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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Äon einem internationalen freimaurerischen Machtsaktor ist keine Rede. Auch der Einfluß mystischer Hochgrade ist eine Fiktion, Vaterland und Weltbürgertum sind Gegensätze politischer Art, und da nach den alten Pflichten die Logen den Gesetzen treu zu sein haben, so würden sie sich mit den Gesetzen des eigenen Vaterlandes in Widerspruch setzen, wenn sie über dem Weltbürgertum das Vaterland vergäßen. Daher geht der Weg zum Weltbürger nur durch den Staatsbürger. Aber die Beziehungen zwischen Vaterland und Weltbürgertum sind keineswegs in der Freimaurerei erschöpft. Die Einheitsidee der Menschheit in geistiger Beziehung ist von hervorragenden Geistern gepriesen worden, von Schiller, Goethe, Humboldt, die großen Religionsstifter sind von ihr beherrscht, und das Christentum will ebenso Weltreligion sein, wie die katholische Kirche, wie schon ihr Name sagt, Weltkirche sein will. In seinen „Bildern aus der deut-__ schon Geschichte" hat Heinrich v. Treitschke, den die Alldeutschen und Völkischen stets als einen der Ihrigen anschon und sich auf ihn berufen, gerade dem Weltbürgertum ein Denkmal gesetzt. Dort, wo Treitschke von der nationalen Erstarkung spricht, sagt er ausdrücklich, daß der deutsche Staat sich das zu eigen machte, was Deutschlands Dichter und Denker über das Menschentum gedacht haben. ^Deutschtum und Menschentum werden geradezu identifiziert, aber nicht in dem alldeutschen einseitigen Sinne, als ob nun der Deutsche an sich der Mensch ist, ein Gedanke der Ueberhebung,der uns ja wesentlich in den Weltkrieg gestürzt hat, sondern im Sinne der geistigen Gleichberechtigung von Vaterland und Weltbürgertum. Vielleicht lernen wir gerade von Treitschke, was deutsch ist: „Frei hinwegzuschauen über all die hemmenden Schränkest des" endlichen Daseins, nichts Menschliches von sich ferstzuhälten, in lebendiger Gemeinschaft mit den Besten aller, Völker und Zeiten das Reich der Ideen zu durchmessen", das galt für deutsch, das ward als Vorrecht deutscher Bildung gepriesen. Der Nationalstolz dieses idealistischen Geschlechtes fand sich befriedigt in dom Gedanken, daß kein anderes Volk den vermessenen Flügeln des deutschen Genius ganz zu folgen, zu der Freiheit unseres Weltbürgersinües sich emporzuschwingen vermöge. In den Schilderungen meint Treitschke, „daß ein finsterer ' Kastengeist die weitherzige Duldsamkeit der friderizianischeu Tage verdrängte". Treitschke spottet über die übertriebene Teutonik und läßt dem Weltbürgertum durchaus sein Recht, er wendet sich gegen die christlich-germanischen Heißsporne und die Prahlerische SelbstgefällWeit des Teutonentums. Vom Judentum sagt er sehr treffend, daß die edleren und ernsteren Männer der deutschen Judenschaft längst eingesehen hatten, daß ihr Stamm nur sV-v ■ * Louis Lewandowfki, geb. 3. April 1821 zu Wreschen, gest. 3. Februar 1894 zu Berlin. dann die bürgerliche Gleichberechtigung.beanspruchen durste, wenn er selber seine Sonderstellung aufgab und ohne Vorbehalt im deutschen Leben ausging. Treitschke wendet sich gegen das vaterlandslose Weltbürgertum. Gerade heute ist es gut, das zu betonen und auszusrischen und sestzustellen, daß Vaterland und Weltbürgertum an sich keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören, wenn sie im Menschlichen gipfeln. Nur der Menschheitsgedanke ist der wahre Versöhnungsgedanke der Völker. Louis LrwsnÄsVlki. Ein Gedenkblatt zu seinem 100. Geburtstage. Don Musikdirektor Aron F r i e mia n n (Berlins, ie religiöse Musik ist niemals ganz verstummt in unserer j Mitte, und wenn sie während der finsteren Jahrhunderte des Mittelalters sich auch nur im Kantillieren der Gebete und im singenden Vortrag der Thora und der Haftara äußerte, wenn auch Unordnung, Willkür und Ungeschmack ihre Begleiterinnen wurden, so war sie doch nirgends zum Schweigen zu bringen, und es bedurfte vor wenigen Menschenaltern nur des weckenden Signals der Freiheit, und überall hallten -die Tempel des zu neuem Leben erwachten Israel wieder von Sang und Klang, von Rhythmus und Schönheit. Die musikalische Ausgestaltung des modernen Gottesdienstes ist kein fremdes Gewächs aus jüdischem Boden, keine Schöpfung der Nachahmung oder der Neuerungssucht: sie ruht aus den reichen Ueberlieferungen unserer Vergangenheit, und sie hat ihre tiefsten Ursprünge in den natürlichen Bedürfnissen der Menschheit überhaupt. Ein reicher Kranz von Melodien, von kundiger Hand aus den Schätzen alter Zeiten herausgehoben oder von Meistern der Gegenwart neu gesetzt, schlingt sich um unsere Gebete'). Zu diesen Meistern, deren Kunst es gelang, die seit Jahrhunderten verborgenen Melodienschätze zu heben, gehört Louis Lewandowski. In Wreschen am 3. April 1821 geboren, kam er als Knabe nach Berlin, wo seine große musikalische Begabung durch die vorzüglichsten der damaligen Lehrer eine gediegene Ausbildung erfuhr. Alsbald führten ihn individueller Trieb und die Bedürfnisse der Zeit aus die Bahn, aus welcher ec als schassender, wie ausübender Musiker gewandelt ist. Schon als Knabe dem Berliner Synagogenchor angehörig und durch seinen schönen Sologesang dort exzellierend, begann er im Jahre 1840 das Amt. eines Chordirigenten zu verwalten, als welcher er zuerst. 26 Jahre in der Alten, seit. 1866 bis zu seiner Pensionierung, 1893, in der Neuen Synagoge fungiert hat. Die Chorwerke, ') Aus einer Pesscichpred.igt von Rabbiner Dr. Hochfebd.

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