und Tüchtigkeit zu einein ansehnlichen Reichtum. Sie führt in ihrem Haufe ein niÄNnkch-strenges Regime, gemildert durch weibliche Nachsicht. Aber ihre Mannhaftigkeit hört bei der Liebe zu ihren Kindern auf. Als Mutter ist Mrele ganz Zärtlichkeit, ganz Opferwillitzkeit. Die Mutterliebe ist der Punkt ihrer Schwäche, aber auch ihrer Stärke — als Weib. Sie, die jahrelang in ihrem Hause mit Güte und Strenge, geherrscht hat,. tnufj vor ihrer Schwiegertochter Scheindele (Goneril) die Waffen strecken. Eine recht schwächliche Eordelia-Rolle.spielt Mireles ältester Sohn, der Pantoffelheld Jo ssele. Um das Glück ihrer Kinder nicht zu stören, verläßt Mirele ihr Haus und nimmt bei ihrem ehemaligen Geschäftsführer, einen Vertrauensposten an, um nicht Gnadenbrot essen zu müssen. Erst nach dreizehn Jahren, am Bar- Mizwa-Tag ihres ersten Enkels, kommt zwischen der Mutter und den Kindern eine überraschende, etwas grotesk wirkende Aussöhnung zustande. Scheindele bereut, Mirele verznht, und die alte Dienstmagd Machte, die den ganzen Humbug miterlebt hat, weint Tränen der Freude. Gordin blieb bei Shakespeare nicht stehen. Von dem Meister zu Stratford wandte er sich nach Jaßnajä-Poljanä, machte bei Turgenjew eine kleine Anleihe und verübte bei Grillparzer einen künstlerischen Einbruch. Er borgte überall etwas, was er dem jüdischen Theaterpublikum als noch nie dagewesene Neuheit bieten konnte. In seinem vieraktigen Drama „Die; Kreutzersonate", das sich an Tolstois gleichnamige Tendenznovelle anlehnt, behandelt Gordin das Problem der außertzhe- . lichen Mutterschaft mit neuethischer Weitherzigkeit. Ein an Turgenjews Erzählung „Asja" erinnerndes Schauspiel „Häsja die Waise" entrollt ein tragisches Lebensbild einer zur Städterin aufgestiegenen Dorfwaise. Ein Gordinsches Stück „Sappho" beginnt mit Grillparzers „Sappho" und endigt mit Kotzebues „Menschenhaß und Reue". Gordins Sappho, die eigentlich Sophie heißt und die Tochter Matthias Fingerhuts ans Odessa ist, stürzt sich nicht in rasender Liebesverzweiflung vom Leukal bischen Felsen ins Meer. Diese Sappho Fingerhut lebt nicht i allein ihrer Liebe, sondern auch der Liebe anderer. Das heißt:! sie überwindet ihre Liebe, wenn es gilt, das Liebesglück anderer zu schonen. So führt sie zum Schluß des Stückes ihren Heißgeliebten Apollon in die Arme seiner Gattin und sie selbst heiratet den Vater ihres Kindes . . . ' Das dreiaktige Drama „Gott, Mensch und Teufel", eine Glanzleistung Gordins, gehört zu dem Schönsten und Künstlerisch-Vollendetsten, was das moderne jiddische Drama anfzuweisen hat. Es ist ein soziales Faust-Drama mit einer konsequent . durchgeführten, dramatisch wirkungsvollen Handlung. Herschele Dubrowner, Thoraschreiber von Beruf, ist ein gottessürchtiger Mann. Ein edler Mensch, geheiligt durch die heilige Arbeit, die er verrichtet, lebt er in seiner Armut glücklich und zufrieden in seiner kinderlosen Ehe. Da tritt der Versucher an ihn heran in der Gestalt eines Lotteriekollekteurs, der sich ' Uriel Masik nennt und der leibhaftige Gottseibeiuns ist. Also' hie Gott, hie Teufel — und der Mensch steht zwischen beiden. Herschele unterliegt der Versuchung. Er kauft ein Los, gewinnt, und wird ein habgieriger, genußsüchtiger Mensch. Uriel Masik hetzt ihn hinein in das Leben voller Kämpfe um Reichtum, Ehre und Genuß. Herschele verliert völlig das Gleichgewicht. In Gemeinschaft mit Masik errichtet er eine Tallissabrik in Dubrowno und zwingt die einfachen Weber seiner Stadt unter das Joch der Maschine. Der grundbraven Pessie, mit der er zwanzig Jahre lang in glücklicher Ehe gelebt hat, gibt er den Scheidebricf und heiratet die blendend schöne achtzehnjährige Nichte Freide. Seinen siebzigjährigen Vater Leiser treibt er aus dem Hause, weil Leiser, der einst Hochzeitsspäßmacher war, von seiner Manier, zu singen und zu improvisieren, nicht lassen kann. So steigt oder sinkt Herschele von Stufe zu Stufe, bis er eines Tages wie aus einem . Haschischrausche erwacht und Ekel verspürt vor sich und vor der Welt. Da. nimmt er einen blutbefleckten Gebetmantel, in dem früher der blutende Körper eines von einem Maschinen - rad tödlich verletzten Arbeiters gesteckt hat, und erhängt sich an dem eisernen Kassenschrank. Goethe hat einmal den Aussprnch getan: . „Ihr wollet Wahrheit, ihr wollet Wahrhaftigkeit und schlagt dadurch alle Poesie tot." Gordin hat in

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