Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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67 schaftlich vorgebildeter Rabbinerstab den Gemeinden die Ideale des Judentums vermitteln und ihnen neuen Lebensgeist einflößen. Freilich muß in erster Reihe ihre materielle Stellung nach jeder Richtung hin unabhängig gestaltet werden. Es darf nicht mehr Vorkommen, daß Träger der jüdischen Wissenschaft jed>em Gemeindegewaltigen ihre Reverenz ausdrücken müssen, um etwa ihre Stellung zu stärkend jr^n D“GX 1NNV1 Es darf nicht Vorkommen, daß zuweilen auch größere Gemeinden ihre Rabbiner fortschicken, um sich mit einem sogenannten Kriegsersatz zu begnügen, der eine Mischung verschiedener Funktionen darstellt, eine Synthese von Rabbiner, Kantor usw., um nur Ersparnisse zu erzielen. Es darf nicht Vorkommen, daß Seelsorger gesucht werden, die gerade die Altersgrenze des Verstandes noch nicht erreichten — Len arboim labino —, während jedes Geschäftshaus vorwiegend erfahrenen, bewährten und tüchtigen Kräften den Vorzug gibt. Wenn wir diese Mißstände überblicken, entringt sich uns der talmudische Seufzer: „Die Thora wird endlich in Vergessenheit geraten!" Da kann nur ein gemeinsamer Zusammenschluß sämtlicher Berufs- und Leidensgenossen Abhilfe schaffen. Und wenn eine Zuschrift warnte: „Das Schiff sinkt, es rette sich, wer kann!", so könnte dieses nur durch gemeinsame Anstrengung sämtlicher Passagiere Rettung finden. Jede Halbheit und jede Unaufrichtigkeit führt nicht zum Ziel und kann nur schädlich werden. Man wende aber nicht ein, wie ein Kollege brieflich, der tschechische Staat stehe vor der Trennung von Kirche und Staat und werde für jüdische Interessen nichts unternehmen. Nein! Die innere Konstellation der Republik ist tatsächlich noch lange nicht derartig, daß die klerikale Partei ausgeschaltet werden könnte. Ja, gerade diese Partei erwies sich wiederholt als Zünglein an der Wage, so daß noch Jahrzehnte vergehen dürften, bis eine solche Trennung auch nur denkbar wäre. Warum also dieses Schreckgespenst schon jetzt gerade gegen jüdische Beamte anwenden? Oder haben denn nicht auch die katholischen Geistlichen ihre „Jednota", die selbst bei der Regierung für ihre Mitglieder die größten Vorteile erwirkt? Sehen wir denn nicht, daß Einigkeit selbst in verjüngen Republik zum Nutzen gereicht? Um also diese einigende Aktion besser zum Ausdruck zu bringen, erscheint es notwendig, den großen Komplex der sich ergebenden Agenden in mehrere Teile zu zerlegen und verschiedenen Händen anzuvertrauen. Diverse Sektionen mögen nebeneinander arbeiten und gemeinsam das gesteckte Ziel zu erreichen suchen. Es mögen daher folgende Sektionen in Vorschlag gebracht werden: 1. Finanzsek tion, arbeitet zur Stärkung der finanziellen Mittel der Organisation und verwaltet deren Finanzwesen, wie Mitgliedsbeiträge, Stiftungen, Spenden usw. usw. 2. Literarische Sektion, leitet das Vereinsorgan, verfaßt apologetische und andere Schriften und fördert literarische Unternehmungen der Organisation. 3. Juridische Sektion, schlichtet Meinungsverschiedenheiten oder Differenzen zwischen einem Mitgliede und dessen Gemeinde und führt evtl. Rechtsstreitigkeiten mit Hilfe eines Rechtsfreundes durch. 4. »Wirtschaftssektion, führt die nötigen Interventionen bei Masaryk oder den Ministerien durch und sucht der Gesamtheit des Standes bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen zu erziehen. Die Sektionen bestehen aus Rabbinern, Kantoren und anderen Beamten, und zwar in proportioneller Einteilung. Dadurch soll der Befürchtung des Herrn K. in R. (Nr. 8 der „Mitteilungen") vorgobeugt werden. Es soll keine Kastenhegemonie, sondern eine volle Sozialisierung verwirklicht werden. An der Spitze jeder Sektion steht ein Rabbiner, dessen wissenschaftlicher Ruf, Beziehungen und gesellschaftliche Stellung dem Erfolg nur nützlich sein würden. Lin löriek Agphsel kirchheiML" aus dem Jahre 1874. Von Dr. A. Lewinsky (Hildesheim). us Anlaß des hundertsten Geburtstages, von Grätz veröffentlichte S. Unna in Frankfurt a. M. im „Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft", XII, 1918, S. 318 ff.: „Briese von H. Grätz an Raphael Kirchheim", deren Originale sich in der Bibliothek der dortigen Israelitischen Religionsschule befinden. In der Reihe jener Episteln begegnen wir (S. 323, unter IV) einem herzlichen Glückwunschschreiben, das der berühmte Historiker an seinen „lieben, guten, alten Freund" Raphael Kirchheim anläßlich seines 70. Geburtstages am 7. Dezember 1874 von Breslau aus richtete. Mit warmen Worten rühmt Grätz Kirchheims. Verdienste um die Förderung der jüdischen Wissenschaft sowie seinen „festen Charakter" und seine „Wahrheitsliebe". Auch andere. bedeutende Männer hatten des Frankfurter Gelehrten gedacht und ihm an seinem Ehrentage ein Album mit ihren Photographien als Zeichen ihrer Verehrung überreichen lassen. Darauf sandte Kirchheim am 16. Dezember jenes Jahres (1874) ein „collektives Dankschreiben" all jenen zu, die ihm aus solch sinnige Art ihre Glückwünsche entboten hatten. Ein Exemplar dieser Danksagung fand ich vor kurzem in den älteren Akten des Landrabbinats Hannover, dessen damaliger Verwalter Landrabbiner Dr. Meyer, ebenfalls den zahlreichen Gratulanten sich zugesellt hatte. Das Schriftstück, das der Wiedergabe in diesen Blättern wert erscheint, hat folgenden Wortlaut: Verehrter Herr Rabbiner! Gegen mein inneres Widerstreben Lob und Anerkennung für meine höchst unbedeutenden literarischen Leistungen anzunehmen, war es ohne mein Wissen uud Willen, daß meine Frcunde, Herr Rabbiner Dr. Brüll und Herr Tr. Auerbach, zu der Famillienfeier (sie!) meines 71. Geburtstages, bei den bekanntesten und berühmtesten Männern der jüdischen Wissenschaft, zum Theil mir längst befreundet, einen Ehrentribut für mich in ihren- Photographien sich erbaten. Sie haben ihrem Ausrufe hierzu nicht nur Folge geleistet, sondern sie beehrten mich noch zum Theil mit telegraphischen Begrüßungen und überschwenglichen Anpreisungen meines Strebeus uud Wirkens. Mich selbst nicht überschätzend und frei von jedem unberechtigten Ehrgciz, betrachte ich diese heroouge rufen e Kundgebung nur als Aufforderung, aus der betretenen Bahn, sortzuschreiten. Und bin ich auch nicht im Stande, den Vorbildern-) in dem mir von unserem Gemeindevorstand überreichten Album geistig gleichzukonnnen, so ist immerhin ihre frische geistige Jugendkraft, selbst bei den schon betagten Männern, von belehrendem und anregendem Einflüße ans mein Alter. Gestatten Sie mir, verehrter Herr, zum erstenmal von dem Prärogativ dies Alters Gebrauch zu machen, uind verzeihen Sie es mir, wenn ich bei ben vielen mir zngekonnnenen Briefen und Telegrammen nicht speziell 3)17lSPElH122',2i?t^K2?'’K antworte: es würde sich doch alles auf den Einen Punkt coneentriert haben, meinem Dankgefühl Ausdruck zu geben. Ffurt a. M., 16. Dec. 74. Hochachtungsvoll Raphael Kirchheim. *) Ueber Raphael Kirchheim ttivL „Jewish Encyclopedia" VII, 508 s. v., woselbst auch seine Werke verzeichnet werden. Zu ergänzen ist dabei die Schrift: „Was muß der Jude glauben?", Frankfurt a. M. 1853 (Zeitschrift für hebräische Bibliographie" XVIII, 1915, S. 99, Nr. 374). Als Todesdatum ist von Kayserling („Sterbetage aus alter und neuer Zeit", Prag 1891, S. 31) der 5. September 1889 angegeben, während in „Jewish Encyclopedia" a. a. O. der 6. jenes Monats genannt wird. Irrtümlich ist bei Deutsch, „Memorable Dates" 1888 als Todesjahr bezeichnet. Vgl. noch „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1889, S. 587, und 1915, S. 268 u. s. (über ihn und seinen Sohn Dr. Simon Kirchheim in Frankfurt a. M.). 2) In. der Vorlage unterstrichen. 3) Jedem entsprechend seinem Range und seiner Hoheit (Würde-.