Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 die ^nci}^jctumm'r, erscheinen .bei Tauzulitcrl)alt\ingen und anderen Vergnüg,unge-tt zlvar recht frei'gebiig, iaber den An-gchövigen. des geistiigen Oberha-nptes gegettüber bekunden sie einverstWosfen«es» Herz. Desh,a'tb eirt stehen Zwistigkeiten, und das in jüdische»«: Wissen »chasr ergraute Haupt muß freiwillig das Feld räunteu. Offenbart sich nicht hier die Tragödie des Judentums, die zugleich-auch eine Tragödie des Rabbiuerstandes bedeutet? — M a sary k widmete seine erste pliÄosoP'hiiische Abhandlung der. Erörterung, ob der Selbistmord vorn elh'i-schen Standpunkte aus berechti-gt sei. Ist es nicht eine ironische Fügung des Schicksals, -daß gerade die -am Beg-inin seiner Präsidentschaft geförderte Idee der Trennung von Kirche -irnd Stank gern,de die jüdischen Lehrer aus dein Geleise geschleudert und schon ein Opfer gefordert hat? Ter Trennung-sgedanke erscheint eigentlich gegen den Papisntws gerichtet, um die klerikale Macht zu schwächen, allein die e r st e n L e i d t r a g ende n sind die Verehrer «der Synagoge! Um den zur Erhaltung der Synagoge nötigen Abgäben zu entgehen, -errflärctt sich unsere Kriegsigewinner konseslsionslos und trauen so Verziveifkuing i<n das Heini der Reli.gionsdien'er. Der Wiener Antifenntentag. Aus W i e n wird gemeldet: Au: 12., 13. und 14. Mü.rz tagte hier ein internationaler Ar:tü semitenkongreß, der von Ungarn, der Slowakei«, Nordböhmen, Berlin, München und aus den österreichischen Ländern beschickt war. Wer ihn besuchte, war über das niedrige Niveau der Vorträge überrascht. - Die Referate waren in: allgenreinen Volksversa.mmlungsreden schlinrmster Art. Liberalismus-, Kapitalismus, Sozialismus, Bolschewismus, die Revolution, der Krieg, Nation alisnms und Internationalismus — alle . . . ismusse und dazu alle anderen Erscheinungen der Welt wurden wechselnd dem Judentum in die Schuhe geschoben, Bebel und Scheidemann als Juden gebrandmarkt. Der am meisten ernst zu nehmende Redner, der nationalfozialistische Wiener Landtagsabgeodnete Walter Riehl, flchrte aus, daß es überhaupt keine geistige Bewegung gäbe, in der die Juden nicht drrrch die Gelvandtheit ihres Geistes hervorragten, in Frankreich werde sogar der Antisenlitisnrus van den: Juden Artur Meyer geleitet. Damit war dem Programmatischen offenbar der Weg verlegt. Riehl schlug also die Gründung einer Gegenorganisation gegen die Alliance isra^lilte universelle vor. . Stürmischer Beifall war stets zu Hören, lvenn Gewalttätigkeiten propagiert wurden. Der Emissär der Steiermark verherrlichte den Pogrom, und ein Vertreter der „Erwachenden Ungarn" rühmte sich schmunzelnd, „was Pogrours angehe, so hätten die Ungarn einiges auf dein Gewissen". Der Vorsitzende sagte von der" vor 500 Jahren in Wien erfolgten Verbrennung von 200 Inden, solches könne sich auch heute wiederholen. Am Schluß wurde eine Resolution angeuoneun n, von der österreichischen Regierung befristet die Abschiebung der Ostjuden, verschärfte Maßregeln gegen Pveistreiber und den mnnerus clausus an Hoch- und Mittelschulen zu fordern,, verliefe aber die Frist resultatlos, zur Selbsthilfe zu greifen, was wieder großen Beifall hervorri'ef. Bemerkenswert ist, daß die Preßberichte alle offenen und versteckten Aufforderungen zur Gelvaltamvendung. unterschlagen, und daß am Schluß der Präsident, Nationalrat Jerzabek, die Teilnehmer aus ihr Ehreriwort verpflichtete, alles zu verschweigen, was im feindlichen Lager ausgenützt werden könnte. Ein Telegramm vom 15. März meldet: Gestern wurde hier eine Versammlung der Antisemiten.abgehalten. Nach deren Schluß kan: es in der Ringstraße zu Ausschreitungen. Bei einer Reihe von Geschästslokalen wurden die Fensterscheiben ei.ngeschlagon. Von der Trambahn wurden Leute herabgeholt, die für Juden gehalten wurden, und mißhandelt. Frauen und Mädchen wurden beschmrpst. Bei dem Bahnhof Wien-Preßburg wurden die Waggons mit Steinet: beworfen, die Fensterscheiben zertrümmert und die Leute, die man für Juden hielt, mit Stockschlägen mißhandelt. Ein Versuch der Antisemiten, in die Leopoldsstadt einzudringen, wurde voll der Polizei vereitelt. Es wurden 25 Verhaftungen wegen öffentlicher Gewalttätigkeit vorgenommen. Bei den wüsten Ausschreitungen ist auch 'dem reichsdmt scheu Leutuant Pari l eine gelblederne Aktentasche mit deutschem Reichswappen, enthaltend Papiere der paritätischen Abstimmungskonmiission für Oberschlesien und den Paß des Leutnants, abhanden gekmmnert. -U Polen. Das amerikanische Konsillat in Warschau hat infolge der geplanten Eiuwanderungsbeschränkungen in Amerika in letzter Zeit die Erteilung von Paßvisa fast gänzlich eingestellt. Nur Emigranten, die zu ihren Eltern fahren, erhalten Visa, während diese allen anderen, selbst» wenn es sich um Reisen zu Brüdern und Schwestern handelt, vorderhand verweigert werden. Zahlreiche jüdische Enrigranten sind dadurch in große Not geraten, da sie nach Erhalt der Affidavits und Schtiffskarten durch ihre Verwandten ihren Hausstand bereits aufgelöst haben llnd durch die ihnen unverhofft aufgelegte Wartezeit in Warschau» die ihnen zur Verfügung stehenden geringen Mittel aufbrauchen. — Auf Grund der erst Ende Februar vom Krakauer „Naprzod" gebrachten Mitteilungen über die von General Balachowicz verübten Grausamkeiten hat der Klub der sozialistischen Wgeordneten eine Interpellation eingereicht, worin die strengste gerichtliche Bestrafung Balachowicz' gefordert wird. 4. P. Z. * Griechenland. Nach zahlreichen Konferenzen mit interessierten! Kreisenbezüglich des niedergebrannten Viertels in Saloniki, hat Minister Mounaris nach einer Besprechung mit den Präfekten und den Abgeordneten Mallah und Modliano bezüglich des erzielten Resultates folgendes Resümee gezogen: Das Gesetz bezüglich der Expropriationen Int niedergebrannten Viertel ist erloschen. Das Viertel soll in einzelne Sektoren, gemäß ihrer Lage und Beideutung, eingeteilt werden. Eine gewisse Zahl von Besitzern wird sodann das Terrain dieser Sektoren unter sich aufteilen, entsprechend dem Werte des früheren Besitztums. Jeder Besitzer wird den Wiederaufbau laut seinen Bedürfnissen und Mitteln vornehmen können. So endet, schreibt der „Israel",, einer der traurigsten Abschnitte des jüdischen Lebens in Saloniki. England und das Palästina - Mandat. Ju einer Besprechung des Pälästina-Mandates führen die „Times' aus. zwischen Mesopotamien und Palästina sei ein großer Uuterschied. Im Falle Palästina fei die Last sehr viel leichter, und es bestehe sichere Aussicht auf nahe Erleichterung. Palästina sei nirgends fern vom Meere, itnd seine Landesgrettzen seien kurz und nicht schwer zu schützen. In Palästina, könne England daher mehr Geduld zeiget: äls itt Niesopotamien. England müsse jedoch immer die Idee eines Palästina vor Angen haben, das fähig sei, auf eigenen Füßen zu stehen- und sich selbst zu. schützen. Tie englische Regierung teilte mit, daß die tnonatlichen Ausgaben der Armee in Palästina gegenwärtig 500 000 Pfund Sterling betrügen. * Die Angst vor Deutschland. Die Angstzu stände, die die Franzosen bekommen, wenn sie an Deutschland und gn die Eigenschaften des deutschen Volkes denken/führen mitunter zu komischipn Musterungen. Wenn sie von dem entwaffne ten, heerlosen und wirtschaftlich daniederliegendelt Deutschiländ einen Ueberfall befürchten, s>o mag das die Folge eines wegen der Dvängsalieriungspölitik nicht ganz reinen Gewissens sein und mag rwch hingehen. Etwas anderes ist es schon, wenn ernsthafte französische PoWtiker überall dort, wo sich in neutralen u'nd be»r Entente befre>u>N'deten Ländert: Schwierigteitten für »die französische Politik oder »gar Gegenlatze e'rige'ben', deutschen Einfl'U'ß und deutsche Tätigkeit vertnuten.. Grotesk aber-- wird die Sache, wenn sich Fälle ereignen, wie »netlilich in »der frartzösischdn Kamut-e-r. D-or-t h>at der Deputierte Lemai'l von der . repub!likan-isch-ldenrok-ra't,i'schen Pari-ei bei der Erörterung >der O.rientfrage bedauert, daß Pa-lastina und vor allen: Jerusaletn (das kürzlich - wie vor: uns mikgeteilk, von den französischen und italienischen Truppenabtei'lungen geräumt würde) dem französischen Eiinfluiß entzogen sei. Das Bediauern f<am aber n>icht ans bicr Befürchtung, daiß französische oder chri'Wiche Interessen »nicht -mehr genügend wahrgenommen werden könnten, es hatte -gänz andere Ursachen. Monsieur Lemaik w-ill sich danrvt -abftn'ddn, daß England jetzl über Jerufalem »herrsche, er verlangite a>ber, daß die französische Regreruing -dafür forge, daß England es sich 'angelegen fern lasse, »die Riederlaffung von Lieuiten i»n Jerufaliem -tunlichst zu v-echi'Ndern, die aus Deu'tWland kommen. Die Kammer 'nahm —- und