Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 ivelche Lewandowski *id)on fri'il), zunächst mir für die Hebung des heimischen Gottesdienstes, zu schaffen begann, erwiesen sich als eine so vortreffliche und zeitgemäße Bereicherung des Gottesdienstes, daß sich je langer desto zahlreichere auswärtige Gemeinden dieser Neuerwerbung teilhaftig machten. Heutigentags ist der Name Lewandowski ein allüberall in der jüdischen Welt gefeierter. An unzähligen Orten hat man seine Chöre eingeführt, an etlichen hat man zur Einrichtung eines verschönerten Gottesdienstes seine Persönliche Mitwirkung durch Rat und Tat erbeten. Mehrere von ihm verfaßten Sammelwerke, welche nicht nur den Chor-, sondern auch den Borbetergesang nach geläutertem Geschmack seststellen, sind außerordentlich verbreitet, und ihnem wie seinem persönlichen Unterricht in dem Seminar der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, verdanken wir zu einenr großen Teile die veredelte Singweise, welche unsere Kantoren in der neueren Zeit angenommen Haben. Dabei hat er keine von den Perlen des alten Melodienschatzes verlorengehen lassen, hat ihnen vielmehr eine tunst- und geschmackvolle Fassung, durch moderne harmonische Begleitung und teilweise durch Uebertragung auf den Chorgesang, gegeben, wodurch ihre ergreifende Wirkung verstärkt und ihnen von neuem eine dauernde Lebensfähigkeit eingeprägt worden tft2). Ueber 50 Jahre amtierte Lewandowfki schaffend und wirkend in der Berliner Jüdischen Gemeinde. Bei seinem Hinscheiden, 1894, würdigte Oberkantor Joseph Singer seine ganze Lebenstätigkeit in folgenden Worten: „So beklagenswert der Heimgang eines Mannes von der Bedeutung Louis Lewandowskis im allgeineinen auch sein nrag, angesichts dieses uns allen teuren Verblichenen haben die jüdischen Kantoren bzw. die synagogal gesanglichen Kreise keine Veranlassung zur Klage; denn die ganze Fülle echt künstlerischen Strebens, ein langes, von idealer Gesinnung durchwehtes, von rastloser, bis ins hohe Alter andauernder Arbeit erfülltes Leben, es liegt jetzt beendet vor uns. Sein Talent hätte sicherlich ihm auch die Pforten allge-- meiner Kuustbestrebung geöffnet, doch sein idealer, echt jüdischer Blick war gen Himmel gerichtet, weshalb er seine komponistifche Tätigkeit auch unbeschränkt der Synagoge weihte." Nun rüstet sich die Berliner Jüdische Gemeinde, in der Lewandowfki seine musikalische Laufbahn begonnen und ehrenvoll beendet hat, zur festlichen Begehung seines 100. Geburtstages. Auch diese Feier wird Zeugnis davon ablegen, daß das Judentum zu allen Zeiten seine verdienstvollen Männer zu ehren und würdigen weiß. Wiener Sriek. Wien, 11. März. Anffchiwnng des Wiener Bet Hann drasch. — Ein „Sijnm" über Mai-ino nides^ More Nebuchim. — Erinnerung an das Marthr-ium von 1421. — Verschwinden der Sabbatpredigt mrd des Jugendgottesidienstes. — Monatelanger Streik der Reil igions lehre r. — Notlage der Gemeinde. — Mazzo-thversorgung. u den wenigen erfreulichen Erscheinungen im jüdischen Gemeindeleben der verflossenen Jahre gehört -es, daß das von Dr. Jellinek vor nahezu sechzig Jahren begründete und durch A. H. Weiß und M. Friedmiann zu einer hervorragenden Stelle der Talmud- und Midraschforschung gewordene Wiener Bet hamidrasch einen neuen Aufschwung erlebt hat. Schon während der Kriegsjahre, als eine große Anzahl gebildeter Flüchtlinge aus Galizien nach Wien gekommen war, konnte -) Aus dem Artikel „Zum 50jährigen Künstlerjubilcium des Herrn Musikdirektors L. Lewandowski" von William Wolf. „Jüdische Presse" 1890, Nr. 13: „Lehrer und Kantor". mau, namentlich bei den Vorträgen über „More Nebuchim", die Dr. Armand K a m i n k a seit vielen Jahren in der Anstalt hält, regelmäßig ein den großen Hörsaal füllendes, mit gespanntem Jnterefse und Verständnis folgendes Publikum finden. Es waren darunter oft drei Generationen nebeneinander : achtzigjährige tälmu-difch gebildete Großväter, Maskilim aus der alten Zeit, nebst Söhnen im Mannesalter und studierenden Enkeln. Nach dem Züsammenbruche trat vorübergehend der finanzielle Bestand.des Instituts gefährdet; es gelang jedocheiner neuen Leitung, neben einheimischen Zuwendungen — zum Teil von wohlhabenden Ostjuden m Wien- — aus England und Amerika Subventionen zu erlangen, wodurch die Erhaltung des Betriebes für die nächste Zeit gesichert wurde. Die Frequenz .blieb eine dauernd gute. Im Bet hamidralsch wurde auchdie -erste Gedenkfeier anläßlich des hundertsten Geburtstages Adolf Jellineks, am 23. Oktober vorigen Jahres (?), durch eine Festrede des Rektors Dr. Adolf Schwarz, veranstaltet (der in der Anstalt Mischna vortrügt)*). Gestern wurde zum erstenmal anläßlich der Beendigung des „More Nebuchim" eine Sijumfeier veranstaltet, bei der Dr. Kaminka über die Bedeutung des Werkes, die Kämpfe um die Ideen desselben und Maimouides als geistigen Führer des Judentums einen Vortrag hielt und zum Schlüsse auch des Martyriums der 90 Männer -und 120 Frauen gedacht^ welche vor genau 500 Jahren, am 12. März 1421, auf dem Scheiterhaufen in Erdberg bei Wien wegen ihres festen Glaubens an die Wahrheit des Judentums den Flammentod erlitten haben. Die Zumutung, die vorher durch die katholischen Geistlichen an sie gestellt worden war, durch die Taufe ihr Leben zu retten, hatten sie mit V-erachtung zurückgewiiesen, da sie es, ohne Philosophen zu fein, instinktiv empfanden, daß es besser stji, Todesqualen zu ertragen, als sich zur Lüge ihrer Peiniger, zur Religion der Erfinder der „Hostienschändung", zu bekennen. Den Flammen entgegengesetzt, die der Haß und die Grausamkeit entzündet haben, erscheine die Fackel der Erleuchtung der Menschheit, auf welche Maimonides im letzten Satze seines großen Werkes Bezug, nimmt: „Das Volk, das in der Finsternis wandelt, wird ein großes Licht schauen, und die im Todesschatten weilen-, -werden von hellem Glanz umflossen sein." Ein Zusammentreffen verschiedener äußeren Umstände hat dahin geführt, -daß sowohl die Sabbatpredigt wiie der Jugendgottesdienst für Schüler m Wien seilt längerer Zeit beinahe ailfgehört haben, zu den syuagogalen Einrichtungen zu gehören. In der Leopoldstadt ist der große Tempel vor -mehreren Jahren durch einen großen Brand zerstört worden. Asi-fangs wurden große Pläne für den Wiederaufbau entworfen. Nach dem Zusammenbruch, dem Zerfall , des Staates, der katastrophalen Geldentwertung und der gänzlichen Verarmung der Jüdischen Gemeinde (die jetzt nicht einmal nach Monatelangem Streik der ReUgions'lchrer -ein volles Eingehen auf deren Forderungen zuläßt) wurde selbst eine bescheidene Wiederherstellung unerschwinglich. Inzwischen gewöhnten sich die Sitzinhaber, an den Feiertagen sich mit einem Gottesdienst in gemieteten Konzertsälen zu begnügen- und an Sabbaten auf denselben ganz zu verzichten2). In der Seitenstätteugasse, der klassischen Stätte jüdischer Homiletik seit Mannheimer, hat Qbervabbiner Dr. Chajes von der Stunde seines Amtsantrittes an politische oder sozialpolitische Ansprachen statt Predigten eingeführt. Diese mochten spannend und fesselnd sein; da J) Die Rede ist im Verlage '.des Bet-HansidrüschVereins in Druck erschienen. 2) Nachträglich wird bekannt, daß der Streik endlich durch ein für die Religionslehrer günstiges Üebereinkommen bei gelegt wurde und daß auch an einer Adaptierung des Leopoldstädter Tempels für den Herbst dieses Jahres gearbeitet wird.