Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 18 März 1921 85 Japans. Nr 6 ^k'lHl'llltlt'lUltE. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". LorrrsponLen?kn und Mchnchtm, Drutlchlsnd. E. M. Berlin 15. März. Die R <e P r ä f e n t a n t e n v e r - fammXung der Berliner Jüdischen Gemeinde erörterte in ihrer vorletzten Sitzung ein Problem von außerordentlicher Bedeutung. Die Jüdische Volkspartei hatte folgende Interpellation ein gebracht: ,,Jst dem Vorstande und der Repräsentantenversammlung bekannt, daß sich noch etwa vierzig jüdische Kinder, die von Der Sammelvormundschast der Jüdischen Gemeinde untergebracht sind, in christlichen Pflegestellen befinden? Was gedenken die Gemeindebehörden zu tun, um die schleunige Unterbringung dieser Psleglin-ge bre Sammelvormundschaft der Jüdischen Gemeinde in jüdischen Pflegestellen Zu veranlassen." Dr. Löb (Jüd. Vpt.) teillte als Referent zunächst mit, daß die Interpellation im Ausschuß besprochen wurde, wobei der Borstandskommissar ftstgestellt habe, daß sich früher allerdings dreißig Kinder in uichlj ü di scheu PflegestellLn befunden hätten, von denen inzwischen sechzehn bei jüdischen Familien untergebracht wurden. Ter Ausschuß war einstimmig der Meinung, daß die Ueberführung aller Kinder in jüdische Pflegestellen schnellstens erfolgen müsse. Hierauf begründete Dr. Löb die Interpellation seiner Partei. * Als erster Referent des Gemeindevorstandes erwiderte Rechtsanwalt Dr. L a m nt, daß von der Sammelvormundschaft bzw. von den anderen jüdischen Pf liege stellen der Gemeinde jüdische Mündel in christlichen Pflegestellen überhaupt nicht untergebracht sind. Allerdings befinden sich noch vierzehn von den 660 Mündeln der Sammelvormundschaft in nichtsüdischen Pflegestellen, wo sie von ihren Vormündern untergebracht worden sind. Einer weiteren Besserung der Lage steht zunächst noch der Mangel der jüdischen Pflegestellen gegenüber, nach denen rastlos weitergesucht werden wird. Die Schwierigkeiten liegen aber teilweise auf anderem Gebiet, da nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch dem Samme (vorm und nur die Vertretung des Kindes vor allem gegenüber seinem Vater wegen der Unter h a lt sie i sinn g zusteht. Die Sorge für die Person des Kindes in bezug auf Erziehung und Aufenthalt ist Recht und Pflicht der Mutter, der es nur durch gerichtlichen Beschluß auf einen eventuellen At iß brauch entzogen werden kann. Bielfach handelt es sich bei den vierzehn Kindern tun besonders gute Pflegestellen; vielfach haben die betreffenden Pflegeeltern, denen materielle Unterstützungen von den Gemeindekommissionen nicht gewährt werden, auch auf Beihilfen seitens der Kommune verzichtet, so daß auch eine materielle Beeinflussung nicht möglich ist. Der Redner gab dann eine eingehende Uebersicht über die bisherigen Maßnahmen und Möglichkeiten zur Beseitigung dieses Mißstandes. Am Schlüsse dieser Aussöhnungen appellierte der Redner cmdie Oessentlichkeit, in Stiftungen und Testamenten der unehelichen jüdischen Kinder zu gedenken. Der zweite Bor stand srddner Dr. B a u m unterstrich die Ausführungen des Vorredners. Selbstverständlich darf die Kostensrage für die Erhaltung eines Kindes keine ausschlaggebende Rolle spielen, doch' muß immerhin daraus hingewiesen lverden, daß die Unterbringung der Kinder in jüdischen Pflegestellen außerordentlich hohe Kosten verursacht. Die langeregte Aufnahme der Kinder in auswärtigen Waisenhäusern ist durch die Satzungen dieser Anstalten sehr erschwert und scheitert auch oft au den hohen Kosten, die von diesen Institutionen verlangt werden. Tie Verwaltung -wird auch in Zukunft bestrebt sein, die Zahl der jüdischen Pflegestellen zu vermehren. Herr Emil Pin> cus (Lib.) stellt fest, daß die Ausführungen der Vorredner bewiesen habeit, daß kein- Verschulden der Verwaltung diese Mißstände verursacht hat. Die noch in christlichen Pflegestellen befindlichen Kinder sind von der Stadt in diesen untergebracht worden. Auch die Liberalen waren stets bemüht, jüdische Pfleglinge in jüdischen Familien nuterzubrin gen. M. A. L o e 5 (Kons.) will die Schuld frage an dort Verhältnissen nicht untersuchen und bittet, alle Kraft auf die Besserung der gegenwärtigen Verhältniffe zu konzentrieren'. Er glaubt,- daß die positiv jüdische Anschauung unter den Mitgliedern der Sammelvormundschast nicht genügend vertreten ist, und binct um •eine Aenderuug in der Zinammemetzuua der Kommission. Herr Lew ins Li .(Kons.) erhebt die gleichen Forderungen und regt an, die bestehenden jüdischen Kinderheime intensiver zu unterstützen, um in diesen weitere Pflegestellen zu gewinnen. — Tr. Klee (Jüd. Vpt.) macht den in der Lammelvormundschaft herrschenden Geist für die gerügten Zustände verantwortlich. Dieser Vorwurf soll nicht einzelne liberale Persönlichkeiten treffen, er richte sich gegen die gesamte Weltanschauung, welche bisher in der Leitung! der Gemeinde zum Ausdruck kam. Es wurde sorgfältig jeder Einfluß der nichtliberal denkenden Kreise ferngehalten. Er ist bereit, aus den seiner Fraktion nahestehenden Kreisen geeignete Kräfte nächzuweisen, welche genügend Pflegestellen in jüdischen Häusern beschaffen können. Auch Aerzte und Pädagogen müssen in der Sammelvormund-schäft stärker vertreten feilt. Tie Neuordnung der Jugend- und Wohlfahrtspflege der Stadtgemeiude Groß-Berlin steht unmittelbar bevor; die Gemeinde muß sich rechtzeitig in die Wohlfahrtspflege der Bezirksämter 'eingliedern. Die Sam ine lvormundschaft muß verstichen, in den einzelnen jüdischen Gemein de bezirken Fühlung, mit Persönlichkeiten zti finden, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut sind. — Herr P totke (Lib.) wendet sich gegen den von Dr. Klee erhobenen Vorwurf, des mangelnden Inter,esses au jüdischen Pflegestellen bei den Liberalen. — Kerr Bndt (Gemeindevorstaud) betont, daß der Gemeindevorstand die Unterbringung jüdischer Kinder in jüdischen Pflegestellen stets als selbstverstäudliche Pflicht ansah. Daß er diese Pflicht ernst genommen Hab beweist der Rückgang der Zähl der in christlichen Pflegestellen unkergebrachteu Kinder. Ter Vorstand hat nicht ans Die Ermunterung durch die heutige Interpellation gewartet, sondern die erforderlichen Maßnahmen nach besten Kräften seit langem durchgeführt. — Dr. B a u m (Vorstands'kommissar) unterstreicht noch einmal die großen Schwierigkeiten, die den Forderungen der Interpellation entgegenstehen. Tie Wohlsahrtskommissionen haben sowohl Konservative als Zionisten um 'ihre Mitarbeit gebeten, ein Entgegenkommen jedoch nur bei den Zionisten gesunden, während die Konservativen auf die Aufforderung, nicht reagierten. - Pros. Tr. L o e w e (Jüd. Vpt.) erklärte, daß man in der Gemeindeverwaltung erst spät begriffen habe, das; das Mitwirken der Zionisten flrr die Gemeindearbeit von Wert ist. Von liberaler Seite wurde früher planmäßig die Mitarbeit von zionistischen Männern und Frauen verhindert. Geeignete Fachmänner wurden ans besoldeten Stellen nicht angestellt, ihre Mitarbeit in wissenschaftlichen Kommissionen verhindert, obwohl ihre Eignung Zweifellos gegeben war. — Da weile re Wortmeldungen nicht vorliegen, schließt der Vorsitzende die Debatte. Ein konservativer Antrag, der dem Gemeindevorstand ausgibb in Zukunft jüdische Kinder nur. in jüdischen Pflegestellen unterzubringen,. gelangt zur Annahme. — Die Jüdische Volks-Partei hatte darauf aufmerksam gemacht,, daß verschiedenen Zeitungsmeldungen zufolge der Stadtverordnetenversammlung ein Antrag auf Kommunalisiernng des gesamten Bestattungsioesens zugegangen lein soll. In einer Anfrage wünscht sie vom-Gemeindevorstand Auskunft über die Einzelheiten des. Antrages und über die eventuellen Maßnahmen zur Sicherung .der Interessen'-der jüdischen Gemeinde. Ter Vorsitzende der Friedhofsdeputation teilt mit, daß weder Stadtoerordnetenversammlung ttoch Magistrat sich bisher mit einer derartigen Vorlage beschäftigt haben. Gegebenenfalls wird die Gemeindeverloaltung selbstverständlich alle erforderlichen Maßnahmen treffen. — Zum 100. Geburtstage des Komponisten L e w a ii d o w s k i, welcher die Synagogenmusik um zahlreiche wertvolle Schöpfungen bereichert hat, ist eine Ehrung, des verstorbenen Meisters der Synagoge nmusik vorgesehen. Ter Gemeindevorstand will diesen Tag nicht vorüberaehen lassen, ohne Lewandowskis Verdienste um die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes der Berliner Gemeinde geziemend zu würdigen. Von einer größeren Feier wird mit Rücksicht auf die Zeitverhiältniffe abgesehen. Eine besondere Ehrung Lewandowskis soll im Rahmen des Gottesdienstes stattfinden. Am ersten Pessachtage soll in der Reuen Synagoge ein schlichter Festakt in den Gottesdienst eingeschaltet lverden, bei dem in der Predigt die Bedeutung und die Persönlichkeit des Jubilars gewürdigt werden-soll, während der musikalische Teil der Feier aus Lewandowskis Kompositionen bestehen soll. Auch, in den anderen Synagogen wird in der Predigt Lewandowskisgedacht werden. Die erforderlichen Kosten wevden einstintmia. bewilligt. Eine Reihe von Wahlen beschließt die um-sangoeiche Tagesordnung.