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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-03-18 · Heft 6 (18.3.1921) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 6 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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68 Obigem, für alle Gratulanten bestimmten Dankschreiben fügte Kirchheim noch folgende Worte an den Adressaten, Dr. Meyer in Hannover, hinzu: „Es genügt meinem dankbaren Herzen nicht, meinen alten Freunden nur ein kollektives Dankschreiben zu senden, wenn auch so manches tadelnde Wort aus ihrer Feder entschlüpfte. Ein 4)pirr6 DlblPi'ft mir ebenso lieb wie ein 5)avnp*? m'bxS? nur ein°)2.-,'711^2Q pirm DITSS NNX 211p hätte mich geschmerzt. Ich kann Sie versichern, daß mir die herzlichen Briefe der alten Freunde lieber waren, als die Lobhudeleien und das Phrasengeklingel, das ich leider anhören und lesen mußte, denn unverdientes Lob ist ebenso schmerzhaft wie unverdienter Tadel. Von unserem alten DukesJ erhielt ich mehrere Briefe; er ist noch geistig, wie er war, er murrt über sein verfehltes Leben, steht mit keinem Gelehrten in Wien im Verkehr, aber körperlich hat er sich — nach seinem Bilde zu urteilen — prälatenmäßig ausgebildet. Wie im Jahre 1848 möchte ich Sie und Ihre liebe Frau einmal hier sehen, wenn die Zepragestreifte (sie!) Schlagbäume in Deutschland fallen und in der Paulskirche ein Robsph . . . zu Gericht sitzt. Hochachtungsvoll Ihr alter R. K." Sie Milche Löhne. Eine theatergeschichtliche Studie. (3. Forts.) Von Samuel Meisels (Wien). V. Das moderne jiddische Drama, ie Schwingen der Zeit wehten die Moderne auch in den jiddischen MusentemPÄ, und die in ihm dienenden Kunstpriester nahmen sie freudig auf und gossen sie in eine ziemlich sein geglättete jiddische Schale. Tie Moderne war diesmal -ein Mädchen aus der Fremde, das auch die Gettojuden mit einigen Blumen beschenkte. Auf der jüdischen Bühne ist eigentlich auch heute noch nichts außer Mode. Selbst das, was aus ihr ganz veraltet anmutet, hat nicht ganz seinen Kurs verloren. Auf der jüdischen Bühne ist die eine Richtung noch nicht von der anderen völlig verdrängt worden. Die moderne und die alte Schule stehen nicht einmal im Wettkampf feindlich gegenüber; sie wohnen beieinander, ohne sich im geringsten zu befehden. Die kaum näher zu bezeichnenden Theaterstücke der ältesten jiddischen Dramatiker teilen mit denen der jüngsten den Spielplan. Das jüdische Theaterpublikum in New Port und in Polen, wo die jüdische Bühne heimisch ist, kennt insofern keinen Unterschied zwischen einem modernen und einem altmodischen Theaterstück, als es dem ersten keineswegs irgendwelchen Vorrang zugesteht. Die modernen Dramen sind gewiß sehenswert, aber auch die altmodischen sind „herrlich wie am ersten Tag". Das Familien- und Sittenbild, das das moderne Drama entrollt, ist gewiß interessant, aber auch das altmodische Theaterstück mit seinen Sängen und Klängen, seinen Königen und Narren ist reizend. Bei diesem Doppelgeschmack ist es erklärlich, daß dasselbe Publikum, das heute ein operettenhaft zusammengeflicktes Schaustück von dem ältesten jiddischen ') Fr-iedensgrutz dem Fernen, 3) Fried-ensgruß dem Nahen. 6) Nahe bist dui-n ihrem Munde und entfernt von ihrem Innern. 7) lieber Leopold Dukes vgl. „Je-ioifh Encyclopedia" V, 9 ff., woselbst auch seines Aufenthaltes in Hannover gedacht wird. Dort erschien 1853 (nicht, >vie „Zewish Encyclopedia" a. a. O. angegeben, 1858 Q'öl"lp ^n: („Zur Geschichte der jüdischen Poesie im Mittelalter", 2 Hefte.) 8) So in der Dorllag-e (= Rvbespierre). Dramatiker Goldfaden bejubelt-, morgen ein modernes Drama von Gordin mit Begeisterung aufnimmt. Das ist ganz in der Ordnung, und nur Uneingeweihte werden hierin einen Widerspruch sehen. Nicht Pietät noch Tradition gibt dem altmodischen Drama auf der jüdischen Bühne Daseinsberechtigung. Es wird gespielt, weil eS seine Anziehungskraft nicht verloren hat. Das „Alte" isbhier noch jung; die Schauspieler spielen's und die Zuschauer sehen's gerne. In Wahrheit gefällt ihnen das altmodische Stück viel besser als das moderne. Die jüdische Bühne ist heute vierzig Jahre alt und hat mehr denn zwei Jahrzehnte ausschließlich das altmodische Schaustück gepflegt; das hat sicherlich auf Die Bildung des Kunstgeschmacks bei Schauspielern und Zuschausrn nicht sonderlich günstig eingewirkt. Man wird es daher als großen Fortschritt bezeichnen müssen, daß sich das moderne Drama überhaupt neben dem altmodischen behaupten kann. Das moderne jiddische Drama bietet zumeist einen modernen Stofs in einer eigenen Verpackung. Wer sich nicht von der Etikette, die allenfalls jüdisch aussieht, täuschen läßt, merkt gleich, wes Geistes Kind der Inhalt eines jiddischen Dramas ist. Seinen Inhalt bildet öfter ein exportiertes Problem aus Christiania oder Jaßnaja-Poljana. Aber die Personen sind Juden und ihre Sprache ist jiddisch — das gibt dem Drama ein jüdisches Aussehen. Das moderne jiddische Drama behandelt nur äußerst selten ein spezifisch jüdisches Problem oder das jüdische Problem schlechthin. Hierzu fehlt es den modernen jiddischen Dramatikern an jener schöpferischen Kraft, die sich die Stoffe selbständig wählt und sie von Vorbildern unabhängig gestaltet. - Aus diesem Grunde hat das moderne jiddische Drama nur in sehr vereinzelten Fällen den Fremden etwas zu sagen, was nicht schon von anderen, und zwar viel besser gesagt worden ist. Aber den Einheimischen sagt es viel. Es vermittelt ihnen Kunst in einer ihnen angemessenen Form; es lehrt sie durch die Kunst das Leben begreifen. Der in unseren Tagen mehrfach bestrittene Grundsatz, daß die Schaubühne erzieherisch wirke, wird annoch von den jüdischen Dramatikern fast bedingungslos anerkannt. Wenn sie auch mit Argusaugen nach allem Modernen Umschau halten und sich von den neuzeitlichen literarischen und künstlerischen Strömungen mit fortreißen lassen, wenn ihre Nachahmungsgier sie auch zum Gesunden ebenso wie zum Dekadenten hintreibt — so sind sie dennoch selbständig und unabhängig genug, den Propagandisten einer „zwecklosen Kunst" die Gefolgschaft zu weigern. Der dort pour I'art-Kampfrnf hat bei den jiddischen Dramatikern keinen Widerhall gefunden. Da machen sie einfach nicht mit. Eine Kunst, die nicht das Leben verstehen lehrt, ist ihnen unverständlich und unverständig. „Was bezweckt er damit?" ist eine der gebräuchlichsten Fragen im Getto. Und auch seine Dichter dürfen auf diese Frage keine Antwort schuldig bleiben. Jedes Werk müsse einen Zweck haben. Der Dichter müsse mit seinem Werke etwas beabsichtigen. Man muß das Publikum im jüdischen Theater zu behandeln wissen. Es hat seine eigenen Anschauungen, wie ein Bühnenstück beschaffen sein muß. Es duldet vor allein keine Ungerechtigkeit; es verlangt, daß der Schluß des Stückes alles wieder gut macht, was das Schicksal — oder der.Autor — am Anfänge verdorben hat. Der Held darf nicht zugrunde gehen, denn ein Held muß sich durchringen können. Die Unglücklichen müssen wieder glücklich, die Getrennten wieder vereinigt werden, fiat Justitia et pereat ars. Man kann auf der jüdischen Bühne eines Theaterskandals gewärtig sein, wenn ein Stück keinen befriedigenden Abschluß findet. Auch die Darstellung grundschlechter Charaktere ist gewagt. (Es soll vorgekommen sein, daß ein Schauspieler, der den Verräter

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