Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
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72 besonders das über den Kampf in den - Hansestädten erhaltene Material gründlich studiert und ausgezeichnet beleuchtet. Er zeigt, wie dort U'N'd in Frianikfu-rt die um die Erhaltung der den Juden während der Franzosenzeit gewährten Rechte geführten Kämpfe zu einem politischen Problem vorn enropätscher Beideuäiunig, «wurden. Seme Stud-ien fctffmt auch das Dtilieu am Kongreß und den Einfluß der Wiener Salons auf die Staatsmänner weit besser erkennen, als es bisher möglich war. Im entscheidenden Moment sreilich versagte die Tätigkeit der jüdischen Aristokratie. Wichtig ist seine Erklärung, wie die bekannte Aenderung des Wortes „von" den Bundesstaaten statt „in" den Bundesstaaten zustande gekommen ist. Danach muß die bisher verbreitete Meinung, daß das Wort aus einer Fälschung hervorgegangen ist, aufgegebeil werden. -Bielwehr handelt es sich höchstwahrscheinlich darum, daß das Gebiet der 32. Militärdiviston, zn dem die Hansestädte gehörten, nach einem Kongreßbeschluß an die französische Gesetzgebung nicht gebunden sein sollte, und daß dieser Beschluß dazu führte, die dort verliehenen Rechte nicht als von den Bundesstaaten bewilligte zu bezeichnen (S. 201 ff.). Einzelheiten sind in dem Buche zu berichtigen, sein Stil läßt zuweilen zu wünschen übrig, im ganzen aber darf es als eine sehr wertvolle Bereicherung unserer Geschichtsliteratur angesehen werden. Was neben dem Buche Barons die kleine Schrift Gelbers bedeuten soll, ist nicht recht zu verstehen. Tie in ihr wörtlich abgedruckten Aktenstücke sind sämtlich von Baron benutzt und dem Inhalt, oder an wichtigen Stellen auch dem Wortlaut nach, wiedergegeben. o: E l b o g e n. - History of the Jevvs in Russin and Poland. Froin the Earliest Times llntil tho Present Day by S. M. Dubnow. Translaied from the Russinn by J. Friedländer. Volume 111. Philadelphia, The Jewish Publication Society of America 1920. Der soeben ersäsieneiw drsite Band von Tubnows „Ge'ichichte der Juden in Rußland uud Polen" beschließt ein imposantes Werk. Es hatte sich schon längst.fühlbar -gemacht, daß in Grätz' „Geschichte der Juden" dem großen Gebiet der Geschichte der Ostjnden verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt tst und daß /für eine so -große und wichtige Periode der jüdischen Geschichte ein Spezialwerk nötig sei. Mit der Ausführung dieses Planes hatte die .Jewish Publication Society of Ameriiea“ Simon M. Dubnow betraut, der als die größte Autorität auf diesem Gebiete gilt, der schon eine große Zahl wichtiger Arbeiten geleistet und '«em ganzes Leben der Erforschung russischjüdischer Geschichtsguellen gewidmet hat. Obgleich Tnbno'w diesen Gegenstand schon in mannigfachen Einzelnrbette.n behandelt hat, ist doch das uns vorliegende Wert gänzlich neu, sowohl in seiner Darstellungsform als auch in bezog auf den reichhaltigen Stoff. D.ubnoms gefälliger Stil ist ein besonderer Vorzug seiner Arbeit, und feine Zuverlässigkeit als Historiker reiht ihn unter die ersten Schriftsteller der Gegenwart. Zugleich konnte die amerikanische „Publication Society“ den im vorigen Jahre in der Ukraine ermordeten Professor I. Friedländer dafür gewinnen, diese Arbeit aus dem ursprünglich russischen Text in das Englische zn übersetzen. Dies ist ihm mit vollendetem Geschick gelungen, tudern er noch eine Reihe von Verbesserungen ein führte. Auch fügte er noch zahlreiche Fußnoten bei, um Pointen dadurch zn erklären, die dem englischen Leser sonst unverständlich sein würden. Der erste Band erschien im Jahre 1916 und umfaßt die Periode von den ersten Anfängen der ostjüdischen Geschichte bis znm Tode Alexanders I. im Jahre 1825. Der Autor erzählt die fesselnde Geschichte des Königreichs der Chazaren, der Juden in früheren russischen Fürstentümern' sowie die Geschichte der jüdischen Kolonisten in Polen und Litauen. Er entwirft ein anschauliches Bild von dem inneren Leben der Juden -in Rußland., ihren autonomen Gemeinden, ihren Institutionen und ihrer verichiedenartigen Wirksamkeit. Der zweite Band erschien 1918 und setzt die Geschichte fort vom Tode Alexanders 1. bis znm Tode Alexanders III. (1825 bis 1894). In diesem Teil behandelt der Autor die Juden verfoilgun gen unter dem militärischen Despotismus Nikolaus' I., die von der russischen Regierung ein geführte Zwangsaiufklärnng und andere Themen, die für «russisch-jüdisches Leben verhältnismäßig moderner ' Zeiten von Interesse sind. Die literarische Tätigkeit der hebräischen Schriftsteller' findet in diesem Bande eine angemessene. Würdigung; auch entwirft der Autor ein ausführliches .Bild der Ehibbat -Jion-Bewegnng. Der uns nun vorliegende dritte Land umfaßt die Zeit von der Thrvnbe'steigllng Nikolaus' II. bis znm Beginn des Weltkrieges. Obwohl viele der hier vorMtragenen Ereignisse den: Leser mehr oder weniger bekannt sein dürften, io ist es dennoch interessant, sie von einem so bedeutenden Historiker beleuchtet zu sehen. Die vielfachen Pogrome, die das Leben der Juden in Rußland seit den letzten Jahrzehnten so verzweislun-gsivoll gestaltet haben, werden hier eingehend geschildert. Ein beträchtlicher Raum ist auch den verschiedenen Phasen jüdischer Wirksamkeit gewidmet; ebenso den literarischen Arbeiten der jungerl Generation. So gibt uns Dubnow z. B. auch einen kurzen Einblick in das Schaffen eines Perez, Biauk und anderer hebräischer und jüdischer Dichter und Novellisten. Dieser dritte und letzte Band enthält auch in Anlehnung an dort Text eine weitaus gedehnte Bibliographie und einen Index zum Gesamtwerte. In der Bibliographie ist ein ungeheures wissenschaftliches Quellenmateria'l angeführt und in einer Weise geordnet, daß der Leser sich leicht der Quellen vergewissern kann, auf die der Autor sich bezieht. Ter Index, der mit äußerster Sorgfalt von Professor Friedländee hergestellt Ist, gibt eine treffliche Uebersicht der jüdischen Geschichte in Rußland und Polen, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es wäre wünschenswert, we-nn auch dieser dritte Band durch Uebertragung ins Deutsche einem deutschen Publikum zugänglich gemacht würde. B. K. Sprechet- S c h r g e e h r t e Redaktio n! Das Jüdische Arbeitsand, das sich zur Ausgabe gesetzt hat, die Produktivierung der Juden in Deutschland.mit allen Kräften zn fördern, sucht in seiner -sozialpolitischen Abteilung seit einiger Zeit besonders Berufsberatung.und Lehrstellenvermittelung auszubauen. Von der Ansicht ausgehend, daß die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine weitgehende Vermittelung jüdischer Arbeiter nicht mehr gestattet, sucht das Jüdische Arbeitsamt wenigstens die jungen Menschen unter Zwanzig, die heimatlos in den Großstädten allen Versuchungen unterliegen würden, einer geordneten Lehrtätigkeit zuzuführen. Es lassen sich hierzu drei Wege einschlagen: einmal der gelungene Versuch der Bildung von Produktivgenossenschasten, zweitens die Bereitstellung von Lehrstellen und die Vermittelung von jungen Leuten als Lehrlinge, drittens die Unterbringung von ewas bemittelteren, aber bisher durch die traurigen Verhältnisse im Osten nicht 3itr Erlernung eines wirklichen Handwerks gelangten Ueberzwanzigjährigen in Volontärstellen «in technischen und Tischlereibetrieben. Durch gründliche Maßnahmen sind wir in der Lage, schon heute einen großen Teil der Lehrlinge,, die sich an uns wenden, unterzubringen. Selbstverständlich erfordert das beträchtliche Mittel, da die jungen Leute meist ganz ohne Anhang sind und auch aus ihrer Heimat nichts bekommen können. Trotzdem sehen wir in dieser Art der Unterbringung die einzige Möglichkeit, wirklich produktiv jüdischen Menschen zu helfen. Wir richten daher an alle jüdischen Kreise die Aufforderung, in allen Fragen, die Vermittelung von Lehrstellen betreffend, sich an uns zu wenden» da wir in den meisten Fällen in der Lage sein werden, dem Gesuche nachzukommen.' Darüber hinaus richten wir an die Leser dieser Zeitung den Appell, uns durch Annahme jüdischer Lehrlinge zu unterstützen, indem sie sich in jedem Falle an uns wenden. Wir werden meist in der Lage sein, geeignete Lehrlinge zu überweisen, und auf diese Weise würde vielen jüdischen Menschen geholfen werden. Eine besondere Aufgabe läge dann weiterhin darin, junge Leute, die, durch die bisherigen Verhältnisse aus wirklicher Arbeit herausgedrängt, irgendwie ein Fach erlernen möchten und dazu teilweise finanziell in der Lage sind, dadurch zu unterstützen, daß man ihnen als Volontäre in technischen Betrieben die Möglichkeit gibt, etwas zu lernen. Wir bitten daher olle Inhaber von Geschäften und Betrieben, sich an uns wegen Einstellung von Bolontären wenden zu wollen. - Hochachtungsvoll Tr. P reu tz. Jüdisches Arbeitsamt E. V., Berlin N 24, Angnststraße 17.