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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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mntflen den Zeitbedürfnissen anzupassen, und auch in unserie-m jetzigen nntwnalen Leben werde sich mehr als einmal diie Notwendigkeit ergeben, solche Aenderungen vorzunehmen. Auf der sechsten und letzt-m Sitzung der Radbinerkonserenz wurden die Wahlen irr den Rckböinerrat vongenonnnen. Zum Oberrabbiner der Aschkeim sinr wurde einstirmnig per. Akklamation Rabbiner Kuk, zmn Oberrabbiner der Sephardi.nl Rabbi Jakob Meir mit 27 Stimmen gewählt. Wir kommen aus diese Neuschöpfun-g, die, wie aus einem Bericht des Jerusalemer „Hator" zu ersehen ist, weder die Hyperorthodoxen noch die Liberalen befriedigt, in einem besonderen Artikel gelegentlich zurück. Vaterland und Weltbürgertum. Von Dr. Otto Philipp Neiumann. aterland und Weltbürgertum sind von jeher als Gegensätze ausgefaßt worden, und die Kluft der Anschauung, daß eines das andere ausschließt, hat sich heute erweitert. Die Partei der Alldeutschen verwirft jedes Weltbürgertum, und die Anhänger des Kvsmopolitismus erachten die Alldeutschen für engherzig und einseitig. Es ist bekannt, daß die hervorragendsten Deutschen, wie Lessing, Herder, Fichte, sich zum Weltbürgertum bekannt haben. Es ist ja auch von vornherein selbstverständlich, daß der Mensch der Bürger zweier Welten ist, nämlich seines engeren Vaterlandes und der Welt. Es hieße Scheuklappen tragen, wenn man seinen Horizont für begrenzt hielte durch sein Vaterland.. Der Deutsche hat kein Wort für diesen überspannten Nationalismus, er nennt ihn mit dem Fremdwort Chauvinismus, und die ü b e r s P a n n t e nationale Welt ist ebenso falsch in ihrem Extrem wie die überspannte Idee des Kosmopolitismus. Eine praktische Bedeutung gewinnt die Frage über Vaterland und Weltbürgertum in der Freimaurerei. Während des Weltkrieges haben diese Fragen eine bedeutende Rolle gespielt. H. Grüber (3. J.) hat den Weltkrieg als Kulturkrieg geschildert und hat gesagt, daß im Weltkriege der Gegensatz zutage trete zwischen einer republikanisch-demokratischen Idee und dem Imperialismus der teutonischen Kaiserstaaten. Es ist neuerdings behauptet worden, daß es eine internationale, von Juden geleitete Freilnaurerverschwörung gebe, und man hat den Bolschewismus mit dieser Verschwörung in Beziehung gesetzt. Diese Behauptungen haben sich nicht aufrechterhalten lassen. Die Menschheitstragödie des Weltkrieges, die wir schaudernd erleben, ist aus ganz andere Ursachen zurückzuführen als auf das Getriebe freimaurerischer Ideen und Machenschaften jüdischer Herkunft. Das Freimaurerwesen hat sich derart verschieden entwickelt, daß von einer Einheitlichkeit keine Rede sein kann. Die deutsche Freimaurerei hat sich nie an internationalen Beziehungen beteiligt und ist nicht Mitglied der internationalen Weltgeschäfts-' stelle der Freimaurer in Neuenburg. Die politische internationale Freimaurerei, die sich aus den latinischen Bund beschränkt und an dem einzelne französische und italienische Logen beteiligt sind, ist zu trennen von dem Menschheitsgedanken, der ein Ideal ist. Die Behauptung, daß England an der Spitze einer politisch internationalen Weltmaurerei stehe, ist nicht bewiesen, und der Ausspruch, daß Eduard VII. der größte Freimaurer der Welt gewesen sei, ist eine englischen Freimaurerzeitungen entnommene Phrase. Die Freimaurerei hat sich trotz des gemeinsamen Ursprungs national entwickelt. Sie hat aber als solche den Menschheitsgedanken nicht fallengelassen. Gerade wegen der nationalen Unterschiede, gerade wegen der Trennung deS gesellschaftlichen LebenS, gerade wegen der Entfremdung durch den Gegensatz der Meinungen muß das Gefühl der Zusammengehörigkeit geweckt werden, und es ist durchaus zutreffend, wenn .die deutsche Liga für Völkerbund an die freimaurerische Tradition anknüpft. Vaterland und Weltbürgertum verträgt sich durchaus mit dem Gedanken der Verbindung der Geister zur Woge der im Adel wahren Menschentums wurzelnden brüderlichen Solidarität. Dem hat u. a. Dr. Bischofs in einer Schrift „Freimaurerei und Deutschtum" eine Auseinandersetzung zwischen Freimaurerei Mid A n t i s em i t i s m u s Ausdruck gegeben. Wie scharf die Gegensätze in der Tat sind, geht daraus hervor, 'daß auf der einen Seite 'behauptet wird, die deutsche Freimaurerei sei verjudet, der deutsche christliche Freimaurer sei nichts als ein unbeschuittener Jude, und anderseits gesagt wird, die deutsche christliche Freimaurerei sei antisemitisch. Keine dieser beiden Behauptungen ist wahr. In Deutschland gehören 40 000 Freimaurer zu dem christlichen System, und von den 20 000, die zu dem humanistischen System gehören, kann von einer Vorherrschaft des Judentums keine Rede sein. Daß die deutsche Freimaurerei auch in ihrem christlichen System nicht antisemitisch ist, geht aus ihrer Geschichte hervor und neuerdings daraus, daß die Große Landesloge von Deutschland ihren Mitgliedern den Beitritt zu den antisemitischen Germanenlogen verboten hat. Wenn der Antisemitismus sich mit den völkischen Vertretungen deckt, so verfällt er einer Einseitigkeit, die alles andere als sreimaurerisch ist. Die Freimaurerei umschließt. Sie will das einigen, was getrennt ist, und so sind Antisemitismus und Freimaurerei an sich Gegensätze, wie sie schärfer nicht gedacht werden können. Die Begriffe Weltmaurerei, Weltrevolution und Weltrepublik sind nur geeignet, Verwirrung zu stiften, und es verrät einen Mangel an Wahrheit, wenn die deutsche Freimaurerei an diesen Begriffen einen Anteil haben sollte. Eine faktische - Weltmaurerei gibt es überhaupt nicht. Alles, was darüber gesagt worden ist, ist eine Fiktion. Niemand kann sagen, wo das Zentrum dieser Weltrepublik masonischer Provenienz sitzt, und die klerikalen Gegner der Freimaurerei hätten dieses Zentrum längst entdeckt, wenn es da wäre. Daß ausgerechnet jüdische Mitglieder der deutschen Freimaurerei eingeweiht seien, alle anderen aber an der Nase herumgeführt würden, ist doch eine Behauptung, die so absurd ist, daß sie nicht widerlegt zu ' werden braucht. Noch ungeheuerlicher ist die Behauptung, daß die internationale Weltmaurerei den Weltkrieg entfesselt habe, um die Hohenzollern und die Habsburger zu stürzen. Der Mord in Serajewo sei 'das Werk der Freimaurer. Der Wert und die Wichtigkeit dieser internationalen politischen Gesellschaft wird so hochgradig hingestellt, als ob die politischen Drahtzieher nur in den Logen säßen. Es ist dokumentarisch bekannt, daß Logen sich mit Politik besaßt haben. Das widerspricht aber jeder freimaurerischen . Tradition. Die alten Pflichten von 1723 verboten brn Logen jede Politik, und wo Logen Politik treiben, fallen sie außerhalb des freimaurerischen Rahmens. Spricht man überhaupt von. einem Weltbürgertum, so kann es sich bei der freimaurerischen. Bewegung nur um eine geistige, keine politische handeln. Das bezeugt die Geschichte dieser geistigen Bewegung and die Literatur. Weltmaurerei könnte nur die deutsche Auffassung von Freimaurerei werden, welche über das nationale Kultur- " bedürfnis hinaus eine Durchgsistigung und Hmnanisiexung des Menschheitsganzen im Auge hat. Man. kommt doch über den bekannten Ausspruch FichteS nicht hinaus, daß im deutschen Gemüt Vaterlandsliebe und Weltbürgersinn eng vereinigt , sind. Die deutsche Freimaurerei gibt kein kostbares deutsches Gut auf, wenn sie dem Menschheitsgedanken dient. Das allein, ist die maurerische Weltkette. Wenn sie faktisch existierte, , so wäre Deutschland vielleicht ebensowenig dabei,, wie es im Völkerbund ist. Und hier liegt doch der Beweis klar, daß Vaterland und Weltbürgertum politische Gegensätze sind, während der geistige Zusammenhang nicht gelengM. werden kann.

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