Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229488--76178-3288745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 E. M. Berlin, 15. März. Die Berliner Reprüsent a n t e n v e r s a m m l u n g erläuterte in der ersten März-Sitzung in eingehender Beratungdie Arbeitsmethode der Kommission zur Auswahl von Ehrenbeamten, welche dazu bestimmt ist, den Nachwuchs für die Verwaltungsstellen zu beschaffen. Die Verwaltungskommissionen rekrutierten sich bisher teils aus freiwilligen Meldungen, teils machten die einzelnen Verwaltungsstellen selbst Vorschläge für etwaige Vakanzen. Diese Anerbietungen und Vorschläge wurden von einem besonderen Ausschuß, der Kommission zur Auswahl von Ehrenbeamten, geprüft. . An der Geschäftsführung dieser Ehrenbeamtenkommission übte Repräsentant James Goldschmidt (Kons.) eine scharfe Kritik. Insbesondere rügte er, daß die Kommission in ihrer letzten Sitzung grundsätzlich beschlossen hat, bei den Ersatzwahlen für die Verwaltungskommissionen jede Rücksicht auf die religiöse Richtung bei den Kandidaten außer acht zu lassen. Diese Praxis sei verderblich und verwerflich. Neben der Eignung eines Kandidaten für einen Verwaltunaszweck müsse auch seine religiöse Anschauung mit in Betracht gezogen werden, die in der Verwaltung einer religiösen Gemeinschaft von hoher Bedeutung ist. Als Vorstandsvertreter wendet sich Herr Blankenburg gegen diese Auffassung. Die Ehrenbeamtenkommission kann lediglich die sachliche Eignung des Kandidatei? prüfen. D'e religiöse Richtung ist für sämtliche Kommissionen mit Ausnahme der Kaschruth- und Quellbadkommission und vielleicht noch der Synagogenivorstände unerheblich. M. A. L o c b (Kons.) erhebt schärfsten Protest geaen diese Auffassung und verlangt die sofortige Auflösung der Kommission, da keine Stelle in der jüdischen Gemeindeverwaltung die religiöse Auffassung außer acht lassen darf. Sanitätsrat Tr. Steinthal (Lib.) vertritt den gleichen Standpunkt. Die positiv jüdische Religiosität ist die selbstverständliche Voraussetzung bei jeder Kandidatur für ein Ehrenamt in der jüdischen Gemeinde. Es ist Sache der Ehrenbeamtenkommission, bei den durch sie vorznnehmenden Vorschlägen alle religiösen Richtungen zu berücksichtigen. C a s p a r h (Lib.) bittet, von der Beschlußfassung über die Auflösung der Ehrenbeamtenkommission zunächst abzusehen, um eine eingehende Klärung der Frage im Ausschuß herbeiführen. B a d t, stellvertretender Vorsitzender des- Gemeindevorstandes, hält die ganze Ehrenbeamtenkommission in der jüdischen Gemeindeverwaltung für überflüssig. Die zweckmäßigsten Ergänzungsvorschläge kommen aus den Verwaltungskommissionen selbst, die am ersten in der Lage sind, geeignete Kandidaten nachzuweisen und zu Prüfen, ob sie den an sie gestellten Anforderungen genügen. Vorsitzender Geheimrat Dr. Minden warnt vor übereilter Beschlußfassung, der erst eine eingehende Beratung vorangehen muß. Die Kommission habe neben offenbaren Mängeln auch unverkennbare Vorzüge. Der Dringlichkeitsantrag der Jüdischen Volkspartei auf Aufhebung der Ehrenbeamtenmission wird abgelehnt mit der Maßgabe, zunächst in Ausschußberatungen über das eventuelle Weiterbestehen der Ehrenbeamtenkommission zu verhandeln. — Die Jüdische Volkspartei beantragt, der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde hauswirtschaftliche Lehrkurse anzugliedern. In seiner Begründung des Antrages gibt Dr. Klee (Jüd. Vp.) der Hoffnung Ausdruck, daß dieser Antrag die Zustimmung aller Parteien finden wird. C a s p a r h (Lib.) bemerkt zu dem Anträge, daß die Frauenorganisationen der Berliner Logen in Verbindung mit anderen Wohlsahrlsorganisationen hauswirtschaftliche Lehrkurse eingerichtet haben, und bittet, etwaige ähnliche Kurse der Gemeinde dieser Einrichtung anzugliedern. Vom Dorstandstisch führt Dr. Fr eund aus, daß die Gemeinde sich bereits vor dem Kriege mit dieser Angelegenheit beschäftigt hat. Schon 1914 sollte eine Kochschule im Anschluß an die Mädchenschule eingerichtet werden, die nicht nur den Schülerinnen dieser Anstalt, sondern auch weiteren Kreisen zur Verfügung stehen sollte. Die bereits weit geförderten Vorarbeiten wurden durch den Krieg illusorisch. Die Gemeindebehörden werden die Anregung auch jetzt wieder aufnehmen, wenn die Möglichkeit gegeben ist, bei Sem herrschenden Mangel an Wohnräumen geeignete Lokalitäten zu finden. Nachdem Direktor Dr. Gutnuinn (Lib.) die Anregung der Jüdischen Volkspartei als außerordentlich bedeutungsvoll bezeichnet hat, gibt er dem Wunsche Ausdruck, die Kurse auch den Zöglingen der Gemeindeschulen zugängig zu machen. Die Versammlung beschließt dann einstimmig, die Einrichtung Hauswirtschaftlicker Kurse beim Gemeindevorstand zu beantragen. — Der Gemeindevorstand beantragt für die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums eine Subvention vPi 20 000 Mark für das Sommersemester 1921. Die Anstalt erhielt bisher sinen Jahresbeitrag von 18 000 Mark, der jedoch bei weitem nicht hinreicht, ihren Etat zu balancieren. Die Verwaltung der Hochschule rechnet trotz sparsamster Wirtschaft und niedrigster Bemessung der Lehrergehälter für das Jahr 1920 mit einem Anwachsen des bisherigen Fehlbetrages auf etwa 80 00O Mark. Bei dieser Sachlage hält der Gemeindevorstand eine wesentliche Erhöhung des bisherigen Beitrages für gegeben. Die Jüdische Volkspartei bringt während dieser Verhandlungen einen Dringlichkeitsantrag ein, der die gleiche Summe für das Hildesheimersche Rabbinerseminar fordert. Tr. Klee (J-üd.Vp.) verweist zur Begründung dieses Antrages darauf, daß ein Teil der Gemeinderabbiner aus diesem Seminar hervorgegangen ist. Vorstands>- dezernent Dr. Freund verweist auf die.bisherige Praxis, nach welcher Subventionen nur nach Eingang eines begründeten Antrages bewilligt werden, dec vom der Subventionskommission und dem zuständigen Ausschuß vorgeprüft wird. Im Prinzip können gegenden volksparteilichen Antrag Einwände nicht erhoben werden, doch ist es bei der gegenwärtigen Finanzlage der Gemeinde äußerst fraglich, ob auch nur die bisherigen Subventionen weiterbewilligt werden können. Die Repräsentantenversammlung ist deshalb nicht in der Lage, o-hne jede Vorberatung eine Subventionierung, zu beschließen. M. A, Loeb (Kons.) fordert die Paritätische Behandlung beider Lehranstalten. Plotke (Lib.) erklärt sich grundsätzlich mit der Bewilligung einer Subvention an das Rabbinerseminar einverstanden unter der selbstverständlichen Voraussetzung einer eingehenden Prüfung der Verhältnisse der Anstalt. Professor Dr. Loewe (Jüd. Vp.) wünscht aus Gerechtigkeitsgründen die Gleichstellung des Seminars mit der Hochschule und hebt die wissenschaftliche Bedeutung der Anstalt hervor. Die Versammlung beschließt, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die geforderte Subvention von 20 000 Mark zu bewilligen. Der gleiche Betrag soll dem Rabbinerseminar gewährt werden. — Den Rest der Tagesordnung füllen aus Zuwendungen und Wahlen in Verwaltungskommisstonen. Sch. Berlin, 15. März. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" hielt am 28. Februar seine diesjährige Generalversammlung ab. Am 3. Februar 1920 konnte der Liberale Verein auf sein 25jühriges Bestehen zurückblicken, doch war in Rücksicht auf die allgemeinen Verhältnisse von einer Jubiläumsfeier Abstand genommen worden. Um dieser immerhin doch bedeutungsvollen Tatsache gerecht zu werden, wurde mit der Generalversammlung eine kleine Gedenkfeier verbunden. Herr Benas Levh gab einen Rückblick über die Wirksamkeit des Liberalen Vereins während der vergangenen- 25 Jahre. In hochinteressanten und für die heutigen Verhältnisse recht lehrreichen Ausführungen schilderte der Redner die Zustände in der Gemeinde von 25 Jahren, di-e zur Begründung des Liberalen Vereins führten. Unter den Männern, die den Liberalen Verein begründeten, befanden sich die bedeutendsten Namen der Berliner Gemeinde jener Zeit, z. B. Hermann Veit Simon, Hermann Mäkower, Karl Emil Franzos, Kar-Peles. Don dem segensreichen Einfluß, den der Liberale - Verein durch seine Freunde in 'der Verwaltung während der 25 Jahre ausübte, zeugen neben der musterhaften Finanzwirtschiaft der Gemeinde die Vermehrung der Syn.a-gog.endurch die Synagoge Lützowstraße und Fasanenstraße, der Schulen -sowie der Bau des Krankenhauses, des zweiten Waisenhauses und einer Alterversorgungsa'nstal't. Tie Vorsitzenden des Liberalen Vereins waren nacheinander: Geh. Justizrat Hermann Veit Simon, Justizrat Bernhard Breslauer, Justizrat Plonsker. Der Liberale Verein wirkte auch durch die Herausgabe seiner „Mitteilungen" für die Erweckung des Interesses unter den Berliner jüdischen Gemeindemitgliedern und für ihre lebendige Anteilnahme an der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde. Der Redner schloß mit einem warmen Appell an die Mitglieder des. Liberalen Vereins, auch fernerhin die überwiegend' liberale Wählerschaft der Berliner Jüdischen Gemeinde zur Mitarbeit aufzurusen, um die großen Gefahren, die die Gemeinde gerade jetzt wieder bedrohen, abzuwehren. Tee Versammlung folgte mit großem Interesse den Ausführungen des Redners und betonte in der sich an den Vortrag, anschließenden Aussprache ihre 'einstimmige entschi.edene Stellungnahme gegen das Nationaljudentum und die Vvllsgemeinde. Die Ausfuhr rungen des Herrn. B'.uas Levh fanden reichen Beifall. In der Voirstandswahl, die sich daran schloß, wurden gewä'hit: Justizrat Plonsker als 1. Vorsitzender und Zahnarzt M. Lipschitz als 2. Vorsitzender, Eugen Casparh und Dr. Walter Breslauvr.Au Schriftführern, Richard