Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229489--76186-3288760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
77 das ist das Bezeichnendste an «der ganzen Lache --- diese Anregung zuir Kenntnis iund die Regievurrg «auch. Unisere deutschen' AlN'tl'seini'ten, die so .gern bk gesamte deutsche IuidenschaK «nach PaWstma, bringen möchten, worden mit Erstauinen vernehin'en, daß das siegreiche Fcantroich Anigst hat vor den wen'iig^n deutschen Zionisten, die nach.Jerusa»lem anAwiandern wollen. Die Geisteswrsassung des sriatuMschen DMes siche mt durch den glorreichen Sieg «noch -mehr 'gelitten zu haben .als durch den Kejeg 'und die Niederlaigen während seiner Dauern L. Z. * Unter bvv Ueberschrift „Palästina als WfatzgMet" schreibt Rcichswinifte-r a. D. Dr.-Jng. Gothein im „Berliner Tageblatt" (Sonder-Ausgabe) vom 21. März: „Palästina und sein Hinterland befinden sich in rascher wirtschaftlicher Entwicklung. Es besteht rege Nachfrage nach Lebensmitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Konfektion, Wirk- und Strumpswaren, Möbeln, Fensterrahmen, Türen und anderen Holzwaren, Eisenbahnschwellen, Korbwaren, Maschinen für Steinbruchsbetrieb, Sattlerwaren und 'anderes mehr. Bisher konnte sie nicht ausreichend befriedigt werden. Die Preise haben darüber eine beträchtliche Höhe erreicht und stehen 20 Prozent über Londoner Preisen. Für die nächsten Monate rechnet man mit einer starken Einwanderung, da man Tausender von Arbeitskräften für den Bau des großen »Elektrizitätswerkes am Audschafluß und der Hasenanlagen von Haifa benötigt, darunter natürlich auch eine größere Zahl von gebildeten Familien mit verfeinerten Bedürfnissen. Die englische Verwaltung plant im Znsammenarbeitien mit der Zionistischen Organisation, 25 Millionen Pfund in wirtschaftlichen Unternehmungen — namentlich Bohrarbeiten auf Petroleum und Schürfen auf Kupfer sowie in Fabriken für die Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse — zu investieren. Die Anbauversuche von Baumwolle und Tabak haben hoffnungsreiche Ergebnisse erzielt, dazu kommt, daß auch die Araber sich während des Krieges an europäische Bedürfnisse gewöhnt haben. Durch die Goldzahlungen von englischen Subsidien und Bestechungsgeldern sind auch früher blutarme Scheichs reiche Leute geworden. Da sie von jeher mit den palästinischen Juden gute Beziehungen unterhielten, haben sie jetzt dssn lebhaften Wunsch nach jüdischen Ingenieuren, Technikern, Acher- und Gartenbausachverständigen, um die Hilfsquellen ihres Bodens zu entwickeln. Angesichts dieser Verhältnisse hat eine große Amsterdamer Schifsahrtsgefellschaft beschlossen, eine regelmäßige Dampferv erbindung nach Jaffa aufzunehmen. Tamit ist auch für den deutschen Außenhandel eine günstige Gelegenheit gegeben, den Absatz nach Palästina zu entwickeln. Das ist um so anssichtsvoller, als sich zahlreiche Deutsche und Ostjnden dort dauernd niedergelassen haben. Sie sind an deutsche Ware und delltsche Geschäftsverbindungen gewöhnt llnd beziehen erstere mir Vorliebe. Hier bietet sich für uns ein vorteilhaftes Arbeitsfeld, und der deutsche Handel sollte nicht verfehlen, dort, rasch festen Fuß zu fassen. Wir haben wiederholt auf die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas und die dort sich erschließenden Handelsmöglichkeiten für Deutschland aufmerksam gemacht und freuen uns, daß nunmehr auch von wohlmeinender nichtjüdischer Seite darauf h.ingewiesen wird. Wie wir der „Zionistischen Korrespondenz" entnehmM, trafen aus Deutschland i>m Februar chemische und, pharmazeutische. Produkte, Eisenwaren, Baubeschläge, Ackerbaugeräte, Papier und Musikalien in Palästina ein, wogegen Deutschland in Textilwaren infolge zu hoher Preise nicht liefern konnte. Eine Ausdehnung des Geschäfts würde eine geringere Rigorosität d^r Zahlungsbedingungen voranssetzen. # Ein Bet Din hagadol (Oberster Gerichtshof) in Jerusalem. Am 22. Februar wurde, wie die „I. P. Z." berichtet, die große Versammlung zur Ordnung der Oberrabiuatssrage wld des religiösen Appellationsgerichtshösts eröffnet. Bereits in früher Morgenstunde hatten sich in Jerusalem die Rabbiner sämtlicher Gemeinden, Städte und . Kolonien eingefunden. Oberrabbiner K u k begrüßte nach Aussagen eines Psalms in einigen kurzen Worten den Oberkonnnissar, worauf Gerichtssekretär Norman Ben kw ich in hebräischer Sprache einen historischen lleberblict über die Entwicklung des jüdischen Gesetzes und die Konstitution, der rabbi nischen Gerichte im Laufe der Jahrhunderte gab, und seiertio den Oberkomimissar als den Nehemia unserer Zeit. Hieraus hielt Sir Herbert Samuel, inr Anfang hebräisch und dann englisch, eine Rede, der historische Bedeutung zuzuschreiben ist. Er freue sich, an der Versammlung dieser Vertreter der jüdischen Gemeinden teilzunehmeu, denen eine verantwortungsvolle Aufgabe obliege: die Neunormierung ihrer inneren Angelegenheiten. Getreu den britischen Traditionen sollen die religiösen Gemeinden allein die Verantwortung für die Ordnung ihrer besonderen Angelegenheiten tragen. Neben den Wahlen harren wichtige Dinge der Erledigung. Das vom Gerichtssetretär ernannte Komitee schlägt einige Rechtsänderungen inr Eherecht vor. Die jüdischen Gemeinden hätten um Annullierung der muselmanischen Gerichte in Fragen des jüdischen Familienrechts gebeten. Es sei wichtig, daß die Organisation des Beth. Din (Gerichtshofes) und der Satzungen, nach denen er sich richten werde, in voller Einigkeit aller Juden vor sich gehe. Die Einsichtigen würden wohl die Notwendigkeit der Einführung gewisser Aenderungen bei Schaffung dieser Gerichte einstheu. Samuel schlägt die Bildung eines Achterrates als Appellationsinstanz vor, bei der man gegen die einzelnen rabbinischen Gerichte Berufung eint egen könne. Der bisherige Misrad Harabanuth habe sich von den durch, das Joint gewährten Unterstützungen erhalten müssen, mit welchen Methoden aufgeräumt werden solle. Für die Erhaltung werde der Waad Hair Sorge zu tragen haben. Er bedauere, daß inan das Oberrabbinat nicht einer Person übertragen könne lind noch gezwungen sei, zwei Oberrabbiner zu ernennen, je einen für die Sephardim und die Aschkenasim. Er hoffe jedoch, daß der Tag nicht mehr ferne sei, wo l es, wie einst, nur eine einzige Geilwinde im Judentum geben werde.! Die Juden hätten seit jeher zu viel linker der Unduldsamkeit der anderen leiden müssen, um gegeneinander unduldsam zu sein. Erez Israel und Jerusalem, denen in erster Reihe die Gefühle der 14 Millionen in der ganzen Welt zerstreuten Juden entgegenschlagen, müssen auch hier vorangehen. Einigkeit ilnd guter Wille in Erez Israel seien der erste Schritt zun: Siege dieses Einigkeitsprinzips in allen Ansiedllmgsgebieten unseres zerstreuten Volkes. Der Gouverneur von Jerusalem, Mr. Storrs, führte in seiner gleichfalls hebräisch begonnenen und dann englisch fortgesetzten Rede ans, daß das Christentum seine Dankbarkeit gegen die jüdische Religion wohl nie vergessen werde. Er hoffe, daß durch das Resultat der jetzigen Verhandlungen das Propheten wort „denn ans Zion wird die Lehre kommen und das Wort Gottes ans Jerusalem" sich neu bewahrheiten werde. Norman Bentwich spricht sodann über die außerordentliche Bedeutung des Gerichtshofes, der die Zusammengehörigkeit der Gemeinde inr höchsten Maße betonen soll, wie auch über die den Gemeinden auszuerlegenden Steuern zur Erhaltung und Erstarkung des jetzt zu begründenden Gerichtshofes. Der Ehrensekretär des vorbereitenden Komitees, Kornfeld, referierte über die Motive, die die Regierung zur Einberufung der Konferenz bewogen haven. Es waren dies vor allem das unklare Verhältnis gegenüber dem letzten Chachambaschi,, die Annullierung der türkischen Verordnungen und die Notwendigkeit, gemäß den neuen Verhältnissen ueite Normen hinsichtlich des Oberrabbinates zu erlassen, und das Verlangen der Aschkenasim nach Beteiligung an der Bildung und den Arbeiter! des Ober rabbi na ts. Das vorbereitende Komitee habe in 16 Sitzungen, zu denen Rabbiner wie auch Laien zngezogen waren, beschlossen, vorzuschlagen: Die Konferenz wühlt acht Rabbiner, vier Sephardim und vier Aschkenasim, init zwei Pr äst denken, die den Obersten Rabbinerrat bilden. Außerdem wählt die Versammlung drei Laienmitglieder, die mit beratender Stimme diesem Rabbinercat beigegeben werden. Die Urteile der einzelnen Nabbinatsünrter in den Provinzstädten und Kolonien werden in den Kreisverwaltungen zur Durchführung übermittelt, ohne daß Approbierung durch den Rabbinerrat in Jerusalem notwendig märe. Eine Appellationsinstanz wibd von sechs Mitgliedern des Rabbinerrats gebildet. Nach weiteren Begrüßungsansprachen wurden zu Präsidenten der Versammlung gewählt: die Rabbiner Jakob Meir, Kuk und Fish man; Jellin und Norman Bentwich wurden ihnen beigegeben. Auf der Abendsitzung erstattete Rabbi Kuk ein rnehr als einstündiges Referat über den Appellationisgerichtshos. Was die notwendigen Reformen anbelangt, so unterscheiden wir inr Gesetz zwei Grundbestandteile, . Gesetz und Verordnung (Tekanoth). Während die Gesetze unabänderlich seien, wußten unsere großen Vorfahren seit jeher die Verord-