Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
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70 Kommen Sie, Reb Veilchenblum! Veilchen-blum (sich ebenfalls zum Gehen wendend): Unglückseliger! — Was wird der Rabbi sagen, wenn ich ohne Sie komme. — Aber ich habe Pflichten, — ich muß mich, meiner Familie erhalten. — Sie kommen -doch mit, Fräulein Lea? Lea (fest): Ich verlasse den Vater nicht. Veilchenblnm geht achselz-uckend mit den beiden Männern ab. Elias blickt unverwandt -seine Frau a-n und -bewegt betend die Lippen. Lea hat ihren Platz bei ihm verlassen -und läuft unruhigaus undab. Dann bleibt sie plötzlich vor ihm stehen. Der Kopf -des -a-lten Mannes ist inzwi-s-ckx-n -auf die Brust herabgesuNke-n. Lea: Vater! Vielleicht ist das Urteil noch nicht vollstreckt. Wir müssen versuchen, David zu retten. — Komm, ich -will Zeugnis -ablogen für seine Unschuld! (Näher tretend): O Gott! (-horcht einige Zeit aus feine Atemzüge.) Er ist eingeschlasen. — So -gehe ich allein. —- Mehr als das Leben kann es mich nicht kosten. (Lea stützt die Tür aus, wankt aber sofort zurück mit dem Ausruf): Allmächtiger! Was ist -geschehen? Veilchenblum (außer Atem): Wir sind gerettet, Fräulein Lea! Wir brauchen nicht zu fliehen. Vor einer Stunde haben die Deutschen unsere Stabt besetzt. Lea (zitternd): Und das Todesurteil? Wurde es vollstreckt? (Eli-as hebt lauschend den Kops) Veilchenblum: Niemand weist es. — Die Deutschen überraschten die russische Garnison. Es kam zum Straßenkampf. Die Russen wurden besiegt, teils getötet, teils in die Flucht geschlagen, teils sind -sie in Gefangenschaft geraten. David Krongold -hat niemand gesehen. Elias: Habt Ihr -denn nach ihm gefragt? V e i l ch e n b l u m: Ja, der Rabbi -erkundigte sich!bei einem deutschen Offizier nach ihm. Er -beschrieb ihm genau Davids Aussehen. Der Offizier konnte ihm keine Auskunft geben. Aber er hat sich Davids Namen und die Adresse des Rabbiners genau notiert. Das habe ich! selbst gesehen. Elias: Das macht meinen David nicht wieder lebendig. L e-a: Zu spät, zu spät, jetzt hätten wir glücklich sein können, (leise) -und ich bin schuld an seinem Tode. Elias (zu der Toten): Jetzt kommst du doch noch auf unseren Friedhof, Sarchen, — und ich neben dich, so Gott will. (Dann zu, Veilchenbl-umgewendet, i-n-dem er die Bahre erfaßt): Wollen Sie mir helfen? (Veilchenblu-m faßt die Bahre au -der anderen Sei-te. Lea geht langsam nach, bleibt aber dann stehen, so daß sie, nachdem sich die Tür hinter d:m Auge g-eschloffen, allein ist.) L e a: Läge ich doch an ihrer Stelle! — Aus dem Leben fliehen, das wäre Erlösung. Aber noch bedarf der Alte meiner, und ich habe David versprochen, seine Eltern nicht zu verlassen. — So will ich sühnen. (Während sie mit entschlossenem Schritte die Schwelle -des GotteSha-ufes überschreitet, fällt der Vorhang.) 5. Akt. (Das alte Zimmer wie in den drei ersten Akten. Eine lange Tafel ist gedeckt, aus welcher man die sogenannte Sedevschüssel sieht, mit Marksknochen. Ei, grünen Wurzeln, Gefätz mit Salzwasser. Während der Vorhang anfgeht, sieht man Lea die beiden Lichter am zünden und leise mit vorgehaltenen Händen den Segensspruch beten. Sie ist blaß, macht einen schwermütigen Eindruck.) Elias (Lea vom Lehnstuhl auS beobachtend und versonnen mit dem Kopse nickend): Glanz wie meine selige Sarah. — Wenn ich hier so sitze und sehe den gedeckten Tisch, da ist es mir gar nicht möglich, daß sie nicht mehr sein soll. Lea (ihnsorgenvoll anblickend): Wenn es nur nicht zu viel für dich wird, Väterchen! Die vielen Gäste. Du bist so sehr an die Ruhe gewöhnt. Elias: Ich muß Menschen um mich haben. Mit dir allein in diesen vier Wänden wäre ich wahnsinnig geworden. Alle Jahre haben wir uns zum Pesfachsest die Aermsten -eingeladen, und ich weiß, es ist -ganz im Sinne meiner Frau, daß ich es auch dieses Jahr tue. Weshalb soll ich die Armen mein Unglück entgelten, lassen? Sind, sie denn schuld daran? Lea (tief seufzend): Nein, die sind nicht schuld! E l i a s: Auch den Vorsteher Feldmann, meinen Freund Jsaaksohn und Aron Veilchenblu-m, den Bruder von Löb Veilchenblum, habe ich, wie immer, ausgef-ordert. Diese drei Junggesellen haben seit zwanzig-Jahren an jedetn Sederabend an meinem Tisch gesessen. — Es wundert mich, daß sie noch nicht da sind. Lea: Es ist ja noch nicht spät. (Sie legt an jeden Platz ein Gebetbuch, die sogenannte Hagg-ada-h. Dan-n setzt sie sich auf einen Stuhl und starrt traurig oor sich hin. Plötzlich klopft es.) Elias: Herein! (Jsaaksohn hnb Aron Veilchenblu-m, zwei ältere Männer, treten mit dem Gr-uD: „Gut Jon-t-ef" ins Zimmer.) Jsaaksohn: Wir sind wohl zu zeitig gekommen? Lea: Im Gegenteil, ich freue mich, daß Sie dem Vater ein bißchen Gesellschaft leisten, weil ich noch in der Küche zu tun habe. — Nicht wahr. Sie entschuldigen mich? (Eilt hinaus.) Elias: Schwer hat sie es jetzt. Zu Lebzeiten meiner Frau hatte sie sich um die Wirtschaft wenig gekümmert. Jetzt ruht die ganze Last des Haushalts aus ihr. Jsaaksohn: Trotzdem findet sie noch zu so vielen anderen Dingen Zeit. Ichhabe von -den Frauen nie viel -gehalten. Aber vor diesem Weibe habe ichallen- Respekt. Elias: Erst heute habe ich wieder zu ihr gesagt: Lea, meine Tochter, rackere dich nicht so sehr ab -für die Kinder fremder Leute! Was habe ich denn, wenn du krank wirst? Der Mensch muß auch mal an sich denken. Aber du vertrauerst -dein junges Löben. — Antwort hat sie mir gegeben wie der Tisch. Aron Veilchenblum (seufzend): Ja, sie hat ihren Kopf für sich. Jsaaksohn: Sie wollen doch nicht etwa auf Ihre alten Tage —? Aron Veilchenblum: Gott bewahre, wo denken Sie hin! I s a a k s o h n: Würden auch kein Glück haben, meine ich. — Jugend hält zu Jugend. — Lea ist zwar ganz anders als andere junge Mädchen. Die haben, wenn sie in diesem Alter sind, nur ihren Putz und ihre Liebschaften im Sinn. Was tut Lea? Nicht nur, daß sie die verschämten- Armen ausfindig macht und überall im Verborgenen Wohltaten spendet. Davon will ich nicht reden, denn der eigentliche Geber sind Sie, Reb Krongold. Aber das übrige, was sie -geleistet hat: Volksküche gegründet, Flickstube -eingerichtet, und es dabei glänzend verstanden, nich! nur Sie, Reb Krongold, sondern alle reichen Juden in der Stadt zur Her-gabe der Mittel zu bewegen. Die Flickstube ist ein wahrer Segen. Früher wurde man ordentlichverfolgt aus -der Gasse von Hausierermnen und Bettlerinnen. Jetzt sitzen die armen Weiber da oben, lernen ordentlichnähen und verdienen sich mehr dadurch, als sie früher erbettelt hatten. Aron V e i l ch e n b l u m: Aber an die Hauptsache denken Sie nicht. Jsaaksohn: Ach so; das mit dem Kindergarten. Mag sein! Dafür habe ich weniger Verständnis. Aron Veilchenblum: Und doch ist die Jugendfürsorge das Wichtigste. Früher war mir bange um unsere Zukunft, wenn ich mir die Kinder auf der Gasse betrachtet habe, schmutzig, verwahrlost, frech und doch dabei scheu und gedrückt. Jetzt, in der kurzen Zeit, seitdem Fräulein Lea sich der Ki-n-der annimmt, ist es. ganz anders geworden. Sie sehen nicht nur adretter und sauberer aus, sondern sie machen auch in ihrem Wesen einen kindlich-frohen Eindruck, den ich früher an ihnen nicht gekannt habe. — Vorige Woche, als die