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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-04-01 · Heft 7 (1.4.1921) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 7 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 In dem überfüllten Hörsaal der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin sprach Ministerialrat Dr. Otto Jöhlinger, der sich speziell mit der Erforschung Bismarcks als Staatsmann an Hand der Originaltakten und unveröffentlichter Quellen beschäftigt, Wer die Stellung des Fürsten Bismarck zur jüdischen Frage. Der Redner kam dabei zu einer ganz neuen Beurteilung des Fürsten Bismarck. Während man gemeinhin angenommen, daß Bismarck ein Feind der Juden gewesen sei, zmn mindesten aber der antisemitischen Bewegung sympathisch gegenüberstand, zog Dr. Jöhlinger aus dem Material, das er eingesehen hat, ganz andere Schlußfolgerungen. Man kann die Tätigkeit Bismarcks von seinem ersten Auftreten 1847 bis zu seinem Tode im Jahre 1895 auf wenigen Gebieten einheitlich beurteilen. Was der Junker von Kniephoff gesagt hat, unterscheidet sich erheblich von dem, was der Staatsmann Bismarck getan hat, und wie Ziegler mit Recht daraus hingewiesen hat, daß der Bismarck, der aus Frankfurt am Main kam, ein anderer war als der Bismarck) der nach Frankfurt am Main ging, so ist auch in der Stellung Bismarcks zur Judenfrage eine Wendung eingetreten. In Frankfurt am Main hat Bismarck die Juden kennen und schätzen gelernt, und das ist von erheblichem Einfluß auf seine ganze Gesinnung gewesen, und so kam Ministerialrat Jöhlinger zu einer Einteilung in der Beurteilung Bismarcks in verschiedene Zeitabschnitte. In der Zeit bis zu seiner Berufung nach Frankfurt am Main ist'Bismark kein Judenfreund, ja, er steht den Juden sogar direkt ablehnend gegenüber. Aus seiner Frankfurter Tätigkeit haben wir öffentliche Kundgebungen über die Juden gar nicht. Bon dem Augenblick seiner Berufung in das Preußische Ministerium bis zum Rücktritt hat Bismarck amtlich gegen die Juden überhaupt nichts gesagt, und auch in den Akten, die Dr. Jöhlinger durchgearbeitet hat, findet sich nichts, was irgendwie auf eine Gegnerschaft Bismarcks gegen die Juden schließen läßt. Der Redner verweilte längere Zeit bei dem Gesetz, das den Juden die gleichen bürgerlichen Rechte verleiht und das die Unterschrift Bismarcks trägt. Dieses Gesetz ist mit den Preußischen Stimmen angenommen worden. Dagegen stimmten im Norddeutschen Bundestag nur die beiden Vertreter Mecklenburgs. Der Redner charakterisiert dann die Stellung Bismarcks zu den einzelnen Parteien, seinen .Kampf mit den Freisinnigen, ' der ja im Jahre 1863 seinen Höhepunkt erreichte und der Bismarck die dauernde Feindschaft der Freisinnigen einbrachte. Man darf aber den Gegensatz Bismarcks zu den damals gerade nicht weitsichtigen politischen Führern als Gegensatz gegen die Juden auslegen. Es war eine rein politische Antipachie, wie Bismarck sie ebensosehr gegen Eugen Richter wie gegen Bebel hatte. Gegenüber dem Kampfe, den Bismarck gegen Laster, Bamberger und andere führte, steht die ungewöhnliche Hochschätzunch die Bismarck für Lassalle empfand. Der Nachruf, den Bismarck Lassalle widmete, legt hiefür beredtes Zeugnis ab. Vielleicht hat Bismarck zuweilen der antisemitischen Bewegung nicht den Widerstand entgegengesetzt, den manche Jüden gewünscht hätten. Aber auch hier muß man sich immer wieder die politischen Zwecke vor Augen halten, die Bismarck verfolgte. Für Bismarck waren die Parteien nur Mittel im Kampf. Er benutzte sie und ließ sie nach der Benutzung achtlos liegen. Diesem Schicksal sind auch die Antisemiten nicht entgangen, und Bismarck hat vernichtende Worte über die Antisemiten und ihre Führer gefunden. Auf Grund der Akten über.die Antisemiten zog Ministerialrat Dr. Jöhlinger die Schlußfolgerung:, Bismarck ist den.Antisemitennicht zuzurechnen. Bismarcks Feinde sind auch die Feinde der Juden gewesen. Die dritte Periode ist die Zeit im Sachsenwalde von 1890 bis 1895. Hier hat Bismarck deutlich zum Ausdruck gebracht. daß er eine Lösung der Judenfrage nicht auf dem Wege sieht, den die Antisemiten andeuten. Bismarck sagt selbst, daß, wenn er noch einmal zu bestimmen hätte, der Satz eingeführt werden müsse: La recherche de la religion est interdite. Zum Schluß wies der Redner auf die Korrespondenz Stöcker hin, der sich darüber beklagt, daß Bismarck gegen alle Parteien zu Felde gezogen sei, daß er ihnen allen herbe Worte öffentlich gesagt habe, daß er aber niemals ein Wort gegen die Juden geäußert habe, und darin, so schloß der Redner, hat Stöcker recht gehabt, ein Antisemit ist Bismarck nicht gewesen, ebensowenig wie irgendein Genie, das die Weltgeschichte kennt. * Russische Enten. Die Moskauer „Jswestija" und „Prawda" vom 2. März bringen einen angeblich aus Nauen durch Funkspruch übermittelten umfangreichen Bericht vom 28. Februar über einen gewaltigen Judenpogrom in Berlin, der wörtlich folgende Stellen enthält: „Heute abend hat Berlin zum erstenmal den Schrecken eines Pogroms kennengelernt. Mit Knüppeln -bewaffnete Studenten begaben sich in die Judenviertel und überfluteten daraus -den Kurfürstendamm. Hunderte von Juden wurden überfallen Und verprügelt. Von denen, die in Lazaretten untergebracht wurden, sind zwei gestorben. Die Polizei griff nicht ein, da ihre Mehrzahl aus ostpreußischen Offizieren besteht. Die Studenten -mißhandelten ihre Opfer noch während dieselben in Autos fortgeschafft wurden. Die Studenten, iri-e über bereits bewußtlose Juden hersielen, wurden von den Offizieren ersucht, sich mit Ueberfällen auf Passanten zubegnügen. Der Pogrom wird als erstes Symptom dos Wahlsieges der Reaktionäre bei den Preußenwahlen betrachtet." Die Falschmeldung soll vermutlich die russischen Hooligans zu neuen Pogromen anfeuern! Wir empfehlen der russischen „Prawda", ihren Titel zu ändern, denn ihr Bericht beruht auf Lug und Trug. In Berlin hat kein Judenpogrom stattgefunden. * Am 7. März fand in Halle a. S. — seit der Kriegszeit zum ersten Male wieder — eine gut besuchte Hauptversammlung des „Mitteldeutschen Rabbinerverbandes" statt. In anregender und angeregter Diskussion wurde ganz besonders über die Stellung des Rabbiners innerhalb seiner Gemeinde wie auch nach außen hin und über die brennende Besoldungsfrage des Rabbiners gesprochen. Uebereinstimmend war man der Meinung, daß es der Würde und den Traditionen einer jüdischen Gemeinde entspreche, ihren Rabbiner ideell und materiell nicht schlechter zu. stellen, als es jede andere Religionsgemeinschaft mit ihren Geistlichen tue, daß er also, um zum Wohle seiner Gemeinde — wie es sich ja für den Rabbiner geziemt — tätig Mitarbeiten zu können, von der Leitung der Verwaltung nicht ausgeschlossen werde, und daß er, um einigermaßen standesgemäß leben zu können, mindestens in die 10. Gehaltsklasse der Beamten eingereiht werden müsse. Dementsprechende Resolutionen werden der Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland, die Ende März dieses Jahres in Frankfurt am Main stattfinden soll, vorliegen, damit sie von dort aus an die Gesamtorganisation der deutschen Juden weitergeleitet werden können. # Die Tragödie des Judentums «ud des Rabbincrsiandes. Aus Böhmen wird uns geschrieben: . Eine traurige Nachricht brachte Var kurzem die hiesige Presse. Der Rabbiner Ed. Weiß aus- Maincca bei Preßbnr-g machte seinem Leben durch Gehängenein Ende. Motiv: Acht Kinder, und Zwistigkeiten mit der K u l-tu s gemeinde. In dieser lakonischen Kürze wird ein- Emign-rs PuÄ'izidrt, welches gewiß verdient, ferne nähere Erörterung zu erfahren. Gin Seelsorger wird vonder Nachjkriegsnot zn Boden, geschleudert und stehlt -keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. Seine Gemcindem-itgilieder. insbesondere

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